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Der Jakobsweg in Spanien - Astorga

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Astorga / Rabanal del Camino / Foncebadon

Nach einer wunderbaren Nacht im Einzelzimmer mit eigenem Bad musste ich zuerst an einer Tankstelle nachfragen, wo ich wieder auf den Jakobsweg komme. Mein Reiseführer gab meine heutige Strecke mit achtundzwanzig Kilometern an. Eigentlich kein Problem, wenn ich mich nicht in die Nähe der „Montes de Leon“ mit einem Höhenunterschied von etwa fünfhundert Metern begeben würde.

   Als ich Astorga auf einem schnurgeraden Kiesweg verließ, wurde ich von einem kleinen Hund begrüßt, der sich langsam und scheu näherte. Mein Schatten stand und ging fast fünf Meter groß vor mir, der Sonnenaufgang war wieder einmal herrlich.

 Buch-44 KarteNachdem ich für eine Gruppe Fahrradfahrer Platz gemacht hatte, bemerkte ich vor mir die alte Frau, die nach ihrem Schlaganfall auf dem Weg unterwegs war. Ich hatte gehört, dass sie sich weite, einsame Strecken fahren ließ, da sie auf Hilfe angewiesen war.

   Ich näherte mich ihr und überlegte, was ich wohl sagen sollte. Auf gleicher Höhe mit ihr grüßte ich sie freundlich und wünschte ihr einen schönen Morgen. Sie drehte langsam ihren Kopf zu mir und lächelte.

   „Ich weiß nicht, ob sie mich erkennen, „ sprach ich sie an, „wir sind uns vor ein paar Tagen schon einmal begegnet. Geht es ihnen gut?“

   „Jaja, junger Mann, “ antwortete sie, „sicher kann ich mich an sie erinnern. Wir haben uns kurz nach Boadilla del Camino getroffen.“ Den Ortsnamen hatte ich nicht mal mehr gewusst. So gebrechlich die Frau auch ausschaute, ihre Augen funkelten vor Energie und ihr Gedächtnis schien sehr gut zu funktionieren.

   „Kommen sie gut voran?“ Das fragte sie mich.

   „Oh ja. Ich habe sehr viel Glück gehabt bisher. Ich habe keine Probleme.“

   „Dann haben sie einen guten Engel des Weges.“ Das verstand ich nicht ganz und fragte, wie sie das meinte.

    „Auf dem Jakobsweg wird jeder Pilger von seinem eigenen Schutzengel begleitet. Der kennt einen ja sehr gut. Zusätzlich gibt es auf dem Jakobsweg für jeden Pilger einen Engel des Weges. Das sind Engel, die sich auf dem Jakobsweg sehr gut auskennen. Diese beiden Engel geleiten jeden Pilger auf seinem Weg und beschützen ihn.“

   Ihre Stimme klang glasklar und passte gar nicht zu ihrem Äußeren. Dann blieb sie stehen, zog mich an sich heran und sagte:

   „Und meine Engel sind schon alt und nicht mehr so schnell. Darum muss ich langsamer wandern.“ Sie grinste und wies mich an, meinen Weg weiter zu gehen.

   So kurz die Begegnung auch war, so eindrucksvoll übermannte sie mich. Ich musste unweigerlich über die Art von Problemen nachdenken, die einem Probleme zu sein schienen. Und sich dann diese Frau ansehen und anhören. Sie setzte hier auf dem Weg sprichwörtlich einen Fuß vor den anderen. Und sie schien mit ihrem Schicksal nicht im Geringsten zu hadern. Im Gegenteil – sie machte diese Reise ja aus Dankbarkeit. Das verrückte einiges in mir, und ich verbrachte die nächsten Meter mit feuchten Augen.

Buch-45 Karte   Ich war froh in einem Streckenabschnitt zu sein, der wieder einmal sehr einsam war. So begegnete ich nicht vielen Pilgern und hatte Zeit nachzudenken. Das Nachdenken auf dem Weg ist so eine Sache. Beim stetigen Wandern kommt es ganz auf deine Stimmung an, was du denkst. Es ist auch nicht so, dass du bewusst denkst – und das ist eine für mich faszinierende Sache. Mir sind in der Zeit des Wanderns Gedanken in den Kopf gekommen, die scheinbar automatisch losgelassen wurden. Und es machte sich in mir auch oft der Eindruck breit, es handele sich um Gedanken, die ich längst einmal hätte denken sollen. So als hätten diese Gedanken irgendwo festgesessen und würden nun durch die klare Sicht freigespült. In unserem hektischen Treiben zu Hause in Familie, Beruf und Freizeit bleibt für manche Gedanken einfach keine Zeit. Wenn sie aber wichtig sind, setzen sie sich irgendwo fest und warten darauf, gedacht zu werden. Und das unbewusste „nicht mehr denken“, dass auf dem Jakobsweg nach etwa zehn Tagen einsetzt, bewirkt, dass diese Gedanken freigespült werden. Darum kommen viele Pilger so befreit wieder von ihrer Reise zurück.

   Manche regenerieren sich sogar so stark, dass sie nach ihrer Rückkehr nicht mehr mit ihrem Umfeld, oder Teilen davon klar kommen und ihr Leben ein wenig oder auch total verändern, weil sie nun wissen, welchen Weg sie in ihrem Leben zu gehen haben.

   Auch aus diesem Grund ist es so, dass die meisten Pilger auf dem Weg gerne alleine gehen, auch wenn sie in einer Gruppe unterwegs sind. Nur die stundenlange Einsamkeit auf dem Weg bewirkt diese Gedankengänge, die oft sehr emotional und geistig erfrischend sein können.

   Nach einem merklichen Anstieg erreichte ich nach Mittag Rabanal del Camino, wo ich in einem netten kleinen Cafe` ein deftiges Rührei mit Brot verspeiste. Nebenan entdeckte ich bekannte Gesichter, aber ich hatte keine Lust, mich zu unterhalten. So machte ich mich auch schnell wieder auf und entdeckte am Ortsausgang eine kleine Asiatin, die sich vor einer Gabelung nicht entscheiden konnte, wohin der Weg nun führte. Sie stand nur da und suchte an Hauswänden und Strompfeilern nach einem Wegweiser.

   Während ich mich ihr langsam näherte, schaute sie zu mir und deutete mir mit ausgebreiteten Armen mit pantomimischer Geste „wo geht’s hier lang?“ Ich hatte beim Näherkommen ihr Problem erkannt und stellte mich direkt vor sie. Ohne ein Wort berührte ich ihren Arm und deutete auf ihre Füße. Sie schaute nach unten und begann zu lachen. Es gab vor dieser Weggabelung eine Markierung in Form eines gelben Pfeils auf dem Boden. Die junge Frau stand nur mitten drauf. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und ich ging wortlos weiter. Hinter mir stand die Asiatin immer noch auf dem Pfeil und ich konnte ihr Lachen noch bis zum Ortsrand hören.

   Es folgte der schweißtreibende Aufstieg zu meinem heutigen Etappenziel. An einem Brunnen, dessen Wasser leider durch Algenwuchs ungenießbar war, machte ich eine kleine Pause und genoss das Bergpanorama. Ich hörte einen Hund bellen, konnte aber keinen sehen.

   Ich schnallte den Rucksack auf und stieg gerade einen schalen Pfad, der nur Platz für eine Person bot, hinauf, da stürzte ein großer Schäferhund auf mich zu. Er schien den festen Glauben zu haben, Pilger machen immer Platz, denn er machte den Eindruck, durch mich durch laufen zu wollen. Und ich enttäuschte ihn nicht, denn kurz bevor er mich umgerannt hätte, schmiss ich mich rückwärts auf das meterhohe Gras und lag da nun wie eine Schildkröte auf meinem Rucksack. Der Hund war an mir vorbei zu dem Brunnen gelaufen und schlabberte sich seine Portion Wasser. Ihm folgten zwei junge Mädchen, die kichernd an mir, immer noch im Gras liegend, vorbeigingen.

   Wenig später erreichte ich meinen Zielort Foncebadon, der in eintausendvierhundert Metern Höhe lag. Ich schlenderte an einer verfallenen Mauer entlang und kam an ein rustikales Gartentor. Es stand offen und aus dem Gebäude, das als Refugio ausgewiesen war, tönte gregorianischer Mönchsgesang. Ich zögerte keine Sekunde, schritt durch das Tor an zwei kalbsgroßen schwarzen Hunden vorbei, für die ich genauso Luft zu sein schien, wie für den Schäferhund von eben und checkte ein.

   Der Ort wurde im zwölften Jahrhundert gegründet und stand bis zum neunzehnten Jahrhundert unter königlichem Schutz, mit dem Auftrag, sich um die Pilger zu kümmern. Danach starb er allerdings aus und ist erst seit ein paar Jahren wieder von sieben Menschen bewohnt. Eine der zwei Herbergen wurde von einem deutschen Paar geleitet, die in einem kleinen Laden auch Obst und Leckereien anboten. Ich traf dort auf Bekannte vom Weg und setzte mich mit einem Kaffee zu ihnen. Am Nachbartisch saß ein älterer Mann mit einer Flasche Paulaner Weißbier.

   „Haben sie sich die mit hierher gebracht?“ musste ich ihn fragen.

   „Nein“, lachte er in bayrischem Akzent, „die habe ich hier im Laden gesehen und konnte einfach nicht widerstehen.“

   Das wäre eine Top Kulisse für einen Werbefilm gewesen. Mitten in der Walachei in einem Jahrhunderte alten, verfallenen Ort, indem nur noch zwei Häuser bewohnbar waren, saß im Sonnenuntergang ein bayrischer Pilger mit seinem Paulaner. Na denn Prost!

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD