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Der Jakobsweg in Spanien - Rabanal del Camino

 

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Foncebadon / Cruz de Ferro / Ponferrada

   Die ersten Sonnenstrahlen an diesem frühen Morgen waren atemberaubend. Sie tauchten den Weg vor mir in ein

tiefes Rot. So etwas hatte ich noch keinen Tag beobachtet. Ich schaute mir diese unwirklichen Farbspiele an und hatte glatt vergessen, dass hinter diesem roten Hügel ein ganz besonderer Ort der Pilgerreise auf mich wartete.

   Das „Cruz de Ferro“, das Eisenkreuz ist ein eher unscheinbarer Hügel, der überdeckt ist mit Steinen. Auf einem hohen Holzpfahl sitzt ein eisernes Kreuz, das ursprünglich ein römisches Wegzeichen gewesen ein soll. Unter Pilgern gibt es ein Ritual, das hier stattfindet. So bringen sie von zu Hause einen kleinen Stein mit hierher. Dieser Stein symbolisiert eine Seelenlast, die mit diesem Stein und einem Gebet hier abgelegt werden kann.

   Rabanal„Herr, möge dieser Stein Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Wagschale zu Gunsten meiner guten Taten senken. Amen“

  Ich erreichte das Kreuz, als die Sonne noch sehr lange Schatten warf. Eine Gruppe von Pilgern war schon beim Ablegen ihrer Steine. Es war ganz still, niemand sprach. Abseits des Hügels stand eine kleine Kapelle und dazwischen eine weiße Kuh, die nicht so recht ins Bild passen mochte.

   Ich hatte von Freunden einen besonderen Stein mitbekommen und legte für sie eine erste Last ab, beziehungsweise wünschte ich ihnen hier alles Gute im Leben, während ich ihn auf den Haufen warf. Dann holte ich meinen Stein heraus und versuchte mir einen Wunsch zu kreieren. Ich dachte über vieles nach, aber nichts erschien mir hier wichtig genug. So blieb es bei einem Wunsch – immer den richtigen Weg zu finden.

   Als ich den Wunsch formuliert hatte und den Stein warf, blieb er nicht etwa sofort liegen. Er hüpfte hin und her und blieb erst nach fünf Sprüngen liegen. Ich schaute erstaunt zu und dachte mir, dass mein Weg vielleicht verschiedene Richtungen einschlagen würde.

   RabanalIch genoss eine Weile die schöne Stimmung und wunderte mich nochmals über die ruhig grasende weiße Kuh. Aus einer Gruppe von Pilgern kam Sabine, die Schüchterne mit dem lieben Lächeln auf mich zu. Wir sprachen kurz über diesen besonderen Ort und machten uns dann gemeinsam weiter auf den Weg, der uns, leicht abschüssig, durch eine traumhafte Berglandschaft führte.

   Sabine erzählte mir, dass ihre Freundinnen in Deutschland auf meiner Internetseite meinen, unseren Weg genau verfolgten mit den tagesnah eingestellten Fotos, Videoclips und Kommentaren.

   Als sich unser Blick auf ein besonders schönes Panorama richtete und ich ein Foto davon machte, fand sie das ganz aufregend.

 

Rabanal„Das erzähle ich meinen Freundinnen, dass ich bei diesem Foto direkt neben dir gestanden bin.“ Einen Moment lang kam ich mir berühmt vor.

   Sabine und ich wanderten durch diese wunderschöne Landschaft bei strahlend blauem Himmel, bis wir den nächsten Ort erreichten, Manjarin, der genauso aus Ruinen und zerfallenen Gemäuern besteht, wie Foncebadon. Aber auch hier gab es Bewohner, zwei an der Zahl und einer ist hier wirklich berühmt.

   Tomas betreibt hier, theoretisch, eine Pilgerherberge, allerdings ohne fließendes Wasser, mit Plumpsklo und null Komfort. Eine Übernachtung hier gleicht einem Abenteuer. Tomas führt die Tradition der Tempelritter fort. Seine Herberge ist dann auch gleichzeitig ein Laden für Pilgerandenken und kleine Zeremonien für die Pilger, die bei ihrer Ankunft mit Glockenläuten begrüßt werden. Zahlreiche Hinweisschilder zeigen als wichtige Information für die Wanderer die Entfernungen zu fremden Ländern an. So ist es nicht unwichtig für einen Pilger auf dem Jakobsweg, dass es von hier aus genau 9.376 Kilometer bis nach Mexiko sind.

   Sabine deckte sich mit kleinen Andenken ein und auch ich konnte nicht widerstehen und kaufte mir eine Anstecknadel mit dem Jakobsweg - Muschelsymbol, das mir als treuer Wegweiser so vertraut geworden war.

   Von der Herberge in Manjarin und Tomas, dem Tempelritter, hatte mir Monica berichtet. Sie hatte mir gestern Abend eine Nachricht geschickt und gescherzt, ich solle mich hier einquartieren. Als Retourkutsche sendete ich ein Foto von Tomas mit dem Text zurück „Dein Bett hier ist reserviert. Tomas freut sich sehr auf deinen Besuch.“

   Eine Stunde später begann der recht steile Abstieg von diesem Bergkamm, der teils über steinige Geröllpisten führte und einem große Konzentration abverlangte. Sabine hatte sich zurückfallen lassen und so war ich wieder alleine unterwegs.

   Nachdem der Weg am frühen Nachmittag wieder etwas flacher wurde, erreichte ich ein kleines Dorf namens Campo, dass ich über eine mittelalterliche Bogenbrücke erreichte. Das langsam fließende Wasser des kleinen Flusses war glasklar. Neben der Brücke auf einer kleinen Wiese erblickte ich drei junge Frauen, die dort in Bikinis die Sonne anbeteten. Ich stützte mich auf den Rand der Brücke und auf die Gefahr hin, als spannender Pilgerbruder entlarvt zu werden, beobachtete ich die Szene eine Weile.

   RabanalDas sah sooo schön und gemütlich aus, und in einem normalen Urlaub hätte ich mich sicher dazu gelegt. Aber ich spürte, dass ich in meinem momentanen Leben auf dem Jakobsweg nicht auf diese Wiese gehört hätte.

   Also ging ich weiter und erreichte die Stadt Ponferrada, in der ich eine wunderschöne Herberge fand. Der Innenhof war ein großer Garten, es gab einem kleinen Pool für die Füße und eine hauseigene kleinen Kapelle. Bekannte Gesichter entdeckte ich nicht, und so schlenderte ich nach Dusche und Klamottenwechsel mit meinen Schlappen Richtung Innenstadt.

   Hier stand das ab dem elften Jahrhundert erbaute „Castillo del Temple“, eine fast achttausend Quadratmeter große Burg der Tempelritter. Im Buch von Paolo Coelho wird berichtet, dass auf der Pilgerreise in dieser Burg in der Nacht ein mystisches Ritual abgehalten wurde, und ich war schon sehr neugierig auf das Innere der Burg. Meine Neugierde sollte aber unbefriedigt bleiben, denn einen Tag in der Woche ist die Burg geschlossen, nämlich montags. Und da gestern Sonntag gewesen war, beschränkte ich mich darauf, die Burg in einem langen Spaziergang von außen zu besichtigen, bevor es dann wieder Zeit wurde, mein Nachtlager aufzusuchen. Allerdings ruhte ich mich und meine Füße noch am Rand des Wasserbeckens aus.

   Ich kam ins Gespräch mit einem drahtigen, älteren Herrn aus Belgien, der mir des Öfteren schon aufgefallen war. Er hatte auf dem Weg ein Tempo drauf, dass unwahrscheinlich war. Er hatte mich mindestens schon fünfmal überholt und jedes Mal kam ich mir vor, als stünde ich auf dem Weg. Einmal hatte er vor mir sein Tempo gedrosselt, um kurz mit einer Frau zu reden. Das Drosseln seines Tempos und das nachher wieder auf seinen Rhythmus beschleunigen konnte ich richtig sehen. Er war mir auch aufgefallen, weil er oft mit gutaussehenden Pilgerfrauen zusammen saß. Er war zweiundsechzig Jahre alt, hatte schneeweißes Haar, braungebrannte Haut und er war in Brüssel gestartet.

   „Die spinnen doch, die Belgier“, dachte ich kopfschüttelnd, als ich mein Bett aufsuchte.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD