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Der Jakobsweg in Spanien - Santiago de Compostela

 

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Der letzte Kilometer zur Kathedrale

 

Lavacolla / Santiago de Compostela

   “Sieh zu, dass es früh am Morgen ist, wenn Du in der Kathedrale von Santiago ankommst“, hatte mir Monica eindringlich geraten, denn die Stimmung sollte zu dieser frühen Stunde ganz besonders sein und die Kirche noch nicht so überfüllt.

   Nachdem ich das Hotel verlassen hatte, war es kurz nach sechs Uhr und stockfinster. Meine Taschenlampe hatte ich vor zwei Wochen in einer Herberge liegen lassen und so behalf ich mir an kritischen Stellen im Wald mit dem Blitz meines Handys. Ich wanderte durch kleine Dörfer, die noch dunkel und verschlafen waren, nur die Kühe in ihren Ställen, und vereinzelt ein bellender Hund waren zu hören.

Ich war mir an verschiedenen Stellen nicht mehr sicher, ob dies noch der richtige Weg sei. Kein Pilger begegnete mir.

   Meine Nervosität nahm zu. Heute Morgen war ich vor meinem Wecker wach und ohne Frühstück unterwegs. Langsam fing es an zu dämmern und ich war sehr froh, als ich an einer Hauswand den ersten gelben Pfeil sichtete und wusste, ich war hier richtig. Wieder in einem der zahlreichen Waldgebiete eingetaucht, fing im halbdunkeln das Raten an, wer oder was sich da vor einem aufhielt. Konturen tauchten auf, die geduckte sitzende Pilger sein konnten, oder ein Hund am Wegesrand. Beim Näherkommen, teils nur wenige Meter davor, erkannte ich dann aber nur einen großen Stein oder Baumstumpf.

   Der Weg führte vorbei an zwei großen spanischen TV-Sendestationen, durch deren Fenster ich in den hell beleuchteten Büros die Menschen arbeiten sehen konnte.

   Es schienen mir zwei völlig verschiedene Welten zu sein, die da drinnen an ihren Schreibtischen und Computern und ich hier draußen mit meinem Rucksack kurz vor meinem Pilgerziel.

   Vor meiner Reise war mein Berufsleben auch von Büroarbeit bestimmt gewesen. Ich stand eine ganze Weile nur da und schaute den Menschen zu, wie sie durch die Gänge eilten mit Akten und Filmrollen unter den Armen. Von hier draußen ähnelte das Geschehen einem Ameisenhaufen.

   Das erinnerte mich an meinen ersten großen Anstieg auf meiner Pilgerreise, und an die Mühe, die ich hatte, meinen damals noch zu schweren Rucksack hinauf zu schleppen. Ich stoppte und um meinen Rücken zu entlasten, beugte ich mich tief nach vorn, so dass der Rucksack gerade auf meinem Rücken lag. Ich schaute nun aus einem Meter direkt auf den Weg, die Steine und – eine Ameise. Diese Ameise trug ein Stück von einem Blatt, das doppelt so groß war, wie sie selbst. Ich erinnerte mich in diesem Moment daran, dass Ameisen ein Mehrfaches ihres eigenen Gewichtes tragen können.

   „Wenn eine winzige Ameise eine solche Last locker tragen kann“, dachte ich in diesem Moment, „dann kann ich doch wohl so einen Pipi-Rucksack durch die Gegend tragen.“

   Und wirklich jedes einzelne Mal, wenn ich wieder an einer Steigung erschöpft diese Stellung eingenommen hatte, war mir eine Ameise durch mein Blickfeld gekrabbelt, um mich daran zu erinnern.

   Es begann richtig hell zu werden, als ich am Monte do Gozo, einem kleinen Hügel und Aussichtspunkt ankam und von hier aus zum ersten Mal in der Ferne die beiden Türme der Kathedrale sehen konnte.

   Ich stand alleine an einem Denkmal, dass zu Ehren verschiedener Papstbesuche errichtet worden war und schaute auf die Stadt hinunter.

   Dann vernahm ich ein Geräusch, das ich aus den Herbergen kannte und drehte mich um. Hinter einer flachen Mauer schaute das verschlafene Gesicht eines jungen Mannes, der gerade den Reißverschluss seines Rucksacks geöffnet hatte. Er grüßte zu mir rüber und begann neben sich zwei weitere, noch schlafende Pilger zu wecken. Dieser Aufbruch war auch meiner, denn ich wollte früh die Kathedrale erreichen.

  Buch-60 KarteDurch das Stadtgebiet von Santiago de Compostela zog es mich an einer übersichtlichen Beschilderung in die Altstadt. Nachdem ich mich fast in ein paar kleinen Gässchen verlaufen hatte, stand ich auf einmal vor der Kathedrale, aber ich sah keinen Eingang. So lief ich um die nächste Ecke des riesigen Gebäudes und – hier war auch kein Eingang. Die Situation kam mir merkwürdig vor.

   Nach nunmehr neunhundert Kilometern Fußweg und einigen Strapazen stand ich vor meinem Ziel und fand den Eingang nicht. Und noch etwas erschien mir seltsam. Rund um die Kathedrale waren keine Menschen.

   Die Situation schien eher einem Traum zu entsprechen, als der Realität. Dann entdeckte ich an einer kleinen Doppeltüre eine Nonne, die mich zu sich winkte.

   „Ok. Alles klar;“ dachte ich, „es ist ein Traum.“ Ich ging auf die Tür mit der Nonne zu, die in der Kathedrale verschwand. Als ich die schwere Holzschwelle überschritt, und meinen Fuß in das Innere der Kathedrale setzte, geschahen drei Dinge zur gleichen Zeit. Die Glocken fingen an zu läuten, die Orgel setzte ein und all meine vorhandenen und nicht mehr vorhandenen Nacken- und sonstigen Haare stellten sich blitzartig auf.

   „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, dachte ich in meinem Traum, „das ist der Ehre zu viel.“ Ich schritt langsam zu den Bänken vor dem Hauptaltar, wo etwa dreißig Menschen Platz genommen hatten. Also auch die Kathedrale war fast leer – ein schöner Traum. An einer Säule blieb ich stehen und schaute den Geistlichen bei ihrer Messe zu. Hinter ihnen, nicht zu übersehen, thronte die mit Gold und Edelsteinen verzierte, überlebensgroße Figur des Heiligen Jakobus.

   In meinem Reiseführer hatte ich gelesen, dass die Pilgerreise beendet ist, wenn man die Stufen hinter dem Altar hinauf geht und den Apostel umarmt. Mich zupfte jemand am Arm und ich drehte mich um. Ein Mönch in einer dunklen Kutte lächelte mich an und deutete mir, ihm zu folgen und da es ja ein Traum war, folgte ich ihm. Er ging mit mir hinter den Altar und zeigte mir die schmale Treppe hinauf zum Heiligen Jakobus.

   Langsam und gerade so mit meinem Rucksack durch den schmalen Gang passend, stieg ich die Stufen hinauf. Ich stand hinter der massiven Figur und schaute über den Altar in die Gesichter der Menschen. Dann näherte ich mich dem Apostel und umarmte ihn. Ich berührte das kühle Metall, die Edelsteine und Verzierungen und etwas, dass ich noch nicht gekannt hatte - ein sehr starkes intensives Gefühl.

   Die Menschen in der Kathedrale schauten mir bei dieser Umarmung zu, aber das machte mir nichts aus, denn es war ja nur ein Traum. Ich stieg die Stufen wieder herunter und wurde sehr traurig. Mir fehlte etwas. Meine Pilgerschaft war hier zu Ende. In dem Zustand einer inneren Leere blieb ich neben dem Altar eine Weile mit gesenktem Kopf und Tränen in den Augen stehen, bis ich mich auf eine der Bänke setzte und der Messe zusah.

   Ich saß da auf der Holzbank und auch wenn die Geistlichen in deutscher Sprache gepredigt hätten, wäre wohl kein Wort bei mir angekommen. Die ganze Zeit schaute ich in die Augen des Apostels, der so erhaben über dem Altar auf die Menschen blickte, bis die Messe beendet war.

   In diesem Moment öffneten sich rechts und links, vorn und hinten Türen und Scharen von Menschen drängten in den Kirchenraum. Jetzt wurde mein Traum aber zum Albtraum. Gruppen von Touristen mit ihren Führern kamen aus allen Richtungen auf mich zu und ich  war gänzlich desorientiert.

   Mit leichter Panik in den Augen erblickte ich in einer Ecke eine kleine Türe, durch die das Licht besonders hell hinein strahlte und bewegte mich durch die Massen hindurch auf sie zu. Sie führte mich auf den kleinen Vorplatz, über den ich vor einer Stunde noch angekommen war. Auch hier drängelten sich die Menschen und die Souvenierstände wurden aufgebaut.

   „Was für ein Albtraum“, dachte ich, und entschloss, sofort diesen Ort zu verlassen. Kaum war ich drei Stunden in Santiago de Compostela gewesen, hatte ich es auch schon wieder verlassen. Zum Glück wurde es dann auch wieder ruhiger – außen und im Innen. Während des Wanderns fing ich laut an zu heulen.

   In einem kleinen Waldstück setzte ich mich auf einen Baumstumpf und kramte in meinem Rucksack nach etwas Essbarem. Außer einem zermantschten Marsriegel fand ich aber nichts – und wieder kamen mir die Tränen. Ich suchte mir einen kleinen verlassenen Weg in den Wald hinein und fand eine kleine Lichtung, wo ich meinen Rucksack absetzte, meine Schuhe auszog und mich an einen Baum lehnte, um auszuruhen.

   santiagoSehr schnell hatte ich mich entspannt und führte diesmal selbst das Bild des sternenbehangenen Universums mit den sich bündelnden Lichtstrahlen herbei. Es begannen sich Bilder zu formen und ein Gefühl dessen, was für mich in Zukunft das Richtige sein würde. Die Bilder waren etwas unscharf, aber dieses bestätigende Gefühl war so, als wäre schon etwas für mich real vorhanden, dass ich allerdings noch nicht erreicht hatte - eine reale Aussicht auf etwas Positives mit dem Gefühl, es schon erreicht zu haben.

   Mit diesem wunderbaren Gefühl des „mir kann gar nichts passieren“ setzte ich meinen Weg in Richtung Atlantik Küste fort. Meine Planung hatte eigentlich einen ein bis zwei Tage dauernden Aufenthalt in Santiago vorgesehen. Monica hatte mir eine Liste von Cafés, Restaurants und Sehenswürdigkeiten erstellt, die ich unbedingt hätte besuchen sollen. Geplant war in einem Luxushotel zu übernachten, feudal zu essen und Zigarre rauchend meine Ankunft zu feiern. Stattdessen befand ich mich auf dem Weg ans Ende der Welt.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD