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Der Jakobsweg in Spanien - Villafranca del Bierzo

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 Trabadelo / O Cebreiro / Fonfria

Der Nachteil eines Passes, wie dem des in eintausend-dreihundert Metern Höhe gelegenen O Cebreiro ist, dass es eine Schinderei ist hinauf zu kommen. Der Vorteil ist, dass man mit einer Aussicht belohnt wird, die einem den Atem nimmt. Was hatte ich über Galizien alles gehört - seine geheimnisvolle und mystische Geschichte, die unvergleichbaren Landschaften!

   Ich war gerade ein paar Meter über die Grenze zu Galizien in die Provinz de Lugo gewandert, als mir auf einer Straße ein Auto entgegenkam, dem ein Vogel an die Windschutzscheibe klatschte. Das Tier blieb flatternd auf der Straße liegen. Ich ging zu ihm und hob ihn auf, damit er nicht vom nächsten Auto überfahren wurde. Ich nahm den Vogel in meine Hand und wollte ihn neben dem Weg ins Gebüsch legen. Nach ein paar Metern spürte ich, dass er sich nicht mehr bewegte, er war in meinen Händen gestorben. Ich schaute den Büschel Federn in meiner Hand eine Weile an und wurde sehr traurig.

„Wieso passiert mir so etwas hier auf dem Jakobsweg?“ wollte ich wissen.

   villaNoch mit dem Tier in der Hand kam ich in das Museumsdorf O Cebreiro, das seit dem neunten Jahrhundert von einigen Benediktinermönchen als Pilgerherberge betreut wurde. Ich betrat die kleine Kirche „Santa Maria la Real“, das älteste  Heiligtum am Jakobsweg und träufelte etwas Weihwasser über den Vogel. Dann ging ich nach draußen und scharrte ihm ein kleines Grab. Ich hatte keine Ahnung, warum mich das Ereignis so getroffen hatte. Es war doch nur ein Vogel gewesen.

   Ich versuchte das Ganze zu vergessen und besichtigte das Museumsdorf. Einige große Hunde fielen mir auf, die schlafend an den Häusern lagen. An einem Stand kaufte ich Bananen und setzte mich in ein kleines Cafe.

   Aber ich fand keine richtige Ruhe und entschloss, mich wieder auf den Weg zu machen. In meinem Reiseführer stand, dass der Weg aus dem Dorf schlecht beschrieben war und das sollte stimmen. Zwei Touristen deuteten mir eine Richtung, die sich aber als falsch herausstellte. Ich mochte es gar nicht, wenn ich in der falschen Richtung unterwegs war.

   In der Herberge fragte ich eine Frau nach dem richtigen Weg, auf dem ich kaum fünf Minuten unterwegs war, als mir auffiel, dass ich ohne meinen Pilgerstab wanderte. Jetzt wurde ich aber richtig hektisch. Im Eilschritt marschierte ich schon wieder ins Dorf zurück, vorbei an einer blonden Frau mit rotem Rucksack, der ich am Vortag schon einmal begegnet war. Ich versuchte zu überlegen, wo ich denn meinen Stab liegen gelassen hatte. Ich suchte in der Kirche, dann im Cafe – nichts.

   Ich fragte den Bananenverkäufer, ob ich bei ihm meinen Pilgerstab noch gehabt hatte. Nun bemerkte ich, wie sich alle Personen, die ich gefragt hatte, auf die Suche nach meinem Stab machten. Dann rief der Bananenverkäufer und winkte mit meinem Stab. Ich hatte ihn an einer Mauer stehen lassen, als ich ein Foto von der Kirche gemacht hatte. Ich bedankte mich herzlich und machte mich abermals auf den Weg.

   „Es war doch nur ein Stück Holz, der ehemalige Ast eines Baumes“, sagte ich zu mir, aber ich hatte das Gefühl, dass ich nicht ohne ihn weiter gehen konnte. Ich tastete mich noch mal komplett ab, ob in meinen Taschen alles komplett war und wanderte kopfschüttelnd, leicht bergauf in einen wunderschönen Nadelwald.

   Trotz dieser herrlichen Landschaft war meine Stimmung schlecht. Ich hatte mich so auf Galizien gefreut. Sollte das an dem toten Vogel liegen? Oder war es die Tatsache, dass mir meine Freunde fehlten? Ich hatte mir heute einen sehr langen Weg vorgenommen, doch ich merkte, wie meine Kräfte schwanden.

   villafrancaNach einem kurzen, aber sehr steilen Aufstieg kam ich an ein Restaurant mit Hostal. Ich bestellte mir zunächst eine Portion Nudeln, denn ich hatte den Eindruck, ich müsse schnell etwas essen. Die hektisch eingenommene Mahlzeit brachte aber keine Besserung und ein leichter Schwindel setzte ein. Ich entschloss, mir hier ein Zimmer zu nehmen und mich schleunigst in ein Bett zu legen, doch der junge Mann an der Rezeption sagte, es sei nichts frei.

   „Es ist mir egal, was es kostet“, sagte ich zu ihm, aber er schüttelte nur den Kopf. Ich schaute ihn an und Verzweiflung stieg in mir hoch. Der nächste Ort war fünf Kilometer entfernt und ich befürchtete in meiner körperlichen Verfassung diese Strecke nicht zu schaffen. Aber es blieb mir nichts anderes übrig und so trottete ich langsam und widerwillig los.

   „Wenn ich ganz langsam und gemächlich gehe, schaffe ich das bestimmt“, versuchte ich mich zu beruhigen und fing unweigerlich an zu heulen.

   Für die schöne Landschaft hatte ich keinen Blick mehr. In jedem kleinen „Kuhdorf“, durch das ich lief, schaute ich mich nach einer Herberge um. In meinem Reiseführer hatte gestanden, dass sich in dieser Gegend viele „Casa rurales“, kleine Landhotels befinden sollten. Und endlich, direkt hinter einem Kuhstall fand ich eines dieser Einrichtungen, das auch gleichzeitig eine Pilgerherberge war.

   „Soll es für sie vielleicht ein Einzelzimmer sein?“ fragte mich der junge Mann an der Rezeption. Ich nickte, denn nach einem großen Saal mit Pilgern war mir heute bestimmt nicht zumute. Ich wollte meine Ruhe haben, und so zog ich mich sofort zurück in mein kleines, aber schönes Zimmer, legte mich auf das Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Mit dem Bild eines großen Baumes vor Augen, aber keiner besseren Laune, wachte ich am späten Nachmittag wieder auf. Nachdem ich geduscht hatte, setzte ich mich in den kleinen, aber sehr gemütlich ausgestatteten Gästeraum, um einen Kaffee zu bestellen. Als ich an der Theke stehend darauf wartete, tippte mir jemand auf die Schulter.

   „Entschuldigen sie, sind sie aus Norwegen?“ Ich schaute mich um und einen Moment lang wollte ich mit „ja“ antworten. Eine bildhübsche dunkelhaarige Frau lächelte mich an.

   „Der Mann an der Rezeption hat erzählt, hier in der Herberge sei ein Norweger“, sagte sie auf Englisch. Ich verneinte mit einem kurzen „Sorry“ und einem Achselzucken. Sie ging nach draußen und ich schaute ihr hinterher. Als ich mich umdrehte stand der Kaffee vor mir. Ob er es war, oder die norwegische Schönheit - es ging mir etwas besser.

   Im ganzen Ort, der eigentlich nur aus fünf Kuhställen bestand, gab es keine Möglichkeit etwas zu essen zu bestellen. Heute Abend um acht Uhr wurde für die Gäste der Herberge in einem Nebengebäude ein Abendmahl angeboten. Jetzt war es fünf Uhr und um nicht in Langeweile zu verfallen, setzte ich mich in den Garten. Dort begegnete ich der blonden Frau aus O Cebreiro und der Norwegerin. Beide saßen zusammen mit... „das passt ja wieder“, dachte ich... dem weißhaarigen Belgier. Alle drei waren mit Lesen oder Schreiben beschäftigt und da mir die Fliegen und der deftige Geruch aus den Kuhställen zu penetrant wurde, begab ich mich wieder in mein Zimmer.

   Ich saß auf meinem Bett und wünschte mir nach Hause fahren zu können. Das erste Mal auf meiner Reise war ich sicher, dass ich sofort Bus, Bahn oder Flugzeug genutzt hätte und abgehauen wäre. Auch zum ersten Mal hatte ich den Wunsch, zu Hause anzurufen. Ich wollte mein Leid jemandem klagen, aber mein Handy hatte keinen Empfang und ein Festnetz gab es hier nicht. Ich fühlte mich so allein. Und für meinen absoluten Tiefpunkt hatte ich mir mit diesem Kuhdorf, in dem man auf den Straßen von einem Kuhfladen in den nächsten trat, keinen langweiligeren, von Fliegen beherrschten stinkenden und tristeren Platz aussuchen können.

   Ich weiß nicht wie ich die Zeit rumgekriegt hatte, aber um kurz vor acht Uhr versammelten sich alle zum Abendessen vor der Herberge. Eine junge Frau führte uns, im Zickzacklauf um die Kuhfladen herum, an einen großen runden Steinbau. Diese Steinhäuser hatte ich heute in O Cebreiro gesehen und so wurde uns auch erklärt, dass dieses Gästehaus nach Originalplänen zu einem „Palloza“ erbaut wurde.

   Als wir in das Innere hinein geführt wurden, musste ich unweigerlich an den Wikinger denken, der hätte hier hervorragend hinein gepasst. Auf einer Art Galerie war ein großer langer Holztisch für uns gedeckt. Neben mir hatte die blonde Frau Platz genommen, die aus Dänemark stammte und gut Deutsch sprach. Sie hatte drei Jahre in Heidelberg studiert und war seit zwei Wochen allein auf dem Jakobsweg unterwegs. Wir waren uns auf dem Weg immer mal wieder begegnet und tauschten unsere Erfahrungen aus, während Rotwein und warmes Brot serviert wurde.

   Uns gegenüber saßen fünf ältere Herrschaften. Einer der Herren war aus Deutschland und seine Stimme für meinen Geschmack etwas zu laut. Er erzählte über seine Erfahrungen während seiner Wanderungen auf dem Weg, seiner Villa im Wahlwohnort Mallorca und von seiner Frau, die wegen einer Magenverstimmung nicht am Essen teilnehmen konnte.

   Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass unter den Herrschaften ein Professor, ein Doktor, zwei Schriftsteller und die Dame, eine Kunstgaleriebesitzerin waren. Unter so erlauchten Pilgern hatte ich auch noch kein Abendessen eingenommen - und ein so reichhaltiges auch nicht. Eine Schüssel nach der anderen wurde auf den langen Tisch gestellt. Kartoffeln, Nudeln, verschiedene Gemüse, überbackene Champignons, hauchdünn geschnittenes Schweinefleisch und kleine gegrillte Fische wurden in Mengen serviert. Dazu wechselten die Bedienungen die Rotweinflaschen und das warme Brot immer wieder aus.

   Am Tisch hatte sich eine rege Unterhaltung entwickelt. So wurde in Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Dänisch und Norwegisch gesprochen, gelacht und übersetzt. Auch wenn ich nur einen Bruchteil verstand, war die Körpersprache dieser Menschen schön anzusehen.

   Jeder bemühte sich den anderen mit einzubeziehen und übersetzte – händewedelnd oder verbal. Sogar der Laute mir gegenüber wurde mir immer sympathischer und zum Schluss des Abends stießen wir alle auf ein gutes gesundes Leben an.

   Auf dem kurzen Weg wieder hinauf zur Herberge erzählte ich der blonden Dänin von meinem miserablen Tag bis zu diesem gemeinsamen Abendessen. Sie bestätigte mir ihre Erfahrungen, dass immer, wenn es ihr auf dem Weg schlecht ergangen wäre, auch schnell etwas geschehen sei, dass sie wieder aufgemuntert hätte. Ein Lächeln von einem netten Menschen am Weg, die Stimme eines Vogels am Morgen, die ersten Sonnenstrahlen des Tages, der frische Geruch in den Wäldern oder der Anblick dieser wunderbaren Natur.

   „Und wenn ich mal nichts finde, das mich aufheitert, “ sagte sie, „dann bin ich in eine Kapelle oder Kirche am Weg eingekehrt. Diese habe ich nie mit schlechter Laune verlassen.“

 

 Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD