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Der Jakobsweg in Spanien - Arzua

 

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Unter Kühen in Galicien

 
Palas de Rei / Melide / Arzua

   Wieder hatte sich der Nebel über die morgendliche Stille ausgebreitet. Die Luft duftete und war feucht als ich mich auf den Weg machte. Ich war allein unterwegs, keine Pilger in Sicht.

      Es war der zweiunddreißigste Tag meiner Reise. Wenn ich den Tag der Anreise abziehe, war ich heute einunddreißig Tage auf dem Jakobsweg. Das war die Zahl meines Geburtstages und gleichzeitig meine Glückszahl.

   Ich dachte über die Worte von Monica nach. Sie sprach von einer Kommunikation mit dem Weg, die eine Sprache und somit auch Stimmen beinhaltete. Und ich dachte über die Stimme nach, die ich zu hören geglaubt hatte. In diesen Gedanken versunken änderte sich plötzlich die Umgebung.

    arzua Der Dunst hatte sich aufgelöst und die Luft roch sehr angenehm. Ich wanderte in einen dichten Wald mit hohen, schlanken Bäumen. Ich kannte den Geruch, kam aber nicht sofort darauf, woher. Ich merkte wie sich meine Aufmerksamkeit steigerte und ich automatisch einen Schritt vor den anderen machte. Es schien mir, als ob ich meine Ohren spitzte, um irgendetwas zu hören oder wahrzunehmen. Irgendetwas schien hier ganz anders als sonst zu sein.

   „Eukalyptus“, erinnerte ich mich. Dieser Duft kam von den Bäumen und nun erinnerte ich mich, wie mein Reiseführer die Eukalyptuswälder von Galizien angekündigt hatte.

   Ich nahm einen tiefen Zug und horchte immer noch auf irgendetwas, bis ich an eine Weggabelung kam und stehen blieb.  

   arzuaEs herrschte totale Stille. Ich schaute mich um und konnte dabei die Steine unter meinen Sohlen knirschen hören. Niemand hinter mir, niemand vor mir. Sogar die Vögel schwiegen. Ich musste nicht lange nachdenken, wo es weiter auf dem Weg ging. Der linke breitere Weg mit einer kleinen Markierung war der Jakobsweg, aber es zog mich irgendwie in den rechten Weg hinein. Das Geräusch der knirschenden Steine verschwand und ich ging jetzt leise über den Laubboden. Mein Pilgerstab machte beim Bodenkontakt sein typisches Geräusch, dass ich nun doppelt hörte.    Einen Moment war ich mir sicher, jemand würde hinter mir her gehen. „Klack“ und „klack“ hörte ich nur, bis ich mich umdrehte – nichts! Ruhe!

   Ich wusste nicht wohin mich dieser Weg führen würde, aber meine Neugier war groß. Ich hatte keine Angst, die hatte ich auf dem Weg nie gehabt. Außerdem wusste ich ja, das Richtige zu tun, weil ich meiner Intuition folgte und die konnte einen schon mal in unbekannte Gefilde bringen.

   Die Umgebung schien einem Zauberwald zu gleichen. Hier hätte ich mich nicht sehr gewundert, wenn hinter dem nächsten Baum ein Zwerg, Gnom oder sonstige Fabelwesen erschienen wären.

   „Oder meine Fee“, dachte ich und erinnerte mich an meinen Wunsch auf dem Jakobsweg einem Engel oder einer guten Fee zu begegnen. Die Situation war zu unwirklich, als dass ich diese Gedanken als völligen Blödsinn abtun konnte. Für einige Minuten wäre genau das möglich gewesen.

   Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so große Erwartungshaltung gehabt zu haben. Sollte es etwas wie eine geistige Anziehungskraft geben, mussten sich in diesen Minuten einige Engel und Feen an allem möglichen festgekrallt haben, um nicht in diesen Moment hinein gezogen zu werden.

   Nachdem ich einige hundert Meter diesem Weg gefolgt war, sah ich in mitten der Eukalyptusbäume eine alte knorrige Eiche und blieb wie angewurzelt stehen. Eichen hatte ich schon gesehen, auch knorrige und alte Exemplare. Durch ganze Wälder von ihnen war ich in den vergangenen Tagen schon gewandert. Aber diese hatte ich vor ein paar Tagen in einem Traum gesehen.

   Ich hätte nicht dümmer aus der Pilgerwäsche gucken können,  wenn tatsächlich ein Fabelwesen vor mir rumgehüpft wäre. Ich brauchte mich nicht einmal zu kneifen um festzustellen, ob ich jetzt auch wieder träumen würde, denn all meine Sinne waren, seit ich den Eukalyptusgeruch in die Nase bekam, auf einhundert Prozent.

Ich näherte mich der Eiche und legte meinen Rucksack ab. Dann zog ich meine Wanderschuhe aus und lehnte mich mit dem Rücken an den Stamm der Eiche und grinste. Außer mir Engel und Feen zu wünschen, hatte ich mir vorgenommen, an einem besonderen Baum zu meditieren.

   „Na danke schön“, sagte ich, „noch „besonderer“ ging wohl nicht.“

   Seit einigen Jahren hatte ich autogenes Training angewandt. Daraus wurde mit der Zeit eine Meditationsform, die ich mir selbst zusammengestellt hatte. Dabei baute ich immer wieder neue Elemente mit ein, die ich in Büchern las und für sinnvoll hielt. So gab es in meiner Meditation Elemente aus Büchern, in denen Medien über die Natur der persönlichen Realität „gesprochen“ hatten, oder Teile verschiedener Philosophien, die ich ergänzte und durch das Lesen naturwissenschaftlicher Bücher von für mich, schlüssigen, beweisbaren Theorien ableitete und anwendete.

   In diesen Meditationen hatte ich aufregende und bemerkenswerte Dinge erlebt, die für mich mit der Zeit „normal“ geworden waren.

   Ich schloss meine Augen, drückte meinen Rücken an die Eiche und atmete tief ein. Ich spürte eine tiefe Entspannung, die beim dritten oder vierten Atemzug einsetzte. Dann begannen Bilder an meinem geistigen Auge vorbeizurasen. Blitzschnell und gestochen scharf. Normalerweise richtete ich in meiner Meditation die Gedanken auf ein gewünschtes Thema und dann kamen die passenden Bilder und Gefühle dazu. An dieser Eiche war das nicht der Fall. Ich musste mich nur darauf einlassen und entspannen, der Rest kam von allein. Mein Rücken wurde warm und ich hatte den Eindruck mit dem Baum verbunden zu sein, als plötzlich alles schwarz wurde.

   Langsam tauchte vor meinem geistigen Auge ein Licht nach dem anderen auf, bis ich erkannte, dass es Sterne waren. Nach einer Weile schaute ich in ein Universum voller leuchtender Sterne. Ich sah, wie sich Lichtstrahlen aus den einzelnen Sternen in einem großen Stern trafen. Hier heraus bildete sich dann ein besonders heller gebündelter Lichtstrahl, der in die alte Eiche, durch sie hindurch und schließlich in mich hineinfuhr. In diesem Moment wurde alles schneeweiß und warm und angenehm.

   Es dauerte eine Weile, dann nahm ich den Geruch des Eukalyptuswaldes und den Gesang von Vögeln wahr. Sonnenstrahlen drangen durch die Blätter der Bäume und tanzten als kleine Lichtpunkte auf dem Waldboden herum. Niemand hätte mir das Grinsen aus dem Gesicht bringen können, denn diese Erfahrung hatte ein Gefühl in mir bestätigt.

   Ich hatte oft in meinem Leben das Gefühl gehabt, einen bestimmten Weg zu gehen, von dem ich allerdings keine Ahnung hatte, in welche Richtung er mich führen würde. Immer, wenn sich Situationen ergeben hatten, in denen ich spürte, ich komme von diesem Weg ab, hatte ich die richtige Richtung wieder gefunden. Dadurch hatte ich allerdings auch einige harte Entbehrungen in Kauf nehmen müssen.

   Und dieses Ereignis hatte mir glasklar bestätigt, dass ich mich, nicht nur auf dem Jakobsweg, in die richtige Richtung bewegte. Ich hatte etwas Wichtiges zu tun, von dem ich auch in diesem Moment noch nicht genau wusste, was es war. Sicher war nur, dass meine Intuition, meine innere Stimme, oder wie auch immer man das nenne möchte, mich genau dahin führen würde.

   Ich saß noch lange mit einem schön schweren und wohligen Gefühl im ganzen Körper an dem Baum, bis ich mir wieder meine Schuhe anzog und den Rucksack anschnallte. Ich hatte noch nie einen Baum umarmt, aber diesmal tat ich es um mich zu bedanken. Schließlich sah mich hier ja niemand – außer der Engel und Feen.

   Ich kehrte wieder auf den Weg zurück und lief prompt in eine Gruppe von Pilgern ohne Gepäck, die etwas irritiert schauten. Ich grinste nur. Die Sonne schien nun heller zu leuchten, das Grün der Blätter und der Geruch von Eukalyptus intensiver zu sein. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ging, sondern mehr, dass es mich ging, so leicht und unbeschwert kam ich voran.

   In der Stadt Melide gönnte ich mir ein gutes Mittagsmenü und grinste jeden, der daher kam, an.

   Nachdem ich fünf Kilometer weiter geschwebt war, begrüßte mich im Ort Boente ein Pfarrer, der die Pilger einlud, seine kleine Kirche zu besichtigen. Er begrüßte jeden einzelnen mit Handschlag und jetzt fiel mir ein, dass es Sonntag war.

   Ich setzte mich einen Moment in die kleine Kirche, auf deren Altar eine Figur des Apostels Santiago stand. Ich trug mich in das Gästebuch ein und erhielt einen Stempel und ein Bildchen vom Apostel. Auf der Rückseite war ein Gebet in deutscher Sprache, das man in der Kathedrale von Santiago beten sollte und diese kam rasch näher. In fünfzig Kilometern, also in zwei Tagen würde auch ich dort ankommen.

   Aber zuvor nahm ich Kurs auf mein heutiges Ziel, der Stadt Arzua. Bekannt geworden war sie durch ihre, weit über die Grenzen bekannte, Käseproduktion. Aus Kuhmilch wird hier ein milder Weichkäse gewonnen, der in ein Kilogramm schweren „Tetilla“ verkauft wird.

   Um diesen Käselaib gibt es eine nette Geschichte. An der Kathedrale von Santiago de Compostela hatte ein Bildhauer eine weibliche barbusige Figur mit sehr echt wirkenden üppigen Brüsten geschaffen, deren Anblick die Männer in Verzückung brachte.

   Das gefiel aber den Kirchenoberen nicht und so ließen sie die Brüste der Dame abflachen. Aus Protest, so heißt es, formten die Bauer einen Käselaib in Form einer Frauenbrust und nannten ihn „Tetilla“, übersetzt Brüstchen.

   Auf meinem Weg durch herrliche Landschaften, Dörfer und kleine Siedlungen äußerte ich an einer kleinen Kapelle einen Wunsch. Es war wieder Formel-1 Sonntag und ich wünschte mir rechtzeitig mein Ziel zu erreichen und bis spätestens viertel vor drei, also etwa Mitte des Rennens, vor einem Fernseher zu sitzen. Das war ein frommer Wunsch und auch ein naiver, denn zwischen Arzua und der nächsten, letzten großen Stadt vor Santiago gab es über eine Strecke von zwanzig Kilometern keine Pilgerherberge – so mein Reiseführer.

   In Arzua angekommen, musste ich zwei Herbergen und drei Hostals ablaufen, bis ich ein kleines Zimmer bekam.

   Verschwitzt und müde streifte ich meinen Rucksack ab und zog die Schuhe aus. Ich setzte mich aufs Bett und entdeckte in der oberen Ecke des Zimmers einen kleinen Fernseher. Ich drückte auf den roten Knopf und die Formel-1 Renner drehten vor mir ihre Runden. Es war genau viertel vor drei.

   „Spitze“, grinste ich, „Firma dankt!“

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD