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Der Jakobsweg in Spanien - Somport

 

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Grenzort in den Pyrenäen an der französisch - spanischen Grenze in 1.640 Metern Höhe. Autonome Region Aragon mit ca. 1,35 Mio. Einwohnern und der Hauptstadt Zaragoza. Kleinere Industriestandorte und hauptsächlich landwirtschaftlicher Anbau von Getreide, Oliven, Sonnenblumen und Soja.

Start des Camino aragones durch ruhige Berglandschaften und schöne Laubmischwälder. Sehr ruhige Jakobsweg Etappe, da nicht von vielen Pilgern genutzt. Der Weg führt meist bergab und ist gut ausgeschildert. 858 Kilometer bis Santiago de Compostela.

Das erste Wegzeichen am Camino aragones      Am Somport Pass    
 

 

Folgend der erste Tag aus der Reisedokumentation "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" von Werner Jakob Weiher.

Alle weiteren Tagesetappen auf dem Jakobsweg in Spanien bis nach Santiago de Compostela können über die Jakobsweg Karte ( Link oben "Hier gehts zur Karte") aufgerufen werden.

Die Fotos kann man durch anklicken zoomen. Viel Spaß !

 

Somport-Pass/ Jaca

   Ein Geraschel und Gewusel weckte mich auf. Ich musste mich einen Moment sammeln. Von der oberen Etage meines Stockbettes konnte ich sehen, wie sich drei, vier oder fünf Gestalten durch den Raum bewegten. Es war kein Licht an und durch das einzige, winzige Fenster drang kaum Licht. Nun konnte ich  sehen, dass der Raum nur etwa fünfzehn Quadratmeter groß war. Fünf doppelstöckige Betten standen hier eng aneinander.

   Heute war der Tag, an dem ich endlich meinen Jakobsweg beginnen konnte. Als das Zimmer halb leer war, kroch ich aus meinem Bett und kramte in meinem Rucksack die Waschutensilien heraus. Aber die einzig verfügbaren zwei Bäder waren besetzt. Ein Blick auf die Uhr – es war kurz vor sieben. Für den Transport im Flugzeug hatte ich meinen Rucksack verschweißt. Die Iso - Matte, ein Kamerastativ und zwei Alutrinkflaschen hatte ich in einer riesigen Plastiktüte zusammen mit der Kameratasche als Handgepäck im Flieger mitgeführt. Diesen ganzen Kram musste ich jetzt natürlich vor Beginn der Wanderung sortieren und einigermaßen intelligent verstauen. Dazu war es nötig, den kompletten Rucksack auszupacken. Also suchte ich mir erst mal eine ruhige Ecke, wo ich mich ein wenig ausbreiten konnte. Nicht einfach in einer Pilgerherberge. Jetzt schienen mir die Dinge, die ich mitgenommen hatte, so zahlreich. Und die ganze Zeit spürte ich, wie mich jemand im Raum beobachtete. Eine Frau saß am Tisch in der Ecke und schien auf jemanden zu warten.

   Irgendwann waren mein Rucksack ich und reisefertig. Ich verließ als letzter das Zimmer und traf alle wieder im Frühstücksraum. Jörg winkte mich zu sich. Er hatte sein Frühstück gerade begonnen. Eine große Tasse Kaffee, bretthart gebackener Toast, der auch als Zwieback durchgegangen wäre, mit Konfitüre und Butter waren in den Übernachtungskosten von zwölf Euro inbegriffen.

   Ich trat das erste Mal vor die Tür und mich erwartete ein herrliches Bergpanorama. Als wir gestern hier im Dunkeln angekommen waren, konnten wir nicht sehen, dass nur zwanzig Meter neben der Pilgerherberge das erste Wegzeichen in einen schmalen Weg ins Tal zeigte. Zwei Damen kamen aus der Türe, schon komplett bepackt und baten mich auf Spanisch, ein Foto von ihnen zu machen. Die schöne Bergkulisse der Pyrenäen im Hintergrund, machte ich zwei Fotos und verabschiedete die Damen mit einem „Buen Camino“, meinem ersten Pilgergruß.

Somport

Mir fiel ein, dass ich ja auch Fotos machen wollte. Ich hatte mir extra für diese Reise ein modernes Handy mit einer integrierten, hochwertigen Kamera zugelegt. Ich machte das erste Foto am Weg, ohne zu ahnen, dass es einige hundert werden sollten.

Als ich zurück in die Herberge ging stand Jörg schon in voller Montur abreisebereit.

   „Du, Werner“, sagte er, „wir müssen jetzt aber nicht immer zusammen gehen?“

   „Nein, nein, “ antwortete ich, „lass jeden von uns sein Tempo gehen. Ich wünsche dir einen guten Weg.“

   „Das wünsche ich dir auch. Wir sehen uns. Und denk an deinen Stempel.“

   Mit diesen Worten ging er mit einem Lächeln an mir vorbei.

   Na klar. Vor lauter Aufregung hatte ich fast vergessen, mir meinen ersten Stempel in meinen Pilgerpass geben zu lassen. Dann wuchtete ich meinen Rucksack auf und ging meine ersten Meter. Ich war sehr stolz.

   Nach einigen hundert Metern ins Tal hinunter traf ich an einer großen Hinweistafel die beiden Damen, die ich fotografiert hatte. Jörg war schon nicht mehr zu sehen und so folgte ich dem Weg. Es fühlte sich alles so gut an. Ich fühlte mich genau richtig hier und als es einen kleinen Hang hinauf ging, augenblicklich in meine Kindheit versetzt. Als ich etwa fünfzehn Jahre war, hatte ich mit der Familie eine Wandertour in Österreich gemacht, bei der ich ein richtiges Edelweiß in den Gipfelregionen gepflückt hatte. Das war genauso ein Gefühl in der Stille dieser Berglandschaft.

   Die Sonne zauberte wunderschöne Lichtspiele zwischen den Bergen in die Täler. Das sah so schön aus, dass ich das ein und andere Mal stehen blieb und mir dieses Schauspiel ansah. In einem solchen Moment schritt die Frau aus der Herberge, die meine Packorgie beobachtet hatte, an mir vorbei. Sie sah mich kurz ohne etwas zu sagen, mit ernstem Gesicht an und zog in einem recht strammen Tempo weiter.

   „Hm, wohl noch nicht ganz ausgeschlafen“, dachte ich mir und konzentrierte mich wieder auf die Natur. Die ersten Kilometer machten mir einen Riesenspaß.

   Vier Wochen lang hatte ich auf diesen Moment hingearbeitet. Und den Plan, den Jakobsweg zu gehen, habe ich dann auch die ganze Zeit für mich behalten. Bei meiner Abreise wussten nur vier Personen, wo ich die nächsten sechs Wochen sein würde. Alle anderen habe ich beim Einchecken am Flughafen mit einer SMS von meinem Handy aus informiert. Dann habe ich das Handy ausgeschaltet und war nur noch für einen Freund, der sich um meine Post, Bank und ums Haus kümmerte, für den absoluten Notfall erreichbar. Und ich konnte mir eigentlich keinen Notfall vorstellen, der mich zurückgeholt hätte.

   Um meiner Familie, Freunden, Bekannten und Kollegen die Möglichkeit zu geben, trotzdem zu wissen, was ich so machte, hatte ich mir etwas einfallen lassen. Ich hatte eine Internetseite ins Netz gestellt. Auf dieser Seite hatte ich mein Projekt „Jakobsweg-live“ dargestellt. Mit meinem schon erwähnten Handy wollte ich von jedem Tag meiner Reise Fotos, kurze Videoclips und als besondere Überraschung, jeden Tag Live-Kommentare, die ich während des Wanderns aufnehmen wollte, täglich auf die Seite stellen. So konnte jeder abends sehen und hören, was ich erlebt hatte. Was aus dieser Internetseite einmal werden würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

   In mir wuchs der Gedanke, dass eine meiner wichtigsten Fragen für den Jakobsweg die war, wie ich in Zukunft mein Leben gestalten sollte. Als ich mit diesen Gedanken fünf Tage vor meiner Abreise abends ins Bett ging, wachte ich morgens mit einem ganz bestimmten Gefühl aus einem Traum wieder auf. Dieses Gefühl bestätigte mir, dass ich mich in die richtige Richtung bewegte.

In nur eine Richtung ging mein erster Tag auf meiner Pilgerreise. Nämlich immer nur entlang der gelben Pfeile, die überall aufgemalt den richtigen Weg anzeigten. So einfach kann das Leben sein. Und wenn man die Augen offen hält wird es noch einfacher.

   Die schönen Sonnen- und Schattenspiele in den Bergen und Tälern waren mir schon aufgefallen. Aber etwas hatte mich irritiert. Nachdem nämlich die wortlose Frau an mir vorbei gegangen war und ich mich wieder den Lichtspielen zugewandt hatte, sah es einen Moment so aus, als würden Sonnenschein und Schatten wie in einer Welle in eine Richtung verlaufen - in die Richtung des Weges.

Schlucht

   Am frühen Mittag kam ich in ein schattiges Tal, wo der Weg an einem Zaun zu enden schien. Als ich mich umsah, konnte ich ein paar Sonnenstrahlen sehen, die durch eine Baumgruppe auf einen kleinen Durchgang schienen, durch den der Weg weiter führte.

   „Wow“, dachte ich bei mir, nach diesem himmlischen Wegweiser, „da bin ich aber mal gespannt auf die restlichen neunhundertundachtzig Kilometer.“

Nachdem ich den „beleuchteten“ Durchgang passiert hatte, lief ich gleich auf eine kleine Herde Kühe zu, die friedlich grasten. Sie würdigten mich keines Blickes. Sie hatten sich wohl an die vielen Menschen gewöhnt und schienen sich nicht daran zu stören, dass der Jakobsweg direkt über ihre Weiden führte. Der Weg führte durch sehr schöne Laubmischwälder in ein kleines Tal und mündete in einen richtigen Blättertunnel.

BlättertunnelIch atmete tief durch und genoss die herrliche Natur. Niemand war zu sehen. Ich war allein und fühlte mich frei wie ein Vogel. Dies waren meine ersten Kilometer, aber das war schon besser, als ich mir „Wandern“ vorgestellt hatte.

   Der Entschluss, meine Reise auf einem Höhenpass zu beginnen, hatte außer den schon erwähnten Gründen, noch einen anderen, für mich sehr angenehmen Grund. Und zwar den, dass ich meine Pilgerreise in ein Tal herab beginnen würde und nicht, wie die andere, gängigere Route aus Frankreich, die nämlich mit einem zweitägigen, steilen Aufstieg begann. „Hinab in das Tal des Aragon durch die reizvolle Pyrenäenlandschaft“ hatte es in meinem Reiseführer geheißen. Das hörte sich für mich sehr einladend an. Was ich nicht erwartet hatte war, dass ein Abstieg nicht nur abwärts führt. Und so wunderte ich mich an diesem ersten Tag, dass es doch ziemlich oft auch bergauf führte, wobei ich die knapp fünfzehn Kilogramm auf meinem Rücken deutlich spürte. Aber die beeindruckende Natur machte dies wieder wett.

   Nachdem ich über eine sehr schöne, mittelalterliche Brücke den Fluss Aragon überquert hatte, machte ich in einem Ort namens Villanua meine erste richtige Rast. Zwischendurch hatte ich mich mit Wasser und Müsliriegeln versorgt, aber hier duftete es aus einigen Häusern sehr gut nach Essen.

   Ich saß auf einer steinernen Bank im Schatten neben dem Fluss und genoss mein verspätetes Mittagmahl, als ich von einem Pilger auf Englisch angesprochen wurde.

   „Hallo. Wo kommst du her?“ wollte Richard aus Kanada wissen. 

    Ich antwortete brav und dachte mir, wie er und seine Freundin wohl auf den Gedanken gekommen waren, sich von Kanada aus auf den Jakobsweg in Spanien aufzumachen. Ich war aber noch etwas zurückhaltend und meine Englischkenntnisse waren etwas eingerostet.

   So beschränkte sich die Unterhaltung auf die restliche Wegstrecke, die noch vor uns lag.

   Die sollte aber von hier aus nur noch ständig bergab führen. Bei strahlendem Sonnenschein bewegte ich mich durch die Pyrenäenlandschaft in Richtung Jaca, meinem heutigen Etappenziel. Und so freute ich mich sehr als ich einen Wegweiser las „Castiello de Jaca drei Kilometer“.

   „Super!“ dachte ich und wunderte mich über die Leichtigkeit, dreiunddreißig Kilometer an einem Tag gehen zu können. Mein Ziel vor Augen füllte ich an einem Brunnen meine Wasserflasche auf und marschierte dem vermeintlich nahen Ziel entgegen. Ich musste aber feststellen, dass „Castiello de Jaca“ eine Art Vorort war und ich bis zu meinem Ziel Jaca noch mal sieben Kilometer zurücklegen durfte.

jacaDas fand ich gar nicht lustig, denn diese restliche Strecke tat meinen Füssen dann richtig weh – mein Reiseführer hatte es gewusst.

   Wo sich die Pilgerherberge in Jaca befand, wusste ich ja schon vom Vortag. Die freundliche Dame, die Jörg und mir geholfen hatte, noch gestern Abend nach Somport zu gelangen, stempelte mir meinen Ausweis und zeigte mir die Schlafkammern. Dachte ich zumindest, aber ich wurde angenehm überrascht. Nicht zu vergleichen mit dem Zimmer in Somport war der Schlafsaal hier ohne Stockbetten in eine Art Zweierbettkammern aufgeteilt. Und da der ganze Raum noch fast leer schien, reservierte ich mir mal gleich zwei Betten in einer Ecke.

   „So“ dachte ich. Das waren jetzt deine ersten dreiunddreißig Kilometer. Jetzt, wo ich hier bequem auf meinem Bett saß, erschien es mir nicht so schwer gewesen, wie noch auf den letzten Kilometern. Meine Füße taten noch weh und ich war verschwitzt, aber nach einer ausgiebigen Dusche ging es mir besser. Ich legte mich eine halbe Stunde hin und ging dann zum Essen.

   Ich begab mich in die schöne Altstadt des recht lebendigen Städtchen Jaca, das hauptsächlich vom Ski-Tourismus lebt und hatte ein gutes, typisch spanisches Abendessen mit Fisch, Pasta und Wein. Zum Bummeln durch die Stadt hatte ich dann aber keine Lust mehr. Ich war müde und meine Füße wollten nicht mehr laufen. Der lange Weg und der Wein führten mich dann schnurstracks in Richtung Refugio, wie die Pilgerherbergen genannt werden.

   Kurz davor liefen mir Jörg und die wortkarge Frau um eine Hausecke fast in die Arme.

   „Hey, Werner.“ sagte er überrascht, und es war beiden anzumerken, dass sie es sehr eilig hatten.

   „Wir haben einen riesen Hunger und wollen so schnell wie möglich etwas essen. Wir sehen uns ja später noch.“ Ohne eigentlich angehalten zu haben, waren die beiden auch schon hinter der nächsten Ecke verschwunden. Sie hatte wieder nichts gesagt und mich nur kurz angesehen. Sollte mir auch egal sein. Ich wollte eigentlich nur meine Ruhe haben und alleine sein.

So richtete ich mich für die Nacht ein. Mein zweites Bett war frei geblieben und so konnte ich mich richtig schön ausbreiten. Ich legte mich hin und hörte meine Füße einen Seufzer ausstoßen.

Um Punkt zehn Uhr ging das Licht aus. Mit mir waren nur etwa zehn Pilger in der Herberge. Jörg und die Schweigsame waren noch nicht da. Schliefen sie vielleicht in einem anderen Raum? Ach - egal. Ich wollte jetzt schlafen.

   Hatte ich dann auch fast. Aber Unruhe im Raum weckte mich wieder auf. Ich erkannte Jörg und Begleitung, deren Abendessen wohl etwas länger gedauert hatte. Und – es machte den Eindruck, dass auch der Wein seine Wirkung tat. Jedenfalls hörte ich den ersten Ton, den die Schweigsame von sich gab – es war ein Kichern. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis endlich Ruhe einkehrte.

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD