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Der Jakobsweg in Spanien - Leon

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Leon...

Leon / Virgen del Camino / Villar de Mazarife

Das Ankommen gestern in Leon war, ähnlich wie in Burgos landschaftlich eher bescheiden. Entlang der großen Einfallstraßen fühlt man sich als Pilger einfach nicht wohl und irgendwie fehl am Platz. Aber der Jakobsweg führte und führt eben durch diese Hauptstädte hindurch.

   Die Herberge, in der ich untergekommen war, wurde von Benediktinerinnen geführt. Ein großer Innenhof lud zum geselligen Verweilen. Gepflegte Dusch- und Schlafräume, sowie eine angenehme herzliche Stimmung waren das krasse Gegenteil zu meiner gestrigen Bleibe. Hier fühlte ich mich sehr wohl.

   Am Abend schlenderte ich nach dem Essen durch die Altstadt auf den Hauptplatz zur Catedral de Leon, die ich auch von innen besichtigte.

   Diese Kathedrale war allerdings eine große Enttäuschung für mich. Natürlich ist sie ein imposanter Bau. Aber in meinen Augen auch nicht mehr. Ich muss hier wieder die Kathedrale von Burgos erwähnen und gegen die ist Leon vernachlässigbar. Wesentlich kleiner, nicht so aufwendig innen gestaltet und – das ist der größte Unterschied – sie ist dunkel.

   Vor der Türe traf ich auf die Gruppe Schwedinnen, die mich aber nicht erkannten. Sie diskutierten wild in ihrer Sprache und deuteten auf eine Informationsbroschüre über die Kathedrale. Nachdem ich mir noch ein kleines, altes Kloster angesehen hatte, begab ich mich in die Herberge, in der ich eine ruhige  angenehme Nacht verbrachte.

   Am nächsten Morgen verließ ich Leon sehr früh. Ich suchte, wie immer zu dieser morgendlichen Stunde, eine Möglichkeit zu frühstücken, aber alles war geschlossen. Bis ich einen Platz betrat, den die Sonne gerade mit ihren ersten Strahlen beleuchtete. Der Platz war menschenleer. In einer Ecke befand sich ein kleines Cafe`. Tische und Stühle standen fertig gedeckt bereit. Ich schnallte meinen Rucksack ab und setzte mich. Es kam aber niemand. Also ging ich in das Cafe und überraschte eine junge Frau, die dabei war, Kaffee und Gebäck zuzubereiten. Ich fragte nach Frühstück und sie deutete mir, dass sie etwas für mich bringen würde. Kurz darauf brachte sie mir als erstes einen Kaffee und als sie sah, dass ich als Pilger unterwegs war, schien sie sich sehr zu freuen.

   Ich genoss den Ausblick auf ein altes Gebäude mir gegenüber, an deren Fassade langsam die Sonne herauf kroch. Die Stimmung war einzigartig. Ich dachte noch über den angenehmen Charakter der Benediktinerinnen nach und freute mich, hier an einem so schönen Ort ein Lichtschauspiel beim Frühstück genießen zu dürfen.

    LeonDas sollte aber erst einmal der letzte, schöne Anblick gewesen sein, denn der weitere Weg hinaus aus Leon führte durch ein Industriegebiet und dann entlang einer Hauptverkehrsstraße. Nach der Kirche „Virgen del Camino“, der Jungfrau des Weges, einem Bau aus den sechziger Jahren, führte der Weg dann wieder in ruhige, weite Landschaften in eine bewachsene Hochebene. Und sofort machte das Wandern wieder richtig Freude.

   Auf dem Weg hatte ich die kurze Bekanntschaft von vier Münchnerinnen gemacht, die mich an einer heiklen Stelle im Stadtrandgebiet von Leon nach dem Weg gefragt hatten. Dieser Gruppe begegnete ich nun immer wieder. Mal überholten sie mich und umgekehrt. Ich hörte sie oft kichern und sie schienen viel Spaß zu haben.

   Einmal überholte ich sie, weil sie auf einem Kinderspielplatz die Schaukeln und Rutschen beschlagnahmt hatten. Ich dachte dabei kurz an die Schaukelpartie, die ich vor zweieinhalb Wochen mit Monica und meinen Freunden gehabt hatte.

  Am frühen Nachmittag kam ich in Villar de Mazarife an. Direkt am Ortseingang stieß ich auf die erste von drei Pilgerherbergen in diesem Ort. Vor dem Gebäude befand sich ein schön angelegter Garten mit Wiese, Blumen, Gartenmöbel und Sonnenschirmen. Eine der Münchnerinnen lag im Bikini mit Buch und Rotwein in der Sonne auf einer der Liegen. Dieses Bild war so einladend, dass ich mich entschloss, nach einem freien Schlafplatz zu fragen. Ich kam durch einen kleinen Flur, der gleichzeitig das Büro war, in den sehr großen Schlafraum. Hier standen Etagenbetten für gut fünfzig Pilger bereit.

   Die Betten waren so aufgestellt, dass trotz der hohen Anzahl keine Enge im Raum aufkam. Die Mitte des Raumes war mit Skulpturen geschmückt und Räucherstäbchen qualmten vor sich hin. Dann kam der Herbergsvater auf mich zu und lächelte freundlich. Man merkte ihm an, wie interessiert er an jedem seiner Gäste war.

   Beim Einchecken kam er mit jedem in ein kurzes Gespräch. Er kannte sich sehr gut auf dem gesamten Jakobsweg aus. Und er hatte als ehemaliger Arzt die Marotte, besser gesagt die Begabung, Erkrankungen oder Verletzungen seiner Schützlinge während dieses Gesprächs festzustellen. Bei mir fand der sehr ruhig und sympathisch wirkende Doc aber nichts.

   Ich buchte den Schlafplatz, das gemeinsame Abendessen in seiner eigenen Küche und das Frühstück am nächsten Morgen für ganze achtzehn Euro. Ich nutzte die Waschgelegenheit für meine Wäsche hinter dem Haus und nahm danach eine Dusche. Dann setzte ich mich in den schönen Garten unter einen Sonnenschirm.

   „Magst du einen Schluck mittrinken?“ bot mir die Münchnerin von ihrem Rotwein an.

   „Klar, gerne“, antwortete ich, „ich hol` mir drinnen ein Glas.“ Als ich hinein ging, fiel mir ein, dass ich aus Leon noch ein paar Stückchen Käse über behalten hatte, die ich mit nach draußen nahm. Er harmonierte sehr gut mit dem lieblichen Rotwein.

   Andrea aus München war eine gestandene Geschäftsfrau mit einem eigenen Reiterhof. Das überraschte mich ein wenig, weil ich sie mit den anderen kichernd und jauchzend auf der Kinderschaukel hatte spielen sehen.

   „Wir sind zusammen in Burgos gestartet, aber wir gehen auch schon mal alleine. So wie wir es wollen, ohne Verpflichtungen, “ sagte sie.

   „Jeder hat sein eigenes Tempo auf diesem Weg“, antwortete ich beiläufig und schaute in die untergehende Sonne.

   Sonnenuntergangsstimmung im Blumengarten, Wein und Käse, eine attraktive, intelligente Frau, von deren Existenz ich heute Morgen noch gar nichts wusste, im Bikini neben mir im Liegestuhl – es ging mir auch schon schlechter.

   Später machte ich mich vor dem Essen noch zu einem kurzen Spaziergang ins Dorf auf. An der völlig unscheinbaren, nur noch nach reinen Mauern aussehenden Kirche blieb ich stehen und orientierte mich nach Kneipenlärm. Die Dorfschänke war brechend voll mit Einheimischen, die einen Wahnsinnsradau machten.

   Daher setzte ich mich mit meinem Kaffee auch gleich nach draußen. Nach etwa zehn Minuten kam ein älterer Herr dazu, und wenig später eine junge Frau. Die beiden kannten sich wohl vom Weg und begrüßten sich herzlich. In ihre deutschsprachige Unterhaltung wurde ich spontan mit eingebunden.

   Bruni, eigentlich Brunhilde, hatte ein wenig gehumpelt und ihr Gesicht sah etwas lädiert aus. Sie hatte letzte Nacht um dreiundzwanzig Uhr die geniale Idee gehabt, eine Nachtwanderung zu machen. Ich hatte davon gelesen, dass es Pilgergruppen gibt, die sich, entsprechend ausgerüstet, im Dunkeln auf den Weg machten.   Bruni hatte sich aber ohne geeignete Ausrüstung, fast nachtblind und im Dunkeln oft ängstlich, ganz alleine auf den Weg gemacht. Die Frau war mir sofort sympathisch. So viel spontanes und selbstvertrautes Handeln war dann etwas zu viel für sie gewesen.

   Nachdem die Energie ihrer Taschenlampe nach einigen Stunden verbraucht war, und sie am Wegrand toilettieren wollte, übersah sie einen kleinen Graben, kippte um und schlug mit dem Gesicht auf den Kiesboden.

   „Meine Jeans ist zerrissen. Ich habe mir das Knie aufgeschlagen. Meine Brille ist auf meinem Nasenbein zerbrochen und am ganzen Körper hab ich blaue Flecken, “ erzählte sie kopfschüttelnd, „ich hab mich dann mitten in der Nacht in den nächsten Ort geschleppt und habe mich dort auf einer Bank in meinen Schlafsack gehüllt.“

   „Wieso hast du so was blödes denn gemacht?“ musste ich einfach wissen.

   „Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Ich hatte eine Nachtwanderung gar nicht vorgehabt. Es war eine spontane Eingebung - nach deren Sinn ich allerdings noch suche.“ Mir gefiel der Humor, den sie hatte, über sich selbst zu lachen und zu lästern. Die Glocken der Kirche unterbrachen unser Gespräch und erinnerten mich daran, dass mich in der Herberge mein Abendessen erwartete.

   Der Tisch war liebevoll gedeckt und mir gegenüber saß zu meiner Überraschung die junge Frau, die mich in der bescheidenen Herberge von Reliegos so eindrucksvoll angelächelt hatte. Ihr Blick ging nach dem Augenkontakt immer gleich etwas verlegen nach unten. Und so hatte ihr auch der Herbergsvater beim Anamnesegespräch chronische Schüchternheit diagnostiziert.

   Am Tisch saßen noch zwei Franzosen, ein Kanadier und Andrea mit ihren Freundinnen. Ich hatte schon befürchtet, dass diese gemeinsamen Abendessen nicht mehr stattfinden würden und freute mich, dass ich mich geirrt hatte. Wir genossen ein leckeres, reichhaltiges Essen in herzlicher Atmosphäre mit internationalen Teilnehmern. Die Franzosen sprachen kein Englisch, aber Andrea fließend Französisch. Und so tauschten wir unsere Erfahrungen aus.   

   Da die anderen am Tisch aber alle erst ein paar Tage unterwegs waren, musste ich am meisten erzählen.

   Eine der Münchnerinnen hatte mich auf dem Weg gesehen, wie ich einen Kommentar für meine Internetseite in mein Handy gesprochen hatte und wollte wissen, ob ich öfter auf dem Weg telefonieren würde. Das war mir peinlich und so stellte ich sofort klar, dass ich nicht telefoniert, sondern eine Sprachaufnahme für meine Internetseite gemacht hatte.

   „Dann bist du das, der über seine Reise im Internet berichtet“, sagte die schüchterne Frau, wurde etwas rot im Gesicht und blickte sofort wieder auf den Tisch.

   „Jetzt hatte man mich entdeckt“, dachte ich und wechselte auch meine Gesichtsfarbe. Zum einen war ich völlig überrascht, dass meine Berichterstattung im Netz schon auf dem Jakobsweg angekommen war und zum anderen wollte ich das hier nicht publik haben. Ich fürchtete, dass sich niemand mehr mit mir unterhalten würde, weil er vermutete, dass unser Gespräch noch am gleichen Tag im Internet stehen würde. Aber meine Befürchtung war unbegründet.

   „Ich berichte hauptsächlich von meinen eigenen Erlebnissen“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.

   „Das ist wahr. Auch auf den Fotos ist niemand wirklich zu erkennen, “ verteidigte mich die Schüchterne, die fast jede Gelegenheit nutzte, ins Internet zu schauen, „nur von einer Monica berichtest du sehr intensiv.“ Da hatte sie wohl Recht, nur Monica wusste Bescheid und war damit einverstanden gewesen.

   Bevor es Zeit fürs Bett wurde, saßen wir alle noch draußen im Garten und leerten die Reste des Rotweins vom Essen. Auch der Herbergsvater saß bei uns und gab einige Geschichten von seinen zahlreichen Reisen auf dem Jakobsweg zum Besten. Sie waren intensiv, rührend und humorvoll, genau so, wie auch ich meine Reise bisher bezeichnen würde. Ich schaute in die Runde.

   Hier saßen zehn Personen, die sich zum größten Teil gestern noch nicht kannten so entspannt und vertraut beieinander, als seien sie seit Jahren die besten Freunde – es schienen auf dem Jakobsweg nur ganz besondere Menschen unterwegs zu sein.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD