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Der Jakobsweg in Spanien - Carrion de los Condes

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Der Jakobsweg kurz vor Sahagun

Carrion de los Condes / Sahagun

Diese Nacht hatte ich etwas unruhig geschlafen und wollte einfach nicht aus dem Bett. Ich wollte mich aber auch nicht von den Nonnen rauswerfen lassen und so stellte ich mich für eine Dusche kurz an.

   Gestern Abend hatte mich Monica angerufen. Wir führten ein langes Gespräch. Sie wollte unsere Beziehung klären, weil sie mich unbedingt weiterhin auf meinem Weg nach Santiago de Compostela „begleiten“ wollte. Sie hatte gesagt, dass sie so etwas noch nicht erlebt hatte, es aber auch irgendwie positiv sehen würde.

   „Vielleicht sollte es nicht sein mit uns beiden“, hatte sie gesagt,

   „und dass du lieber dem Weg gefolgt bist, zeigt, dass du eine wichtige Mission hast.“

   Ich wusste nicht, was sie damit meinte. Ich hatte in der Situation vor einigen Tagen aber wirklich das Gefühl gehabt, der Weg dulde keine Auszeit und riefe mich zurück. Ob es so etwas wirklich gab, wusste ich nicht. Ich wollte es auch nicht wissen, denn heute ging es mir irgendwie anders.

   Ich verließ die Herberge, um keine zweihundert Meter weiter in ein Cafe einzukehren, wo es warme Backspezialitäten gab. Ich frühstückte ausgiebig und schaute mir dabei draußen auf dem Hauptplatz meine Pilgerkollegen an, die sich auf den Weg machten. Heute verspürte ich nicht den Drang zu wandern. Trotzdem machte ich mich auf und schlenderte durch die engen Gassen der Altstadt und kam an eine Brücke. Hinter dieser Brücke folgte zwanzig Kilometer lang nichts - wirklich nichts. Kein Ort, fast nur gerade, ebene Strecke. Ich spürte einen Widerstand und blieb vor der Brücke stehen. Einige Pilger gingen an mir vorbei und grüßten, aber ich blieb stehen.

   Kurz entschlossen, und immer noch den feinen Duft des Gebäcks in der Nase, schlenderte ich zurück und setzte mich zu einem zweiten Frühstück wieder ins Cafe.

   Diesmal traf ich dort meine „Ex - Frau“. Ich setzte mich zu Conni an den Tisch und erzählte ihr, dass ich heute eine leichte Wanderblockade hätte. Dann erinnerte ich mich an einen Satz, den mir Monica gestern gesagt hatte.

   „Nichts, aber auch wirklich gar nichts auf dem Jakobsweg geschieht ohne Grund. Ob du Menschen triffst, die freundlich sind oder nicht, ob deine Gesundheit angegriffen ist oder nicht. Egal, wer oder was dir begegnet, es hat einen Sinn, “ hatte sie mir sehr eindringlich gesagt, „achte immer darauf, was dich anspricht, wohin du dich gezogen fühlst. Es könnte für deinen speziellen Weg wichtig sein.“

   Dass ich eine bestimmte Mission zu erfüllen hatte, dessen wäre sie sich sicher. Welche das allerdings war, konnte, so Monica, nur ich selbst herausfinden.

Nun, ja. Im Moment lag die Aufgabe im Überschreiten einer Brücke und dem Wandern durch zwanzig Kilometer Nichts.

   Das war mir jetzt zu blöd. Ich stand auf und bewegte mich wieder Richtung Brücke. Ich war fit, der Himmel blau und die Sonne schien.

   Und an der Brücke war wieder Schluss. Ich setzte mich auf die Mauer und dachte nach. Es fiel mir aber nichts Vernünftiges ein, außer, dass mir die Situation echt blöd vorkam. Das änderte sich auch nicht, als Conni sich mir näherte.

   „Na? Willst du nicht rüber?“ blickte sie in mein ratloses Gesicht.

   „Alles hat seinen Grund auf dem Weg“, sagte sie. Dann gab sie mir einen Kuss auf die Wange und überquerte die Brücke.

Condes

 Ich schlenderte wieder zurück ins Dorf, und diesmal machte ich einen kleinen Umweg. Als ich in der Nähe des Hauptplatzes um die Ecke bog, jubelten mir eine Gruppe bekannter Gesichter zu. Auf der Terrasse eines Cafés in der Morgensonne saßen Jörg, Marlies, Martina, Hinz und Kunz und das kanadische Paar, mit dem ich einige Tage zuvor das Zimmer geteilt hatte.

   „Wir haben heute alle keine Lust. Wir machen hier einen Sitzstreik, “ sagte Jörg, der ungewohnt gute Laune zu haben schien. Die ganze Truppe war so merkwürdig gut drauf, dass ich schon den Verdacht hatte, sie hätten sich schon etwas Alkoholisches gegönnt. Bei dem Wort Sitzstreik war ich dabei und erzählte gleich, dass ich schon zweimal an der Brücke gewesen war.

   Nun war es ein kleiner Trost für mich, dass es auch anderen gestandenen Pilgern, Hinz und Kunz mal ausgenommen, so erging wie mir. Es gestaltete sich ein recht feudaler Vormittag. Alle hatten sich gestern mit reichlich Proviant eingedeckt für die lange, einsame Strecke. Und der wurde jetzt Stück für Stück hervorgeholt und so waren wir gegen Mittag voll abgefüllt.

   Marlies bedankte sich nochmals für das Teebaumöl, das ihr sehr geholfen hatte. Mich interessierte, wie die Gruppe nun weiter wollte. Jörg wollte hier im Ort bleiben und morgen einen neuen Versuch machen. Die anderen warteten auf dreizehn Uhr. Sie hatten sich Tickets für den Bus gekauft. Zuerst ignorierte ich das Wort Bus und redete weiter mit Jörg, der entspannt die Sonne genoss. Dann ging es wieder ganz schnell. Marlies fragte, wie ich denn weiter wollte.

   In dem Moment, als ich antworten wollte, fuhr der Bus vor. Er hielt einen Meter neben meinem Stuhl. Nicht nachdenkend holte ich meinen Rucksack und verabschiedete mich von Jörg. Mein Ticket löste ich beim Fahrer und setzte mich hinter Hinz und Kunz. Die Unterhaltung der beiden war wieder genauso, wie ich es schon von ihnen kannte

   „Die Herberge letzte Nacht war viel zu laut, nicht sauber und eigentlich zu teuer.“ Und am dritten Tag ihrer Reise saßen sie schon im Bus, der kurze Zeit später in Terradillos de los Templarios hielt. So spontan ich eingestiegen war, eilte ich nun zur Tür hinaus.

   Vor meinem geistigen Auge tauchte das Bild der Brücke auf und wie zeitversetzt stand ich nun hier. Es geschah alles so spontan und schnell, ohne zu planen und nachzudenken. Langsam beschlich mich der Verdacht, irgendjemand setzte mich wie eine Figur von hier nach dort, damit ich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein würde.

   Ich setzte mich auf den Bordstein und studierte meinen Reiseführer. In etwa zwölf Kilometern gab es einen Ort namens Sahagun. Der Name gefiel mir und so wanderte ich bei herrlichem Wetter los. Am späten Nachmittag kam ich dort an und fand eine Herberge, wie ich sie mir schon vor meiner Reise gewünscht hatte. Es war eine alte Kirche.

   Über eine Treppe gelangte man auf eine große Empore, auf der zwanzig Betten und eine kleine Küche untergebracht waren. Dieser Raum war abgetrennt vom großen eigentlichen Kirchenraum, der als Konzert-, und Theatersaal genutzt wurde. Wenn hier am Abend, teils bis spät in die Nacht gespielt wurde, mahnte man die Pilger, ganz leise zu sein.

   Ich quartierte mich in dem, von außen nach rein gar nichts aussehenden, Gotteshaus ein und gönnte mir am Abend in einem feinen Restaurant ein ausgiebiges, gutes Essen mit einer Zigarre zum Nachtisch. Heute Abend gab es etwas zu feiern. Ich hatte die Hälfte meiner Wegstrecke geschafft. Fünfhundert Kilometer lagen hinter mir, weitere Fünfhundert noch vor mir, und vergangen war die Zeit wie im Flug.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD