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Der Jakobsweg in Spanien - Portomarin

 

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Sarria / Portomarin

Die Suche nach einer Herberge gestern in Sarria hatte sich wieder schwer gestaltet. Man merkte, dass die magische Grenze von einhundert Kilometer vor Santiago de Compostela näher rückte. Die begehrte Compostela, die Urkunde, die man zum Nachweis seiner Pilgerschaft bekommt, erhält man, wenn nachweislich die letzten einhundert Kilometer zu Fuß, beziehungsweise die letzten zweihundert Kilometer mit dem Fahrrad zurück gelegt hat. Dazu dienen die Stempel, die in den Pilgerherbergen oder auch in Kapellen und Kirchen in den Pilgerpass mit Datum eingetragen werden.

   Nun machen sich die wenigsten auf den langen Jakobsweg. Die meisten, ich nannte sie Kurzzeitpilger, wollen nur die Urkunde erhalten und starten dann auch erst in der Region, in der ich mich gerade befand.

   Das hatte zur Folge, dass die Übernachtungs-möglichkeiten oft überfüllt waren, zum Frust derer, die schon lange unterwegs waren. Da ich die Bettenknappheit in den letzten Tagen mehrmals am eigenen Leib erfahren durfte, hatte ich mich entschlossen, meine Tourenplanung zu ändern.

   Es gibt einen sehr guten Reiseführer, der von den meisten Pilgern genutzt wird. Es gibt ihn in allen  Sprachen. Dieser Reiseführer teilt die Strecke in einzelne Etappen ein, nach denen ich mich auch sehr oft gerichtet hatte. Nur tun das eben die meisten Pilger und so sind die Herbergen in den entsprechenden Stationen fast immer voll.

portomarinHeute hatte ich mir nur eine halbe Strecke vorgenommen, um dann immer in der Mitte der vorgegebenen Stationen zu wandern. Die Stimmung während der ersten Sonnenstrahlen bei klarem Himmel und musikalischen Vögeln war für mich immer die schönste Zeit des Tages. Ich spürte dabei jedes Mal so viel Kraft und Energie und vor allem Lust mich auf den Weg zu machen. Die Orte, ob kleine Bauerndörfer oder größere Städte, waren um diese Zeit fast menschenleer und ganz still.

   Der Weg führte wieder einmal durch eine herrliche Landschaft und Galicien zeigte sich von seiner schönsten Seite. Anfangs traf ich nur auf wenige Mitpilger, aber kurz vor Mittag hatte ich ständig Wanderer im Blickfeld. An einer Wegbiegung stand das schon erwähnte Wohnmobil auf einer Wiese. Die Besitzer hatten es sich auf ihren Campingmöbeln gemütlich gemacht und beobachteten die Pilger, die keine fünf Meter entfernt an ihnen vorbei gingen.

   Ich schüttelte den Kopf und erinnerte mich an die Worte von Monica, die mir über die Touristen am Weg erzählt hatte. So hatte sie auf ihren Reisen beobachtet, wie Menschen am Ortsrand von Santiago aus dem Kofferraum ihres Wagens ihren Rucksack aufnahmen und zur Kathedrale „pilgerten“. Das gestalteten manche sogar so perfekt, dass sie kurz vor dem Hauptplatz anfingen, leicht zu humpeln. Die nötigen Stempel hatten sie sich vorher per Auto von einer Herberge zur anderen auf die gleiche Weise besorgt.

   Langsam entwickelte ich einen Blick dafür, wer schon länger unterwegs war und wer nicht. Große schwere Rucksäcke, die zudem noch schön sauber waren, deuteten auf Kurzzeitpilger hin. Auch die Kleidung, sauber und frisch gebügelt, sowie glänzende Schuhe waren verräterisch. Das ganze hatte aber auch skurrile Züge. So hörte ich auf einmal hinter mir ein Geräusch, dass ich zuerst nicht einzuordnen wusste.

   Dann überholte mich eine junge Frau mit einem winzigen Rucksäckchen, aber mit allen Utensilien behangen, die man in den Touristenbuden kaufen konnte. Das schärfste war aber das Geräusch, das ihre Fußbekleidung machte „Flippflopp, Flippflopp“. Ein paar Meter vor mir hüpfte sie auf eine Mauer und zupfte aus einem privaten Garten ein paar Äpfel vom Baum.

   An einer Steigung lief ich auf ein Paar auf, das ihrer Kleidung nach auf dem Weg in die Altstadt irgendeiner Großstadt war. Sie quälten sich Schritt für Schritt in ihren Freizeitschuhen, Buntfaltenhosen und Blousonjacken den Hügel hinauf. Ich dachte amüsiert, wo die wohl herkommen würden. Als ich sie überholt hatte sagte er zu seiner Frau:

   „Poh! Datt is joh widderlich heh.“ Ich hatte mich noch nie geschämt ein Kölner zu sein, aber ich war nahe dran. Die Aussage von ihm hatte allerdings außer einem müden Lächeln meinerseits noch etwas anderes ausgelöst. Von der Kölner Gruppe BAP gibt es einen Song mit dem Titel „Ihr sitt widderlich“ und der ging mir jetzt nicht mehr aus dem Kopf.

     Kurz darauf näherte ich mich zwei blitzblanken Riesenrucksäcken, die langsam und schnaubend des Weges dahin schaukelten. Der Weg war zu schmal, um an ihnen vorbei zu kommen und sie bemerkten mich nicht. Mit einem „Huup huup“ drängelte ich mich an ihnen vorbei und sang innerlich „Ihr sitt widderlich“.

   Gegen Mittag wollte ich in einer kleinen Cafe Bar eine Stärkung zu mir nehmen. Ich setzte mich an den letzten freien Tisch. Neben mir gaben zwei deutsche Pilgerinnen dem spanischen Kellner eine Bestellung ab, die selbst ich nicht verstanden hätte. Ich fand ein paar Grundkenntnisse in der Landessprache sollten schon sein, wenn man hier unterwegs war.

   Am Nachbartisch hatte eine junge Frau die verzweifelten Bemühungen des spanischen Kellners, die Damen zu verstehen, mitbekommen und grinste. Als die Musik in dem Cafe` in Richtung Schlager ging und dann noch eine größere Wandergruppe im Anmarsch war, standen die junge Frau und ich gleichzeitig auf und flüchteten auf den Weg zurück

   portomarinAber auch hier sollte erst einmal keine Ruhe einkehren. Eine Gruppe spanischer Teenager diskutierte, kicherte und lachte laut, während des Wanderns. Sie hatten zudem etwa das gleiche Tempo wie ich, weshalb ich an einer kleinen Brücke beschloss, mich zu setzen und die Schreihälse vorbeiziehen zu lassen. Auch das taten die junge Frau aus dem Cafe` und ich fast gleichzeitig. Wir saßen uns gegenüber und ich fragte sie, ob es ihr auch zu laut gewesen war. Sie lachte.

   „Ja“, sagte sie, „das nervt.“ Ich freute mich, als sie mir sagte, sie sei seit zweieinhalb Wochen unterwegs, weil ich es endlich einmal wieder mit einem richtigen Pilger zu tun hatte.

   Wir gingen eine Weile zusammen und tauschten unsere Erfahrungen aus. Nach einer Weile merkte ich, dass ich ohne Pilgerstab unterwegs war. Ich verabschiedete mich von der jungen Frau und musste wieder einmal doppelte Kilometer laufen. Ich fand meinen hölzernen Freund neben der Brücke liegend.

   Genau zur Mittagshitze kam ich in Portomarin an. Über eine große Brücke erreichte ich eine Art Stadtmauer, von der es ein paar hundert Meter bergauf zur Herberge ging. Auf einem der kleineren Plätze stand, ganz in der Nähe der Herberge, das schon bekannte Wohnmobil. Ebenso entdeckte ich am besten Hotel des Ortes einen silbernen Kleinbus, der mir in den letzten Tagen aufgefallen war.

   Das heutige Portomarin besteht erst seit etwa vierzig Jahren. Der ursprüngliche Ort wurde durch die Stauung des Flusses „Rio Mino“ komplett mit allen Häusern überschwemmt. Nur die Kirche „Iglesia de San Nicolas“ wurde Stein für Stein abgetragen und auf dem Hauptplatz des Dorfes wieder aufgebaut. Bei niedrigem Wasserstand kann man die restlichen Mauern der alten Stadt im Flussbett sehen.

   Zum Abendessen hatte ich mir ein gutes Restaurant  ausgesucht. Außer mir hatte eine Gruppe Kurzzeitpilger, die ich als Besatzung des silbernen Kleinbusses identifizierte, an einem reservierten Tisch Platz genommen. Eine sehr nette und aufmerksame Kellnerin bot mir daraufhin einen Tisch abseits dieser Gruppe an. Sie machte mir damit eine große Freude und ich hatte das Gefühl, den ganzen Abend sehr aufmerksam und bevorzugt von ihr bedient zu werden. Ich saß direkt am Fenster und hatte einen guten Blick auf den Hauptplatz des Ortes, über dem langsam die Sonne unterging.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD