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THEMA: Tag 8 meiner Reise ( ein Auszug ) Puente la Reina

Tag 8 meiner Reise ( ein Auszug ) Puente la Reina 11 Jahre 2 Monate her #13

„Eine merkwürdige Frau,“ dachte ich und ging in unser Zehnbett-zimmer. Hier waren gerade alle unsere Freunde angekommen, die sich wirklich sehr freuten, dass wir alle gemeinsam in einem Raum untergebracht waren. Monica, die wieder mal ein Bett unter mir bezogen hatte oder ich eins über ihr, wie man es sieht, schaute auf meinen Rucksack.
„Darf ich ihn mal anheben?“ fragte sie.
„Klar doch,“ antwortete ich ihr etwas verwundert. Sie versuchte meinen Rucksack mit einer Hand zu heben, aber das ging nicht. Bruno hatte das gesehen und wollte auch mal. Er hob ihn leicht an, ließ ihn dann aber mit einem lauten Pusten wieder ab.
„Werner. Der ist viel zu schwer. Damit kommst du nicht in Santiago an.“
„Da ist alles drin, was ich brauche,“ entgegnete ich ihr. Was wollte die bloß immer mit meinem Rucksack? Ich musste den doch schleppen.
„Du hast noch mehrere hundert Kilometer vor dir. Und mit dem Gewicht machst du dir deinen Körper kaputt.“ Ihr Ausdruck war sehr ernst.
Dann schaltete sich Heike, die Physiotherapeutin ein.
„Lass uns doch mal gemeinsam sehen, was du so alles eingepackt hast. Und wir schauen dann, ob du das wirklich brauchst,“ schlug sie vor. Zuerst dachte ich an Kindergarten und es war mir gar nicht recht. Aber da ich den Rucksack sowieso auspacken und aufräumen wollte, dachte ich, warum nicht?
Und dann begann etwas, das ich so schnell nicht vergessen werde. Ich schnappte mir meinen Rucksack und öffnete ihn. Mir gegenüber nahmen Monica, Martin und sein Sohn Bruno, Heike, Peter und Toni auf den Betten Platz. Ich hatte den Rucksack mangels Erfahrung nach meinem Reiseführer gepackt. Da waren die Dinge, die ich auf jeden Fall brauchen würde, Dinge, die ich wahrscheinlich brauchen könnte, und die, von denen ich dachte, sie unbedingt brauchen zu müssen.
„Wo ist dein Zelt?“ fragte Monica.
„Wieso Zelt? Hab ich nicht. Was soll ich mit einem Zelt?“ erwiderte ich entgeistert.
„Warum schleppst du dann eine Isomatte mit dir rum?“
„Ja stimmt,“ wurde ich kleinlaut.
„Weg damit!“ war ihr kurzer, knapper Kommentar. Gegen meine jeweils drei Paar Socken, Unterhosen und T-Shirts, meine Badeschlappen und die kurze Hose hatte sie mit einem knappen Wink und einem „ok“ nichts einzuwenden. Dann kam mein Verbandskasten zum Vorschein, und der entlockte ihr das erste unterdrückte Grinsen.
„An was für einer Katastrophe willst du denn teilnehmen? Willst du bei einem Flugzeugunglück helfen?“ Ich zeigte den fast kompletten Inhalt eines handelsüblichen Auto Verbandskastens inklusive Aludecke vor. Die ersten fingen an zu lachen. Danach kamen meine spitzen Adidas Joggingschuhe zum Vorschein. Monica lachte.
„Willst du zwischen deinen tausend Kilometer wandern auf dem Jakobsweg auch noch eine Runde joggen gehen?“ Es entwickelte sich ein Schlagabtausch zwischen Monica und mir. Die anderen lachten nur noch über die Situationskomik. Ich erkannte die Gelegenheit und ergab mich wehrlos in die Rolle des Vollidioten. Nach und nach zog ich völlig überraschende Dinge aus meinem Rucksack wie ein Zauberer aus seinem Zylinder und die Vorstellung war grandios. Ich versuchte zu erklären, warum ich dieses oder jenes doch so dringend auf dem Jakobsweg brauchen würde, aber das machte alles nur noch schlimmer. Nach ein paar Minuten standen den meisten die Tränen in den Augen.
Selbst Monica brauchte immer wieder einen Moment, um Luft zu holen, bevor sie den nächsten Kommentar abgab. Martin und Bruno lagen sich in den Armen. Zwischendurch ging die Tür auf und vom Flur aus schauten andere Pilger kurz herein, was denn hier abging. Ob es mein Maniküreset war, oder mein Barthaarschneider, nichts konnte sie beruhigen und so hatte auch ich vor lachen die Tränen in den Augen stehen.
Als ich dann zum guten Schluss von ganz unten meine feuchten Toilettentücher und meine Gesichtserfrischungstücher wortlos herauszog und die Gruppe diese erkannten, warfen sie sich vor Lachen auf den Boden. Es dauerte Minuten, bis sich alle wieder erholt hatten und es passierte im Laufe des Abends immer wieder, wenn mir jemand von meinen Freunden über den Weg lief, dass er oder sie spontan anfing zu lachen.
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