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Der Jakobsweg in Spanien - Palas de Rei

 

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Portomarin / Hospital da Cruz / Palas de Rei

An nächsten Morgen hingen die Wolken sehr tief. Die Luft war feucht und kühl. Beim Abstieg aus dem Ort wieder hinunter zur Brücke, traf ich auf eine Gruppe junger Pilger, die sich ihre Rucksäcke gegenseitig zurecht rückten. Sah so aus, als würden sie das zum ersten Mal machen. Ich spazierte durch die Gruppe hindurch zur Fußgängerbrücke, die sehr hoch, schmal und wacklig war – nichts für Leute mit Höhenangst.

   Gestern hatte ich den Kilometerstein „einhundert“ passiert, der die noch verbleibende Strecke bis Santiago de Compostela, nicht ganz korrekt, aber ungefähr, angab. Das bedeutete, dass ich bisher rund achthundert Kilometer gelaufen war. Deshalb auch das feine Essen gestern Abend.

   Achthundert Kilometer war die Strecke gewesen, die wir früher mit der Familie immer bis nach Innsbruck in Österreich in den Urlaub gefahren waren. Diese Strecke war mir als kleiner Junge so immens lang vorgekommen, dass ich es mir gar nicht richtig vorstellen konnte. Und diese Entfernung hatte ich in drei Wochen mit Rucksack und über Berge zu Fuß bewältigt.

   Ich war mächtig stolz auf mich und so schritt ich auch in strammem Tempo voran, bis ich in einiger Entfernung ein Glitzern sah. Ich blieb stehen und schaute noch mal genauer, im dunstverhangenen Wald blitzte ein paar hundert Meter vor mir an verschiedenen Stellen etwas auf, das sich zu bewegen schien. Zu hören war nichts, der Wald schluckte alle Geräusche. Mein Hirn versuchte schnell eine vernünftige Erklärung für diese Erscheinung zu finden, aber es gelang nicht.

   „Gut, “ dachte ich, „vielleicht ist es ja auch unter Außerirdischen hip, auf dem Jakobsweg zu pilgern.“ Ich stieg einen kleinen Hügel hinauf und das Blitzen kam näher. Jetzt wurde ich doch nervös, denn ich konnte immer noch keine Erklärung finden, bis ich eine Gruppe von Pilgern erkannte.

   Es waren acht Damen älteren Semesters aus Italien. Sie trugen alle auf ihren Rucksäcken eine spezielle Isomatte aus wabenartig angebrachtem Aluminium. Einer der Rucksäcke war sogar ganz aus diesem Material. Während ich grüßend an der Gruppe vorbeimarschierte fragte ich mich, ob sie ihre Ausrüstung bei der NASA gekauft hatten. 

   Palas de ReiIn Hospital da Cruz kam mir ein junger Mann aus Hamburg entgegen, der mir durch seine weiße Kleidung inklusive weißer Stoffmütze aufgefallen war.

   „Das ist aber die falsche Richtung“, sagte ich zu ihm.

   „Schon klar“, antwortete er, „ich gehe heute nicht weiter. Ich habe mir im Wald den Fuß verknackst.“ Er wollte sich in einem Hospital helfen lassen. Da hatte er sich einen guten Platz ausgesucht, denn im Ort gab es drei Hospitäler, die sich kostenlos um die kleinen oder großen Blessuren der Pilger kümmerten.

   „Weiße Kleidung und Halbschuhe“, schüttelte ich den Kopf und setzte mich außerhalb des Ortes auf eine Bank. Kaum hatte ich die Flasche Wasser und den Schokoriegel in der Hand kam eine Gruppe von mindestens dreißig leicht bepackten Touripilgern auf mich zu. Schnell setzte ich meinen Rucksack wieder auf und eilte voran, um sie nicht in meine Nähe kommen zu lassen.

   Die Ruhe am Weg, die ich am Anfang meiner Reise so sehr genossen hatte, war mir abhanden gekommen, was ich sehr bedauerte. Ich wünschte mir die Ruhe zumindest teilweise wieder zurück.

   Am Abend telefonierte ich mit Monica. Sie bestätigte mir nochmals, dass sie diese Erfahrungen auch gemacht hatte. Darum war sie so sehr gegen irgendwelche Publikationen über den Weg.

   „Das bringt nur neue Touristen“, sagte sie aufgeregt, „und das tut dem Camino nicht gut.“

   Das war auch einer der Gründe gewesen, warum sie schon zweimal im Winter auf dem Jakobsweg gewandert war.

   „Das waren meine schönsten und intensivsten Wanderungen gewesen. In dieser absoluten Ruhe kannst Du mit dem Weg richtig kommunizieren.“

 

 Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD