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Der Jakobsweg in Spanien - Fromista

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Jakobsweg Impressionen Teil 4

 

Itero de la Vega / Fromista / Carrion de los Condes

Marlies zupfte an meiner Decke.

   „Hallo, Schlafmütze.“ Ich schaute zum Fußende meines Bettes.

   „Nicht dass du dich erschreckst, wenn du aufwachst. Wir sind jetzt alle weg.“ Für mich hörte sich das so an wie „Junge, wach auf. Du musst zur Schule.“ Beides hatte mir nicht gefallen.

   Draußen war es noch dunkel. Ich rieb mir die Augen und schaute in den schwach beleuchteten Raum. Alle Betten waren leer. Nee, diese Pilger! Dabei fiel mir wieder ein - ich war selbst einer. Also stand ich auf und machte mich in der menschenleeren Herberge, unter Ausnutzung des gesamten mir zur Verfügung stehenden Platzes, wanderfertig.

   Ich hatte Mühe in der Dunkelheit im Dorf die ersten Wegzeichen zu finden. Da ich aber gelernt hatte, dass mir morgens immer die Sonne direkt im Rücken stand, schaute ich mich um, wo sie gleich aufgehen würde und orientierte mich in die entgegengesetzte Richtung. Ich war schon fast aus dem Dorf heraus, als das erste Licht der Sonne einen gelben Pfeil auf dem Giebel eines Hauses anleuchtete.

   “Danke, “ sagte ich leise.

   FromistaDie etwa dreiunddreißig Kilometer lange Etappe des heutigen Tages fasst mein freundlicher Reiseführer wie folgt zusammen: „Die endlosen Weiten sollten einen nicht entmutigen. Sie gehören zu den stärksten Erfahrungen des Weges.“ Und ich war bereit für starke Erfahrungen.

   Im ersten Ort lockte mich eine handgeschriebene Tafel mit einem Frühstücksangebot vom Weg weg in eine Pilgerherberge. Ich betrat einen wunderschön angelegten Garten mit Blumen, Skulpturen und einem eigenen Swimmingpool.

   „Schade“, dachte ich. Hier hätte ich eigentlich auch gerne übernachtet. Ich hätte gestern nur noch fünf Kilometer weiter laufen müssen, um in dieses kleine Paradies hier zu kommen. Aber ich wollte zumindest das Frühstücksangebot genießen. Während ich das tat, setzte sich ein junges, deutsches Paar an den Nachbartisch. Sie unterhielten sich über ihre Tagesplanung und meckerten über irgendetwas herum.

   „Hallo, “ sprach er mich an, „hast du auch hier übernachtet? Ich habe dich auf der Grillparty gestern im Garten gar nicht gesehen.“

   „Grillparty. Das auch noch, “ dachte ich und erzählte ihm, dass ich schon fünf Kilometer hinter mir hatte. Das machte auf die beiden mächtigen Eindruck und sie wurden neugierig.

   „Wo bist du denn gestartet?“ wollte sie nun wissen.

   „Somport“, war meine kurze, aber extrem lässige Antwort. Und nun ließen sie mich nicht mehr in Ruhe. Fragen über Fragen. Aber was für Fragen.

   „Wird man nicht oft in den Herbergen beklaut?“

   „Die sind ja oft viel zu teuer und sauber sind sie auch nicht.“

   „Wir haben gehört, dass es Bettwanzen geben soll.

   Alles schien in ihren Augen dubios und auf Nepp aufgebaut zu sein. Ich fragte mich, warum sie sich überhaupt auf den Weg gemacht hatten. Und mich wunderte, dass sie immer mit einer Bürste durch ihr Haar strich.

   „Vielleicht gehört das ja noch zu ihrer Morgentoilette“, dachte ich und versuchte mein Frühstück zu Ende zu bringen.

   „Wir sind vorgestern in Burgos gestartet“, sagte sie unaufgefordert, „und haben gar keinen festen Plan, wie weit wir jeden Tag kommen wollen. Wir gehen mal hierhin und mal dahin, wie es uns gefällt.“

   „Hierhin und dahin“, dachte ich. Das hörte sich so an wie „Hinz und Kunz“.

   „Na ja. Diese Herberge war ja ganz ok, “ sagte Hinz.

   „Ganz ok?“ antwortete ich entgeistert, „die Herberge hier ist ein Hammer. Sie ist total schön und mit viel Liebe eingerichtet. Sie ist supersauber und wird auch noch von einem deutschen Ehepaar geführt.“ Die beiden sahen mich verwirrt an.

   „Da werdet ihr aber noch tolle Überraschungen erleben. Pilgern ist kein Luxus, “ ereiferte ich mich ein wenig, „da muss man auch schon mal auf die Verhältnisse von zu Hause verzichten.“

   Hinz bürstete sich verlegen ihr Haar und Kunz mahnte zum Aufbruch. Da konnte ich zumindest meinen Kaffee in Ruhe austrinken. Ich bedankte mich bei den Besitzern der Herberge für das Frühstück und machte mich auf den Weg.

   Das Wetter war wieder einmal traumhaft schön mit einem strahlend blauen Himmel.

   Weiter vor mir entdeckte ich einen Pilger, der Probleme haben musste. Als ich näher kam, erkannte ich eine alte Frau mit Rucksack im Schneckentempo voran kriechen. Ihre Körperhaltung war schlecht. Ihr Gang war schief und das rechte Bein zog sie hinter sich her. Einige Minuten schaute ich mir das an und überlegte, was ich tun sollte. Hatte sie sich verletzt? Schleifte sie sich zum nächsten Ort? Langsam kam ich näher und ging auf die andere Seite des Weges, um sie nicht zu erschrecken.

   Ich sprach sie in englischer Sprache an, wünschte ihr einen guten Morgen und fragte, ob ich ihr helfen konnte. Sie aber schaute mich nur an mit einem überraschten Blick und antwortete mir mit einem knappen „no.“ Ich wünschte ihr einen „Buen Camino“ und ging weiter.

      Der Weg führte wenig später entlang eines Wasserkanals namens „Canal del Castilla“, der um das achtzehnte Jahrhundert erbaut wurde. Er war insgesamt über zweihundert Kilometer lang und überwand auf dieser Strecke, mit Hilfe von achtundvierzig Wehren, einhundertfünfzig Höhenmeter.

   Vor dem Ort Fromista führte der Weg über eines dieser Wehre. Und wer stand dort und machte Fotos? Hinz und Kunz. Ich lächelte sie an und wollte über die schmale Fußgängerbrücke den Kanal überqueren, als mich Hinz bat, ein gemeinsames Foto von ihnen auf dem Wehr zu machen. Darüber freuten sie sich so sehr, dass sie mich einluden, mit ihnen im Ort einen Kaffee zu trinken.

   Fromista„Gerne“, grinste ich etwas unehrlich. Wir fanden ein schönes Cafe und saßen draußen auf dem Vorplatz einer Kirche. Wieder ging das Gefrage los. Ich hätte ja nichts dagegen gehabt, Pilgern, die erst frisch unterwegs sind ein paar Tipps zu geben. Aber ihre Fragen waren alle so negativ angehaucht, als wollten sie eine Bestätigung, dass auf dem Jakobsweg vieles im Argen liegen würde. Dann kamen wir auf die übervollen Rucksäcke der beiden zu sprechen. Ich erzählte ihnen von meinen Entlastungserfolgen, aber sie versuchten ihre Notwendigkeiten nur zu verteidigen. Er hatte zum Beispiel fünf Bücher eingepackt für Zeiten der Ruhe.

   „Jow, “ schaute ich ihn an, „Ruhe in Frieden.“ Sie hatte wieder ihre Bürste in der Hand, mit der sie sich immer mal durchs Haar fuhr, was mich diesmal etwas irritierte.

   Wir saßen in unmittelbarer Nähe der Eingangstüre der kleinen Kirche und ab und zu beobachtete ich, wie jemand hinein oder hinaus kam. Dann entdeckte ich plötzlich ein bekanntes Gesicht - es war Jörg, der mich auch sofort bemerkte und sehr erfreut zu uns an den Tisch kam. Fast zwei Wochen hatten wir uns nicht gesehen.

   „Ich hatte mich schon gefragt, ob wir uns noch mal begegnen würden“, sagte er zu mir und begrüßte gleichzeitig Hinz und Kunz. Sie hatten in derselben Herberge übernachtet.

„Das war eine tolle Herberge. Die hatten..., “ ich unterbrach ihn lächelnd.

   „Ich weiß, ich hab da heute Morgen gefrühstückt.“

Jörg erzählte ein wenig über seine Erlebnisse und fragte mich nach Monica. Ich sagte ihm nur, dass wir uns zufällig in Burgos getroffen, und zusammen die Kathedrale besichtigt hätten. Warum ich nicht offen war, verwunderte mich in dem Moment. Ich hatte nichts zu verbergen, aber es hatte doch den Eindruck gemacht, er habe sich zu Anfang in sie verliebt und ich wollte ihm nicht die Laune verderben.

   „Aber mal was anderes“, interessierte es mich, „hat jemand von Euch die alte Frau auf dem Weg gesehen?“

   „Ja, “ erwiderte Jörg, „ das ist Katharina. Sie war auch mit uns in der Herberge. Ich habe ihr heute Morgen geholfen, den Rucksack aufzusetzen. Alleine kann sie das gar nicht.“

   „Aber sie ist doch verletzt, so wie sie geht“, meinte ich ungläubig.

   „Nein. Sie hatte vor einiger Zeit einen Schlaganfall und war vollkommen gelähmt. Dann hat sie angefangen zu beten und dem lieben Gott versprochen auf den Jakobsweg zu gehen, wenn er dies wieder zulassen würde. Und deshalb ist sie hier. Sie schafft es gerade von Herberge zu Herberge, aber ihr wird auch überall geholfen.“

   „Unglaublich“, sagte ich und erzählte von meiner Begegnung mit ihr und das sie mich so merkwürdig angesehen hatte, als ich ihr meine Hilfe angeboten habe.

   „Lass dich nicht von ihrem körperlichen Zustand und ihrem Alter täuschen. Du hättest sie gestern Abend auf der Grillparty erleben sollen. Sie ist im Geiste eine junge Frau mit richtig Humor.“ Jörg wirkte bei diesen Worten sehr berührt.

   „Sie hat mir erzählt, wie sie mit Gott spricht und er mit ihr.“

   Bei diesen Worten kam eine junge Frau an unseren Tisch und begrüßte uns. Conni hatte ebenfalls an der Grillparty teilgenommen. Sie stand neben Hinz und Kunz und erkundigte sich nach ihrem heutigen Ziel. Sie wollten vielleicht bis zum nächst größeren Ort und dann mit dem Bus weiter.

   „Ihr seid doch erst vorgestern in Burgos gestartet“, fragte sie entgeistert, „ und da wollt ihr schon mit dem Bus weiter?“

   „Es soll ja nicht zu anstrengend werden“, lächelte Hinz und bürstete ihr Haar.

   Daraufhin verabschiedete sich Conni und ich wandte mich wieder Jörg zu. Er war tatsächlich immer noch in seinen Sandalen unterwegs, ohne große Fußprobleme. Aber sonst schien ihm der Weg Schwierigkeiten zu bereiten. Er hatte sogar darüber nachgedacht, nach Hause zu fahren. Na, da wäre es sicher nicht lustig gewesen, ihm über Monica und mich zu berichten. Ich bekam Hummeln im Hintern und verabschiedete mich.

   Ich wanderte eine Weile durch abgeerntete Weizenfelder, als ich hinter mir das Gebimmel der Pferdekutsche hörte. Die ganze Truppe galoppierte an mir vorbei und schreckte zwei Störche auf, die unweit im Feld nach Mäusen gesucht hatten. Wenig später überholte ich Conni mit einem kurzen Gruß.

   An einer Brücke versorgte ich mich in einem kleinen Kiosk mit süßem Proviant, den ich im Schatten sitzend vertilgte. Conni kam auf mich zu und wollte wissen, wo ich das Eis her habe. Ich zeigte in die Richtung des Kiosks. Eine Minute später setzte sie sich zu mir.

   „Bei uns in Köln, “ startete ich den Versuch einer Konversation, „sagt man, wenn man sich dreimal am Tag begegnet, muss man dem anderen einen ausgeben.“ Da wir aber beide unser Eis schon hatten, verschoben wir das auf unser nächstes Treffen. Ich startete als erster, sie blieb in einiger Entfernung hinter mir.

   FromistaDer Weg führte nun einige Kilometer an einem Bach entlang in kleine Waldgebiete, die sich hier und da verengten und ziemlich dicht wurden. Außer Conni und mir konnte ich niemanden auf dem Weg entdecken. Manchmal schaute ich nach hinten, um zu sehen, ob sie noch da war.

  Als ich sie eine ganze Weile nicht mehr sehen konnte, setzte ich mich an die Seite des Weges und machte eine kurze Pause.

Minuten später tauchte sie auf und setzte sich mir gegenüber auf einen Baumstamm.

   „Jetzt geb ich eine Runde Schokolade aus“, sagte sie und schien nichts gegen eine Pause zu haben. Conni war in Frankreich gestartet und schon zwei Wochen unterwegs. Sie hatte ihren Jobwechsel genutzt, um eine Auszeit zu nehmen. Zeit spielte für sie also keine Rolle. Sie war verheiratet und ihr Mann ein selbständiger Architekt. Sie selbst hatte eine sichere Stellung bei der Stadtverwaltung aufgegeben und wollte sich in Zukunft um die Betreuung alter Menschen kümmern.

   Wir machten uns wieder auf den Weg und kamen auf die beiden aus dem Cafe zu sprechen.

   „Ich habe mich mit den beiden gestern während der Grillparty länger unterhalten, “ sagte sie. Ich konnte das Wort Grillparty nicht mehr hören.

   „Und ich frage mich, wie sie mit der Einstellung auf den Jakobsweg gekommen sind. Und hast du mal auf Rapunzel geachtet?“

   „Rapunzel?“ fragte ich zurück.

   „Ja. Ist dir nicht aufgefallen, dass sie sich andauernd die Haare bürstet?“

   „Klar ist mir das aufgefallen. Ich nenne die beiden übrigens Hinz und Kunz.“ Wir lästerten noch ein bisschen, bis wir am frühen Nachmittag im Ort Villacazar de Sirga im einzigen Restaurant des Ortes Jörg wieder trafen, der sich, wie wir, für die restlichen sieben Kilometer stärken wollte. Conni und ich nahmen also diese Kilometer unter die Füße und waren beide froh, nicht alleine gehen zu müssen.

   Der Weg führte schnurgerade neben einer Landstraße entlang. Einzig als Ablenkung geeignet waren Betonpfosten, die etwa einen Meter hoch, weiß gestrichen und mit einer blauen Jakobsmuschel bemalt, alle fünfhundert Meter am Weg standen. Es waren immer zwei nebeneinander und nur ein Pilger passte in der Mitte durch. Als Conni das erste Pärchen dieser Wegweiser außen herum umgehen wollte, sagte ich ihr, dass man immer in der Mitte hindurch gehen sollte. Keine Ahnung, woher ich das hatte, aber wir hielten uns daran.

   Unseren Zielort konnten wir dann schon bald sehen, aber er schien nicht näher kommen zu wollen. Als wir ihn dann endlich erreicht hatten, empfing uns eine Dame am Straßenrand. Sie machte eine Umfrage. Wir dachten erst an einen Witz, aber sie konnte sich ausweisen und stellte uns einige Fragen im Auftrag der staatlichen Touristenorganisation, die die Bedingungen für Pilger auf dem Jakobsweg verbessern wollte.

   Zu den persönlichen Daten machten wir Phantasieangaben. So waren Conni und ich verheiratet und hatten zu Hause zwei Kinder. Die Angaben zur Beschilderung des Weges, den Herbergen und Kirchen gaben wir dann aber korrekt an. Die Fragen hörten gar nicht mehr auf und langsam fingen meine Füße richtig an weh zu tun. Ich stellte mich von einem Fuß auf den anderen, während „meine Frau“ fleißig Angaben machte.

   Die erste Herberge im Ort war schon voll. Die Zweite fanden wir nicht und auch die Dritte öffnete sich uns erst im zweiten Anlauf.     

   Es war ein Nonnenkloster. Im Vorraum mussten wir uns anmelden und an einem Schreibtisch saßen wir einer ganz in weiß gekleideten Nonne gegenüber.

   „Sind Sie verheiratet?“ fragte sie uns. Wir grinsten uns kurz an und verneinten. So dauerte unsere Ehe nur fünfundvierzig Minuten. Die Nonne führte uns über den Innenhof des Klosters, der ein Basketball Spielfeld war, zu einem Nebengebäude.

   „Manchmal spielen wir hier gegen die Pilger“, scherzte sie auf Englisch. Wir bekamen in einem großen Schlafraum zwei Betten nebeneinander. Ich nutzte die Waschgelegenheiten und die Restsonne am späten Nachmittag. Conni erwischte mich beim Wäsche aufhängen.

   „Ich geh jetzt in den Ort. Vielleicht sehen wir uns beim Abendessen, “ sagte sie im Weggehen und drehte sich noch mal zu mir um.

   „Schließlich sind wir ja jetzt nicht mehr verheiratet.“

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD