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Der Jakobsweg in Spanien - Hospital de Orbigo

 

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Die Brücke von Hospital de Orbigo

Villar de Mazarife / Hospital de Orbigo / Astorga

Nach einem kurzen, aber reichhaltigem Frühstück und mit den besten Wünschen des Herbergsvaters machte ich mich nach einer ruhigen Nacht wieder auf den Weg. Heute standen mir laut meinem Reiseführer genau einunddreißig Komma eins Kilometer bevor. Die dreihundertelf, oder einunddreißig-eins ist mein Geburtsdatum und gleichzeitig meine Glückszahl.

   Also war ich heute Morgen ganz besonders froher Erwartung unterwegs. Der Weg führte zuerst durch weite Landschaften schnurgeradeaus. Auf dem Schotterweg konnte ich etwa fünf Kilometer weit schauen und entdeckte mehrere Pilger voraus. Dann vernahm ich Schritte hinter mir, die schnell näher kamen. Immer wenn mich jemand zu Fuß auf einer Geraden überholte, waren es entweder Einheimische ohne Rucksack, oder ältere belgische Landsleute gewesen. So war es auch diesmal – fast.

   Ein junger Mann mit roter Baskenmütze und einer farblich hervorragend passenden Media Markt Tüte schritt an mir vorbei. Ich dachte noch darüber nach, was er da wohl drin verstaut habe, doch er entfernte sich schnell von mir. Genauso schnell näherte ich mich einem Pilger, der körperliche Probleme zu haben schien. Als ich näher kam, erkannte ich Bruni.

   „Guten Morgen“, begrüßte ich sie, „geht’s dir gut?“

   „Ich laufe heute Morgen nicht ganz rund“, lächelte sie, „ mein nächtlicher Ausflug in den Graben hat einige Blessuren hinterlassen.“

   Wir kamen ins Gespräch und nach einer Weile war mein Tempo ihr Tempo – oder war es umgekehrt? Sie war interessant und witzig. Ihren Ehemann hatte sie auf dem Weg einige Tage zuvor „verloren“, wie sie es nannte. Sie wusste nicht einmal, ob er vor ihr unterwegs war, oder hinter ihr. Sie hatte in den Herbergen Nachrichten hinterlassen und hoffte auf Nachrichten von ihm zu stoßen. Aber so richtig Sorgen schien ihr das nicht zu machen.

   „In einem Restaurant hatte er sich einer Bedienung gegenüber total daneben benommen,“ sagte sie, „so kannte ich ihn gar nicht – einfach unmöglich. Als würde er bei uns in Stuttgart im fünf Sterne Hotel sitzen und würde schlecht bedient, “ Bruni fuchtelte mit ihren Armen umher, „dabei saß er in einer Dorfkneipe, wo wir fürs Mittagsessen fünf Euro bezahlt haben.“

   Danach hatten sie sich gestritten und den nächsten Tag in unterschiedlichem Tempo verbracht.

   „Und seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen, “ sagte sie amüsiert, „was mich bisher aber gar nicht gestört hat, denn so lerne ich nette Menschen kennen, wie dich zum Beispiel.“

   Sie schaute mich an und irgendwie schien die Kneipenbedienung, die sie als ihren Job angegeben hatte, die absolut niedrigste Stufe ihrer Möglichkeiten zu sein.

   Wir erreichten den Ort Hospital de Orbigo bei strahlendem Sonnenschein um die frühe Mittagszeit. Der Ort hätte für ein oder zwei Tage Urlaub getaugt. Gemütlich rustikal, mit vielen Blumen geschmückt und einer Sehenswürdigkeit mit einer besonderen Geschichte.   

   Die zwanzigbogige Brücke „Puente de Orbigo“ ist die längste Brücke am Jakobsweg. Im vierzehnten Jahrhundert hatte es einen Ritter gegeben, der sich, wegen der unglücklichen Liebe zu einer Edeldame, mit neun anderen Rittern geschworen hatte, sich über einen bestimmten Zeitraum mit jedem Herausforderer zu duellieren. Auf dieser Brücke kam es dann zu fast einhundertsiebzig Lanzenkämpfen. Ob es dem liebeskranken Ritter danach besser ging, weiß man nicht.

Hospital de Orbigo

 Während Bruni und ich die Brücke überquerten, stellte ich mir vor, wie es wohl vor hunderten Jahren genau hier zugegangen war. Fast konnte ich das Geräusch der Pferde hören, die aufeinander zuritten. Links neben der Brücke auf einer großen Wiese werden auch heute noch jedes Jahr Schaukämpfe vorgeführt. Die Geschichte musste ich natürlich zum Besten geben und beeindruckte meine Mitpilgerin mächtig.

   „Gibt es einen besonderen Grund, warum du dich auf den Jakobsweg gemacht hast?“ wollte Bruni wissen. Diese Frage hatte ich schon öfter gehört und sie gilt als eine der intimsten Fragen, die du auf dem Weg jemandem stellen kannst. Ich überlegte sehr gründlich, denn bisher war mir noch keiner eingefallen. Ich stammelte etwas von Natur, körperlicher Herausforderung und so weiter.

   „Mir fällt kein richtiger, konkreter Grund ein, außer dass ich es für gut und richtig gehalten habe, diese Reise anzutreten. In meinem Leben ist immer Platz für Veränderung gewesen.“ So richtig wusste ich selbst nicht, worauf ich hinaus wollte. Ich kam vom Hölzchen aufs Stöckchen. Ich zischte rasend schnell gedanklich durch mein Leben, um einzelne wichtige Begebenheiten zu beschreiben und sie zu deuten. Ich versuchte zusammen zu kriegen, was ich schon alles ausprobiert hatte, mit welchen Büchern und Philosophien ich mich beschäftigt hatte, bis ich auf das Thema Rückführungen kam.

   „Das ist interessant“, hakte sie sich ein, „hast du so etwas schon mal gemacht?“ Ich musste lachen, wie immer, wenn ich mich an diese Geschichte erinnerte.

   Vor etwa fünfundzwanzig Jahren war ich für eine große deutsche Tageszeitung tätig gewesen und kam so an zahlreiche Bücher aus allen Themenbereichen kostenlos heran. Mein besonderes Interesse galt zu dieser Zeit allem, was mit Grenzwissenschaften zu tun hatte. So las ich über Berichte von Medien, Selbsthypnose, Okkultismus, sowie alter Kulturen von den Azteken bis zu den Tempelrittern. Alles hatte in meinem Kopf für eine Buchlänge Platz. Aus reiner Neugier beschäftigte ich mich auch praktisch mit dem ein oder anderen Thema. So funktionierte bei mir schon im Alter von dreiundzwanzig die Meditation und Selbsthypnose zum Entspannen sehr gut. Als ich zwei Bücher über Rückführungen gelesen hatte, wollte ich auch das praktisch erleben.

   Ich hatte mich immer gewundert, dass in den Berichten über Rückführungen, in denen sich die Personen unter Hypnose an ihre vergangenen Leben erinnern können, fast immer prominente oder hochstehende Personen zum Vorschein kamen. In den Berichten erinnerten sie sich an Priester, Kaiser und Könige, mindestens aber an Adlige. Sehr selten war von ganz normalen Menschen die Rede.

   „Jedenfalls hatte ich mir aus der Zeitung eine Adresse heraus geschrieben von einer Frau, die Rückführungen anbot“, sagte ich, während Bruni und ich eine kleine Anhöhe hinauf wanderten.

   „Sie versetzte mich in Hypnose, was gut und schnell funktionierte und bat mich, die Zeit zurück zu gehen und die Bilder zu betrachten.“ Ich fing wieder an zu lachen.

   „Was ist passiert, „ fragte Bruni, „ was war so lustig?“

   „Naja“, grinste ich, „ich denke, ich hatte damals zu viel darüber gelesen und steckte zu tief in dieser Thematik. Denn als die ersten Bilder auftauchten, fing ich trotz Hypnose an zu lachen.“

   „Warum? –Erzähl, “ wollte sie wissen.

   „Eigentlich war die Situation gar nicht zum Lachen. Die ganze Szene hätte zu einem Robin Hood Film gepasst. Und ich war Robin Hood. Ich stand auf einem Holzgestell und hatte einen Strick um den Hals.“

   Na ja, auch ich war ein berühmter Mann in meiner Rückführung gewesen. Ich hatte in der Situation keine Angst oder ein schlechtes Gefühl. Ich sagte nur immer wieder lachend zu der Frau, die mich hypnotisiert hatte, ich sei Robin Hood.

   „Die Situation wurde dann peinlich und ich ging nach Hause. Die Frau tat mir leid. Sie musste denken, ich wollte sie auf den Arm nehmen.“

   „Hast du danach noch mal daran gedacht, “ fragte Bruni nach, „hat sich etwas in deinem Leben verändert?“

   „Hm, ich muss immer noch lachen, wenn ich, wie jetzt die Geschichte erzähle. Verändert hatte sich eigentlich nichts. Außer einer Kleinigkeit. Ich konnte bis zu diesem Zeitpunkt nichts am Hals vertragen. Rollkragenpullover oder Krawatten tragen, ging nicht. Das war die Hölle für mich. Einige Zeit nach der Rückführung fiel mir auf, das diese Empfindlichkeit ganz verschwunden war.“

   „Aha, siehst du. Dann hat es doch etwas gebracht, “ das Thema schien sie wirklich zu interessieren, „es ist so, dass die erste Rückführung meistens nur das eigentliche Problem umschreibt. Eine allein zu machen bringt gar nichts.“ Es folgte eine Art Vortrag. Ich hatte damals einiges über das Thema gelesen, aber was Bruni da so beim lockeren Wandern von sich gab, war Fachwissen.

   „Sag mal. Du hast dich aber auch nicht das erste Mal mit so was beschäftigt, oder?“ Wir waren an einem Brunnen stehen geblieben und füllten unsere Wasserflaschen auf. Sie schaute mich lange an.

   „Du bist der Einzige, dem ich das hier erzähle“, sagte sie ernst.

   „Oh Gott“, dachte ich, „was kommt jetzt?“

   „Ich arbeite gar nicht in einer Kneipe.“

   „Warum wundert mich das jetzt nicht wirklich?“ stellte ich fest.

   „Ich habe in Karlsruhe eine eigene Praxis. Ich bin Psychotherapeutin. Ich berate Ehepaare und bin spezialisiert auf alternative Psychotherapie und setzte Rückführungen in fast allen Therapien ein.“

   Auch wenn ich nach ihrem Vortrag so etwas geahnt hatte, war ich doch kurzfristig geplättet. Klar, dass sie auf dem Jakobsweg nicht jedem erzählen konnte, was sie wirklich beruflich macht. Sie käme aus dem therapieren nicht mehr heraus.

   „Damit ich das richtig verstehe“, antwortete ich nach einer Weile, „Du bist unter anderem Paartherapeutin und hast nach ein paar Tagen auf dem Jakobsweg deinen Ehemann nach einem Streit verloren?“

   „Hey...!“ lachte sie und gab mir einen Schupser.

   Bruni erzählte mir auf den folgenden Kilometern ihren beeindruckenden Lebenslauf. Als gelernte Krankenschwester arbeitete sie in der Intensivstation einer Karlsruher Klinik und kam somit immer wieder mit dem Sterben und dem Tod in Verbindung. Als sie nach einer Routineuntersuchung erfuhr, dass sie an einer schweren Krebsform erkrankt war und selbst nur noch ein halbes Jahr vor sich hatte, änderte sie abrupt ihr Leben.

   „Ich habe in der Klinik immer wieder sehr nah und direkt erlebt, wie ein solches Urteil der Ärzte auf die Patienten gewirkt hatte“, sagte sie.

   „Die meisten haben sich einfach aufgegeben, nach dem Motto, wenn das der Arzt sagt, muss das ja stimmen. Über achtzig Prozent der Patienten sind dann auch wirklich innerhalb dieser Zeit gestorben. Ich wollte mich aber nicht einem solchen Schicksal ergeben und bin sofort aus dem Krankenhausbetrieb ausgestiegen.“

   Bruni hatte in der folgenden Zeit nach alternativen Heilungsmöglichkeiten gesucht, die sie auf Umwegen in der Person einer Heilpraktikerin auch gefunden hatte. Diese Frau setzte unter den anderen alternativen Heilmethoden auch eine spezielle Form von Rückführungen ein. So gehörte es zu dieser Behandlungsmethode, dass kurz hintereinander mehrere Rückführungen gemacht wurden, die in dieser kurzen Folge immer intensiver wurden.

   „Das Ergebnis war, dass sich mir in einer dieser Rückführungen der Grund für meine Erkrankung offenbarte. Es war ein eigentlich banaler, emotionaler  Grund, den ich ständig verdrängt hatte – über mehrere Leben.

   Bruni hatte sich danach entschlossen, ihre beruflichen Tätigkeiten voll auf diese Art der Therapie zu konzentrieren. Sie studierte und besuchte Seminare, bis sie die entsprechenden psychologischen und klinischen Diplome erhalten hatte, um ihre eigene Praxis zu eröffnen.

   „Wow“, dachte ich bei mir, „wie kann man eine Arbeit besser und intensiver ausüben, die einem das Leben gerettet hat. Welche tiefe Liebe und hohe Energie musste in ihrer Arbeit auf ihre Klienten übergehen.“

   Ich war so beeindruckt von ihrer Geschichte, dass ich einige Zeit wortlos neben ihr her ging. Gleichzeitig kamen Gedanken in mir hoch, die mir sagten, dass das eine der wichtigsten Begegnungen auf meinem Weg sein sollte.

   „Eigentlich heile nicht ich die Menschen, die zu mir kommen“, fuhr sie fort, „sondern helfe ihnen nur, herauszufinden, warum sie erkrankt sind. Wenn sie das erst einmal erkannt haben, verschwinden die Symptome bei den meisten vollständig.“ 

   Dann erzählte sie mir von einem Klienten, den sie vor einiger Zeit in Behandlung hatte. Auch er hatte Krebs bekommen und laut seiner Ärzte würde eine Heilung nicht möglich sein. Bruni machte mehrere Therapien und Rückführungen mit ihm, aber immer an einem bestimmten Punkt hatte er die Behandlung abgebrochen.

   Da sie aber auch recht hartnäckig war, und nicht aufgeben wollte, beichtete ihr der Klient eines Tages unter Tränen, dass er sich vor einigen Jahren an einem kleinen Jungen vergriffen hatte. Er hatte keine entsprechenden Neigungen davor oder danach an sich feststellen können und hatte sich seither so stark abgelehnt und abgestoßen, dass er so selbst seinen Krebs entwickelt hatte.

   „Wie kannst du dich nur so im Zaun halten, einen solchen Menschen nicht sofort aus der Praxis zu jagen,“ sagte ich, „wenn ich so jemanden erwischen würde, ich glaube, ich würde so lange draufschlagen, bis sich nichts mehr bewegen würde.“

   „Oho“, kam die Therapeutin durch, „entdecken wir da etwa versteckte Aggressionen?“

   „Nein“, lächelte ich zu ihr rüber, „ich bin kein aggressiver Mensch. Nur in einer solchen Situationen könnte ich es sicher werden.“

   „Nie mal jemanden verprügelt?“ wollte sie wissen.

   „Nein“, antwortete ich spontan und lachte, „zweimal habe ich jemandem ins Gesicht geschlagen.“

   „Aha! “ grinste sie, „erzähl.“

   „Es wird dich nicht glücklich machen. Der eine war mein Bruder, als er zwölf Jahre alt war. Wir fuhren in Urlaub und mein geliebtes Mofa musste in den Keller. Meine Oma hatte meinem Bruder gesagt, er solle mir dabei helfen, er hatte aber gar keine Lust dazu. So ging ich rückwärts die Treppe hinunter, das Vorderrad zwischen den Beinen, den Lenker in den Händen. Mein Bruder sollte nur am Gepäckträger festhalten. Mitten auf der Treppe grinste der mich blöd an und ließ einfach los. Das Mofa schoss mir zwischen die Beine und die Treppe herunter. Dafür habe ich ihm reflexartig meine Faust ins Gesicht gedrückt.“

   „Gut“, grinste sie, „ das hatte dein Bruder dann auch verdient.“

   „Genau das hatte auch meine Oma gesagt.“

   „Und das zweite Mal? Wen hast du da geschlagen?“

   „Meine Cousine“, sagte ich verlegen.

   „Was? Du schlägst Frauen?“ lachte sie, denn sie ahnte schon, dass auch hier keine echte Brutalität im Spiel gewesen war.

   „Keine Frau. Sie war gerade mal zwölf Jahre alt und sie hatte mich ja mehrmals darum gebeten sie zu schlagen. Ich hatte zum Geburtstag Boxhandschuhe bekommen und sie wollte unbedingt mit mir boxen. Sie hüpfte die ganze  Zeit vor mir her und fuchtelte mir mit den Boxhandschuhen am Gesicht vorbei. „Komm schon, komm schon..., “ forderte sie mich andauernd auf und nach dem dritten Mal verpasste ich ihr eine.“

   Ich musste laut lachen, weil ich ihr Gesicht vor Augen hatte.

   „Sie sah mich erst mit großen Augen an, spuckte dann einen Zahn aus und lief heulend zur Mami.“

   Bruni lachte und wurde dann aber wieder ernst.

   „In der Ausbildung habe ich gelernt, in gewissen Situationen Abstand zu meinen Klienten zu gewinnen. Bei dem, über den wir eben geredet haben, habe ich darüber nachgedacht, die Behandlung abzubrechen, aber mich dann dafür entschieden, ihm zu helfen. In einer Rückführung erkannte er dann die Ursache,  warum er es getan hatte und du kannst mir glauben, ich fühlte mit ihm. Sein halbes Leben hat er sich die schlimmsten Selbstvorwürfe gemacht. Jeder Mensch hat seine Schattenseiten. Und so tun wir manchmal Dinge, die wir uns selbst nicht erklären können. Dich vollkommen anzunehmen, auch die schlechten Dinge, die in jedem von uns schlummern, ist der Anfang dazu, uns wirklich zu erkennen und lieben zu lernen.“

   Nach fast einem Kilometer des Schweigens kehrten wir in einer kleinen Dorfkneipe ein, um etwas zu essen. Dort trafen wir auch auf eine der Münchnerinnen. Sie sah etwas angegriffen aus.

   „Ich bin zuckerkrank“, erklärte sie uns, „und ich habe vergessen, mir Insulin zu spritzen. Auf dem Weg geht es mir so gut, dass ich es einfach vergessen habe.“ 

   Während wir uns mit Brot, Omelette und Kaffee stärkten, kam ihre Gesichtsfarbe langsam wieder zum Vorschein. Bruni bat ihr unsere Hilfe an, aber sie wollte alleine weiter. Also zogen die Psychologin inkognito und ich weiter. Wir unterhielten uns über unsere Erfahrungen auf dem Weg.

   „Wenn ich in den Herbergen übernachte, “ sagte Bruni, „denke ich oft nach über die Energien, die in diesen Betten umherschwirren.“

   „Wie meinst du das?“ wollte ich wissen.

   „Du hast doch auch schon viele Pilger und ihre Geschichten kennen gelernt. Nacht für Nacht liegen in diesen Betten, auf diesen Matratzen Menschen, die an ihre Grenzen gehen. Sie liegen damit ihren Motiven, den Weg zu gehen, ihrem Kummer, Sorgen und Nöten.“

   So hatte ich das noch nicht gesehen. Zwar hatte ich schon mal nachts jemanden weinen gehört, aber Bruni hatte Recht. Wenn man sensibel auf solche Energien reagierte, konnte die eine oder andere Nacht sehr unruhig werden.

   „Ich habe in einigen Herbergen sehr schlecht geschlafen und darum auch schon im Hostal übernachtet. Außerdem muss ich zugeben, dass es mir oft schwer fällt, freiwillig in den Herbergen zu schlafen und auf den Luxus zu verzichten, den mein Mann und ich zu Hause haben.“

   Als sie das sagte, hätte ich sie knutschen können. Dieses Thema war mir schon lange auf der Seele gelegen und hatte mir das eine oder andere Mal ein schlechtes Gewissen beschert. Manchmal habe ich mir in einer Herberge gedacht, warum ich mir das antue. Die meiste Zeit war ich mit Pilgern unterwegs, die wenig Geld dabei hatten und sich schon deshalb kein Zimmer im Hostal nehmen konnten. Dann gab es die Fraktion, die es strikt ablehnte, auf ihrer Pilgerreise irgendwelchen Luxus zu konsumieren.

   Ich war es, wie Bruni,  von zu Hause aus gewohnt, einen gewissen Luxus zu genießen und hätte mir jede Nacht ein Einzelzimmer leisten können.

   „Ich finde, diejenigen, die es sich leisten könnten, haben es noch ein wenig schwerer die Herbergen zu besuchen“, durfte ich endlich einmal sagen, „ aber wenn ich bedenke, was ich da alles versäumt hätte – ich bin froh, dass ich es bisher gemacht habe.“

   „Und“, erwiderte Bruni, „man lernt ein eigenes, kleines Zimmerchen mit eigenem Bad wieder richtig zu schätzen.“

   Wir kamen am frühen Nachmittag in einem kleinen Dorf an, das nur eine kleine Pilgerherberge hatte. Bruni wollte hier nach einem Bett fragen.

   „Unser Gespräch hat mich meine Blessuren vergessen lassen. Du hast mich tatsächlich heute fast zwanzig Kilometer mitgezogen. Aber hier ist für mich für heute Schluss.“

   Eine wenig traurig muss ich wohl dreingeschaut haben und ich überlegte mir ernsthaft wegen ihr auch hier zu übernachten. Da dürfte sicherlich noch einiges sehr Interessantes zu besprechen sein. Und als die vier Münchnerinnen wieder alle vereint und guter Laune um die Ecke bogen, um auch hier einzuchecken, wäre das ein Grund mehr gewesen. Aber ich hatte wieder dieses bestimmte Gefühl in mir, auf dem Weg zu bleiben.

   Wir verabschiedeten uns und als wir uns umarmten, sagte sie:

    „Wir sehen uns wieder.“

Hospital de Orbigo

 Über sehr steinigen Boden und leichte Anhöhen führte mich der Weg weiter Richtung Astorga, meinem heutigen Etappenziel. Die ganze Strecke über dachte ich über die Gespräche mit Bruni nach. Sie hatte mich nachhaltig beeindruckt und ich war mir sicher, dass ich sie in ihrer Praxis besuchen, und ihre Fähigkeiten einmal erleben wollte. Mir fiel nur kein Problem ein, das es zu bearbeiten gegeben hätte.

   Ich fühlte mich sehr gut. Ich war so froh, Bruni kennen gelernt zu haben und mir wurde bewusst, wie gut es mir in meinem Leben ging.

 

Hospital de Orbigo

 Astorga lag auf einer kleinen Anhöhe. Hinauf in die Altstadt, wo sich die Kathedrale und die Herbergen befanden, ging es auf den letzten Metern der heutigen Etappe noch einmal recht steil bergauf. Das war für mich immer eine Strafe, zumal die Temperaturen wieder um die dreißig Grad pendelten. Und dazu kam, dass meine Füße ab einer Tagesstrecke von fünfundzwanzig Kilometern immer anfingen richtig weh zu tun – bis auf die Zehenspitzen meines rechten Fußes, die spürte ich nach wie vor nicht mehr.

   Nach mittlerweile über sechshundert Kilometern war das die einzige Blessur, die ich vorzuweisen hatte und die tat nicht mal weh. Damit wurde ich bei den Diskussionen und Vorführungen der Verletzungen in den Herbergen immer nur müde belächelt.

   Zu Zeiten der Römer war Astorga ein Militärstützpunkt gewesen, der sich ab dem ersten Jahrhundert zu einem wohlhabenden Handelszentrum wandelte. Seit dem elften Jahrhundert ist die Stadt eine wichtige Station auf dem Pilgerweg. Herausragend ist, wie so oft in den spanischen Städten, die „Catedral de Santa Maria“.

   Von außen sehr schön anzusehen und – überraschend - die verschiedenen Farben der beiden Haupttürme. Warum das so ist, konnte mir nicht einmal mein Reiseführer sagen.

   Diesmal hatte ich meine Ankunft in meinem Zielort anders gestaltet. Bisher war ich immer angekommen und hatte mich schnellstens um den Schlafplatz gekümmert. Beim Suchen nach der Herberge war ich so immer in einer gewissen Eile gewesen. Mir war aufgefallen, dass mir so beim Ankommen, speziell in den schöneren Orten etwas entgangen war. So hatte ich mich diesmal beim Erreichen des Hauptplatzes auf eine Bank gesetzt und beobachtete das bunte Treiben.

   Neben der Kathedrale befindet sich in einem burgähnlichen Gebäude mit zahlreichen Türmen und einem kleinen Wassergraben rundherum, das „Museo de los Caminos“. In dem Bau, der ursprünglich als Bischofspalast geplant war, werden seit 1963 Ausstellungsstücke über den Jakobsweg gezeigt.

   Ich genoss im Schatten sitzend die Szenerie, bis mir von einem der Tische aus dem gegenüber liegenden Cafe` jemand zuwinkte. Männlich, ähnlich spärliche Frisur wie ich – ach, das war Rüdiger. Ich schlenderte zu ihm herüber und er lud mich zum Kaffee ein.

   „Wir begegnen uns aber auch immer wieder“, sagte er lächelnd. Da hatte er recht. Er war der einzige, den ich am zweiten Wandertag kennen gelernt hatte und mit dem ich an meinem heutigen dreiundzwanzigsten Tag immer noch Kontakt hatte. Wie hatte Monica einmal gesagt, man begegnet den Menschen auf dem Weg solange, wie man sich noch etwas zu sagen hat - und danach nicht mehr.

   Rüdiger begleitete mich in die Herberge, in der er untergekommen war, doch die war dicht. Kaum zu glauben, denn dieses Refugio verfügte über zweihundert Betten. Ich verabredete mich mit Rüdiger zum Abendessen und suchte weiter. Die zweite Herberge war auch schon belegt.

   „Toll, “ dachte ich, „jetzt habe ich mir mal bei meiner Ankunft Zeit gelassen und die Stimmung genossen, und als Dank krieg ich kein Bett mehr.“

   Meine Füße schmerzten, als ich ziellos um eine Ecke bog und ein riesiges Schild auf ein Hostal in einhundertfünfzig Metern rechts hinwies. Ich grinste mir einen, dachte an die Unterhaltung mit Bruni und besorgte mir ein Einzelzimmer.

   Nach der ausgiebigen Benutzung eines eigenen Badezimmers machte ich mich wieder auf zum Hauptplatz. Dort angekommen, blieb ich einen Moment vor der beleuchteten Kathedrale stehen, die in diesem Halblicht zwischen Scheinwerfern und untergehenden Sonne einfach toll aussah. Ich entdeckte Rüdiger und wir suchten uns ein Restaurant. Es war das erste Mal, dass er und ich uns alleine unterhalten konnten. Und so gestaltete sich unsere Unterhaltung bei einem hervorragenden Pilgermenü anders als erwartet.

   Wir kamen schnell auf unsere Motive diesen Weg zu gehen. Ich hatte dazu wieder nicht wirklich viel zu sagen, und so erzählte Rüdiger.

   Er war in Belgien in der Automobilindustrie tätig gewesen, bis seine Firma vor zwei Monaten zumachte. Er erhielt eine hohe Abfindung und war mit viel Zeit auf den Jakobsweg gegangen, um sich darüber klar zu werden, was er mit seinen achtunddreißig Jahren in Zukunft machen wollte. Er erzählte von seinem Elternhaus, seiner Schwester, die von seinen Eltern immer bevorzugt worden war. Sie ist eine erfolgreiche Designerin geworden, und seinem Vater hatte er es nie recht machen können. Er war unverheiratet und hatte keine Kinder. Als er darüber berichtete, bekam er feuchte Augen. Ich tat erst, als würde ich es nicht bemerken, aber als ich erkannte, dass es ihm nichts ausmachte, schaute ich in seine glänzenden Augen.

   „Viele Söhne können es ihren Eltern, speziell ihren Vätern nie recht machen“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Ich selbst bin froh, dass ich solche Ambitionen nie hatte und es fällt mir deshalb auch schwer, mich in eine solche Situation hinein zu versetzen. Er schwieg eine Minute lang.

   „Aber ich bin ja auch ein Arschloch.“ Jetzt war ich überrascht.

„So ein Blödsinn, “ antwortete ich, „niemand ist ein Arschloch, wenn er nicht so wird, wie die Eltern das wollen. Die Welt wäre voller Arschlöcher.“

   „Du weißt ja gar nicht, was ich getan habe.“ Jetzt schaute er mich an und mir wurde etwas mulmig. Ich hatte das starke Gefühl, gar nicht wissen zu wollen, was er damit meinte.

   „Das habe ich noch nie jemanden erzählt.“ Seine Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben.

   „Dann mach` es hypothetisch“, versuchte ich ihm zu helfen. Rüdiger wandte sich hin und her. Am liebsten wäre mir gewesen, wir hätten das Thema gewechselt.

   „Nehmen wir einmal hypothetisch an, ich hätte mich vor vielen Jahren an einem kleinen Mädchen vergriffen. Dann wäre ich doch Zeit meines Lebens ein Arschloch, oder?“

   Meine Ahnung, gar nicht wissen zu wollen, was er zu sagen hatte, war bestätigt. Normalerweise wäre ich jetzt aufgestanden und hätte das Restaurant verlassen. Aber zwei Dinge schossen mir fast gleichzeitig durch den Kopf. Zum einen, was Monica mir gesagt hatte „man begegnet den Menschen auf dem Weg so lange, wie man sich noch etwas zu sagen hat – danach nicht mehr“ und zum anderen die Unterhaltung mit Bruni von heute.

   Wie automatisch gesteuert schaute ich Rüdiger in die Augen und sagte ihm fast wortwörtlich das, was Bruni ihrem Klienten gesagt hatte. Und das erstaunliche war, es schien seine Wirkung zu tun. Rüdigers Verzweiflung schien einem etwas entspannteren Gesichtsausdruck zu weichen. Danach war unsere Unterhaltung beendet. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich habe Rüdiger seit diesem Tag nicht mehr gesehen.

   Ich schlenderte zurück in Richtung meines Hostals und fragte mich kopfschüttelnd:

   „Wer führt hier eigentlich Regie?“

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD