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Der Jakobsweg in Spanien - Ponferrada

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Ponferrada / Villafranca del Bierzo / Trabadelo

Der Weg führte mich langsam aus der Stadt heraus und es war wie immer, wenn wieder äußere Ruhe einkehrte, folgte die innere Ruhe sofort. Der Wetterbericht fiel wieder einmal hervorragend aus, wie eigentlich jeden Tag der letzten Wochen. Auf einem Platz führte der Weg vorbei an einer kleinen Kapelle, vor der eine weiße Steinfigur eine mit Blumen geschmückte Madonna darstellte.

   Ich schaute sie an und murmelte spontan so etwas wie ein Gebet. Währenddessen kam ein großer breiter Mann mit schweren Schritten um die Ecke und betrachtete im Vorbeigehen die Steinfigur. Er sagte etwas in einer skandinavischen Sprache und zuerst dachte ich, er führt Selbstgespräche, doch dann bog eine kleine zierliche Frau um die Ecke. Er sprach weiter und sie gab Laute von sich wie „aha“ oder „soso“.

   Ich stand immer noch vor der Madonna, von der ich mich nach diesem Zwischenspiel verabschiedete. Der Weg führte in eine Allee, vorbei an einem Friedhof und der große Skandinavier redete in einer Tour und deutete über die kleine Mauer hinweg auf die Gräber. Seine Begleiterin murmelte „aha“ und „soso“. Als ich selbst an die Mauer kam, bemerkte ich, dass sie wohl doch nicht so klein war, denn ich konnte nur eben so drüber schauen.

   Der Kerl vor mir war ein Riese. Sein Rucksack schien so winzig auf seinen breiten Schultern zu sitzen. Das Markanteste an ihm war aber sein Pilgerstab. Er war, wie sein Träger, riesig. Der Stock sah aus wie ein kleiner Baumstamm, den der Riese einfach aus dem Boden gerissen hatte, denn am unteren Ende hingen wirklich noch einige kleine Wurzeln.

   Nun hatte er meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Er schritt breitbeinig voran, wechselte ständig die Wegseite und schaute sich alles rechts und links des Weges an, um es pausenlos zu kommentieren.

   So stellte ich mir einen Wikinger vor. Nur, was machte der hier auf dem Jakobsweg? Schaute er sich als eine Art Vorhut an, welche Ländereien es sich zu erobern lohnte?

   Eine unvorsichtige Coladose kam ihm in den Weg. Er trat sie in den Acker, wo sie mausetot und verbeult liegen blieb. Dann kamen zwei Hunde auf ihn zu, die er vollkommen zu ignorieren schien. Sie schauten den blonden Hünen aus einiger Entfernung an und machten einen großen Bogen um ihn.

   Immer wenn sich der Wikinger bei seiner vermeintlichen Beutesuche etwas von seinem Weibchen entfernt hatte, blieb er stehen, bis sie wieder neben ihm angelangt war. Dann fuchtelte er mit seinen Armen und kommentierte irgendetwas in den Gärten und schien es ihr zu erklären, was sie nur mit „aha“ und „soso“ quittierte.

   Und es gab viel zu erklären für den Riesen. Denn in den Gärten entlang der Wegstrecke wurden große Kürbisse, Paprika und allerlei exotische Pflanzen angebaut.

   Es war wirklich sehr amüsant die beiden zu beobachten, aber irgendwann hatte ich sie überholen können und erreichte ein kleines Cafe` zum zweiten Frühstück. Eine Tasse Kaffee und eine Art riesen Knäckebrot mit Butter und Marmelade für ein Euro neunzig war auf einer Tafel als Pilgerfrühstück angeboten worden. Ich setzte mich an einen freien Tisch vor dem Cafe`, als sich der Wikinger mit seinem Weibchen näherte. Ich hatte beim Anblick des großen Toastbrotes schon an ihn denken müssen. Die beiden lehnten ihre Sachen an die Hauswand und gingen ins Cafe` hinein.

   Da schlenderte eine ältere Dame heran und setzte sich nichtsahnend an den Tisch des Wikingers. „Um Gottes Willen, “ amüsierte ich mich, „wenn der Riese das sieht – die arme, alte Frau.“ Ich dachte noch daran sie zu warnen, aber es war zu spät. Der Wikinger trat vor den Tisch mit gleich zwei Knäckebroten bewaffnet und schaute auf die Frau herunter. Die wusste nicht, wie ihr geschah. Sie blickte in die blauen Augen des Hünen und fing an zu lachen.

   „Jetzt ist es um sie geschehen“, war ich mir sicher. Aber etwas Unfassbares geschah. Der Wikinger lächelte zurück, setzte sich und teilte den Tisch mit der alten Frau. Eine schwarze Katze streifte um meine Beine und miaute.

   „Du kannst verschwinden, “ sagte ich leise zu ihr, „hier passiert heute nichts Schlimmes mehr.“

   Ab hier waren es noch genau zweihundert Kilometer bis Santiago de Compostela. Immer mehr neue Gesichter tauchten auf und bekannte ließen sich nicht mehr entdecken. Das sollte mir auch egal sein, denn morgen schon würde ich die Grenze zu Galizien überschreiten und darauf freute ich mich. Aus zahlreichen Unterhaltungen mit Menschen, die sich auf dem Weg auskannten, hatte ich heraus gehört, dass Galizien die landschaftlich schönste Gegend sein sollte. Dies hatte mir Monica und, nicht weniger ausgiebig, auch mein Reiseführer mitgeteilt.

   ponferradaDavor sollte aber auch noch eine schwierige Prüfung zu überwinden sein. Morgen sollte es den schwierigsten und anstrengendsten Aufstieg der ganzen Tour geben, denn über achthundert Höhenmeter mussten überwunden werden.

   Als ich in Villafranca del Bierzo angekommen war musste ich fast den ganzen Ort nach einem freien Bett ablaufen. Dabei taten mir die Füße wieder sehr weh. Die ersten beiden Herbergen waren dicht.

„Gut“, dachte ich, „dann wird es eben wieder ein Einzelzimmer in einem Hostal.“ Pustekuchen. Im Ersten war nichts frei und im Zweiten warteten schon zwei Herren aus Nürnberg auf ihr reserviertes Zimmer.

   „Die haben es besser gemacht“, dachte ich, als ich auch da keine positive Antwort bekam. Es war noch nicht so spät am Tag und so entschloss ich mich, im nächsten Ort weiter nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Das passte dann. Zwar war die kleine Herberge sehr bescheiden eingerichtet, aber es gab zu meiner großen Überraschung ein gemütliches Abendmahl in kleiner Pilgerrunde.

   Mit einem Glas Rotwein saß ich danach noch beim Sonnenuntergang im Garten. Ich verschickte noch zwei, drei Nachrichten an Monica und freute mich auf Galizien.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD