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Der Jakobsweg in Spanien - Sahagun

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Sahagun / Calzada del Coto / Reliegos

Die Nacht in der Kirchenherberge war besonders. Zwar kannte ich niemanden der Pilger hier, aber ich konnte von der oberen Etage meines Stockbettes, durch einen kleinen Sichtspalt, in die Kirche hineinsehen. Ein Konzert fand zum Glück an diesem Abend nicht statt. Am nächsten Morgen war ich früh wach und wie so oft vor Sonnenaufgang unterwegs. Als ich den ersten gelben Pfeil an einer Hauswand fand, bot sich mir wieder einmal ein symbolisches Bild.    

   SahagunDie Dächer des Ortes waren noch dunkel, aber in Richtung des Weges strahlten die ersten Sonnenstrahlen einen Kirchturm an. Er leuchtete so hell, dass ich einen Moment stehen blieb, um mir das Schauspiel anzusehen. Diese „Wegzeichen“ begleiteten mich nun schon den ganzen Weg. Ich fühlte mich beschützt und wusste mich auf dem einzig richtigen Weg.

   Nachdem ich den in den Himmel ragenden Wegweiser erreicht hatte, bemerkte ich, dass die Türe der Kirche offen stand. So etwas zieht einen ja magisch an, zumal das Gebäude schon von außen sehr schön ausschaute. Es handelte sich um ein ehemaliges Benediktinerkloster, das bis ins neunzehnte Jahrhundert das bedeutenste Kloster Spaniens war.

   Ich legte meinen Rucksack beiseite und setzte mich in eine der Bänke. Niemand war hier. Ich schloss die Augen und fand mich gedanklich über zwanzig Jahre zurückversetzt.

   Meine Erinnerung brachte mich in eine Zeit, als ich selbst einige Wochen in einem Benediktinerkloster in der Eifel gelebt hatte. Ich war dort als Gast untergebracht und durfte den Alltag der dort lebenden Mönche teilen. Ich hatte morgens um sechs Uhr die erste Messe miterlebt, in der Gärtnerei gearbeitet und durfte an den gemeinsamen Essen teilnehmen.

   Der Speisesaal war mit Holzbänken und einer Holzvertäfelung an der Wand ausgestattet. Immer, wenn die beiden wuchtigen, schweren Holztüren geschlossen wurden, war es augenblicklich mucksmäuschenstill. Der einzige, der nun noch reden durfte, war der Vorleser, der auf einer Art Kanzel saß und aus dem Tagebuch von Albert Schweitzer vorlas.

   Die Mönche saßen mit dem Rücken zur Wand etwas höher auf ihren Plätzen, die Gäste in der Mitte des Raumes. Es gab sehr gute bürgerliche Küche und vom selbst angebauten Wein.

   Ich durfte mich frei bewegen und hatte oft die Gelegenheit in einem kleinen Saal ein uraltes, aber gut erhaltenes Bechstein Klavier zu spielen. Zu dieser Zeit hatte ich ein wenig Unterricht bekommen, aber aus dem Flügel war mehr heraus zu holen. Ich lernte im Kloster eine junge Frau kennen, die sich eines Abends wortlos zu mir ans Klavier setzte und wir spielten ohne irgendeine Absprache wunderschön improvisierte Stücke zusammen.

   Ich hatte mich zu dieser Zeit in das Kloster begeben, weil ich ein bestimmtes Buch in Ruhe lesen und studieren wollte. Außerdem hatte ich mich schon immer für das Klosterleben interessiert. Nicht etwa, weil ich mich mit dem Gedanken im Kloster zu leben beschäftigte, sondern weil mich die Atmosphäre, ja ich möchte sagen, die Mystik solcher Gebäude schon immer fasziniert und angezogen hatte.

   In Bezug auf den Aufenthalt in diesem Kloster war mir als eines der bemerkenswertesten Ereignisse in meinem Leben, der letzte Tag in Erinnerung geblieben. Ich verließ das Kloster durch einen Nebeneingang. Es hatte nachts geschneit und ich stapfte durch eine dicke Schneedecke. Ich schaute auf meine Füße und der Schnee knirschte unter ihnen.

   Keine vierundzwanzig Stunden später schaute ich wieder auf meine Füße. Diesmal drückten sie sich in den warmen, weißen Strandsand der Karibikküste. Ich hatte damals einen Traumjob in Mexiko.

  Zu dieser Zeit befand ich mich privat, wie beruflich in einer Umbruchphase. Ich lebte nur in den Tag hinein und folgte ausschließlich merkwürdigen „Zufällen“, die sich ereigneten.

   Ich öffnete meine Augen und befand mich wieder klaren Kopfes im Kloster von Sahagun.

   „In einer ähnlichen Lebenssituation befinde ich mich jetzt auch“, sagte ich leise zu mir.

   „Richtig“, hörte ich und schaute mich verwirrt um. Ich war immer noch allein.

   Hinter Calzada del Coto gabelte sich der Weg. Die eine Variante führte durch drei Dörfer, die zweite nur durch einen kleinen Ort. Instinktiv entschied ich mich für die knapp zwanzig Kilometer lange, einsame Strecke, nachdem ich mich mit reichlich Proviant und Wasser eingedeckt hatte.

   Weite Getreidefelder mit seltenen, kleinen Baumgruppen bestimmten die langweilige Landschaft. Ich hatte den Eindruck, völlig alleine hier unterwegs zu sein. Aber das war auch gut so. Ich dachte über meine Gedanken im Kloster nach und war noch etwas irritiert über die Antwort auf meine Feststellung.

   SahagunDas hatte nicht ich gesagt. Ich fasste auf meinen Kopf. Die Kappe hatte ich auf, einen Sonnenstich  hatte ich also nicht. Mitten auf dem Weg lief ich durch eine große Herde Kühe, die frei herum liefen.

   Ich ging einfach, ohne mein Tempo zu verringern, an diesen großen Tieren vorbei, von denen ich einige sogar leicht berührte. Ich befand mich in einem merkwürdigen Zustand. Diese Gegend hier schien vollkommen zeitlos zu sein. Und ich hatte den Eindruck, etwas in mir wusste genau, was ich hier tat.

   Es war ziemlich warm geworden. Ich hatte mir meine Kappe ins Gesicht gezogen und meinen Blick nach unten gerichtet. So sah ich nur die nächsten zwanzig Meter meines Weges vor mir. In diesem stupiden Wandertempo kamen mir nun all die Zufälle und Eindrücke meines bisherigen Jakobsweges in den Sinn. Es waren eine Menge und ich hatte gerade die Hälfte meines Weges hinter mich gebracht. Bilder, Gesichter und Stimmen meiner bisherigen Weggefährten und die Kirchen und Klöstern schwirrten in meinem Kopf umher.

   Ich wagte einen Blick in die Landschaft und blieb abrupt stehen. Jetzt hatte es mich wohl doch erwischt. Dabei nutzte ich doch jede Gelegenheit, meine Kappe unter kaltes Wasser zu halten, um meinem Kopf so die nötige Kühle zu geben. Aber das hatte dann wohl doch nichts genützt. Ich drehte mich um. Hinter mir sah alles normal aus. Aber vor mir – nicht. Etwa einen Kilometer vor mir, mitten in der Prärie, stand ein großer, weißer Reisebus mit Anhänger und der Aufschrift „Kölner Reisedienst“.

   Ich stand immer noch da, wie angewurzelt. Jakobsweg, Klöster, geheime Stimmen, Mystik, Kölner Reisedienst. Was passte da jetzt nicht? Langsam ging ich weiter. Um den Bus herum war niemand, er stand einfach da. In langsamem Tempo kam ich näher heran und hörte plötzlich hinter mir - oh Gott, diese heiße Sonne - das Gebimmel von Fahrradklingeln. Ich schreckte herum und etwa dreißig Herrschaften mittleren bis höheren Alters hielten mit ihren Fahrrädern auf mich zu. Bevor ich in Panik geriet, hörte ich in einem mir sehr bekannten Dialekt:

   „Och luuren`s doh. E ne Piljer.“ Oder geriet ich gerade jetzt in Panik? Die ganze Truppe überholte mich klingelnd und grüßend. Am Bus hielten sie an und stellten die Räder ab. Es ging nicht anders, ich musste durch sie durch.

   „Mach`s wie bei der Kuhherde“, dachte ich bei mir und schritt mit normalem Tempo durch die Gruppe hindurch. Einen richtigen Pilger mit Jakobsmuschel und Pilgerstab auf weiter Flur hatten sie wohl noch nicht gesehen. Einer von ihnen sprach mich an.

   „Willste mit uns watt essen, Jung?“ ich ging unbeirrt weiter und antwortete

   „No comprede, senor.“ Ich glaube, das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meine Herkunft verleugnet hatte, aber ich musste überleben.

   Als ich mich in sicherer Entfernung befand, drehte ich mich noch mal um. Auf der schattigen Seite des Busses waren eine Küche und Sitzgelegenheiten aufgebaut. Die Herrschaften saßen gemütlich beim Essen, während einer vom Personal die Fahrräder in den großen Anhänger verlud. Später am Abend sah ich den Bus an einem Luxushotel stehen.

   Und nun erinnerte ich mich auch an eine Diskussion, die ich mit Monica geführt hatte. Sie hatte mir erzählt, wie es mehr und mehr Touristen gäbe, die den Jakobsweg als Attraktion befahren und dabei sogar die Pilger in den Herbergen besichtigen würden. Ich hatte ihr das damals nicht abgenommen. Und nun war ich selbst zur Attraktion geworden. Die Situation war skurril gewesen und hatte mir, trotz einer gewissen Komik, die tiefe, bedächtige Stimmung verdorben.

   Noch vor zwei Wochen hätte ich mir über solche Dinge keine großen Gedanken gemacht. Aber nach meinen bisherigen Erfahrungen, den Menschen und ihren Geschichten auf und um den Jakobsweg und ganz speziell nach den Gesprächen mit Monica war ich auch nicht begeistert über den reinen Tourismus auf dem Weg.

   Mich von Herberge zu Herberge kutschieren zu lassen, um mir dann in Santiago die Pilgerurkunde abzuholen, fand ich von meinem jetzigen Standpunkt aus nicht gerecht. Ich war sehr gespannt, was ich noch alles in dieser Beziehung erleben würde. Von hier aus waren es ja immerhin noch fast vierhundert Kilometer. Monica hatte mir die abenteuerlichsten Dinge in diesem Zusammenhang erzählt.

   Am späteren Nachmittag kam ich von der Hitze ziemlich geschlaucht in Reliegos an. Hier gab es nur eine Herberge und ich hoffte auf einen freien Platz für mich.

   Während ich die Herberge betrat, kam mir aus einem Nachbarraum eine junge Frau mit einem herzöffnendem Lächeln entgegen und begrüßte mich. Ihr Name war Sabine, sie kam aus Reutlingen und meinte, ich könnte mir oben ein freies Bett aussuchen. Die Besitzer der Herberge würden erst am Abend vorbeischauen. Ich war noch ganz angetan von diesem lieben Lächeln und merkte wahrscheinlich deshalb nicht, dass ich hier in einer sehr bescheidenen Herberge gelandet war.

   Ich beschlagnahmte mir eines der Stockbetten und suchte als erstes die Duschen auf. Ich stand in einem dunklen, feuchten Raum vor drei Holzklapptüren. Wenn man sich hier duschte, konnte man von draußen die Füße, und bei großen Menschen auch den Kopf sehen. Das heißt, wenn man sich duschen konnte. Denn die eine der Türen war nur angelehnt, die zweite war sehr wacklig angebracht, und so schlich ich in die Dritte.

   Das erste Mal auf meiner ganzen Reise durfte ich die Vorzüge einer kalten Dusche genießen, während ich gleichzeitig versuchte, die schäbigen Innenwände nicht zu berühren. Die Toilette sah genauso aus. Laut meinem Reiseführer hatte diese Herberge zweieinhalb Muscheln, was ihr eigentlich eine recht gute Qualität bescheinigen sollte, aber hier irrte er das erste Mal.

   Bei der Anmeldung etwas später blickte ich das erste Mal in mürrische, unfreundliche Augen eines Herbergsvaters. Beim Essen im einzigen Restaurant im Ort setzte sich die Unfreundlichkeit und schlechte Qualität fort. Da war es auch kein besonderer Trost, dass in der Herberge eine Gruppe junger, hübscher Schwedinnen und eine Brasilianerin auftauchten.

   Direkt im Bett mir gegenüber lag eine ältere Dame aus Skandinavien, die, als es Zeit zum Schlafen war, damit nervte, dass sie minutenlang etwas in ihr Handy tippte. Dann drehte sie sich um und fing sofort an zu schnarchen, als gäbe es kein Morgen.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD