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Der Jakobsweg in Spanien - Finisterre

 

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Finisterre - am Ende der Welt   Muxia am Atlantik

 

Santiago de Compostela / Negreira / Finisterre

Am frühen Abend und nach über dreißig Kilometern war ich gestern am späten Nachmittag im Ort Negreira angekommen. Müde und mit wehen Füßen hatte ich mir ein kleines einfaches Hostal gesucht und war nach einem gemütlichen Abendessen früh im Bett gewesen.

   Ich hatte lange geschlafen und gönnte mir im Ort ein Frühstück auf einer kleinen Terrasse eines Cafés, von dem man eine schöne Aussicht auf den Hauptplatz hatte. Die richtige Einstellung, heute zu wandern, fehlte mir noch. Ein Blick in meinen Reiseführer prophezeite mir eine dreiunddreißig Kilometer lange anstrengende, schattenlose und daher heiße Strecke ohne Einkehrmöglichkeiten. Das hörte sich nicht wirklich nett an.

   Mein Hintern klebte förmlich an dem bequemen Stuhl, bis ich eine dunkelhäutige, Rucksack tragende und Pilgerstab schwingende Frau sah, die sich an die Bushaltestelle setzte. Ich hatte seit meiner Flucht aus Santiago keinen Pilger mehr gesehen und so entschloss ich, mich zu ihr zu gesellen. Noch bevor ich die Haltestelle erreichte, bog ein Bus um die Ecke. Ich musste grinsen, als ich einstieg.

   „Hat mich wieder einer eingefangen“, dachte ich.

   Kurz vor Mittag sah ich aus dem Fenster an einer Straßenbiegung zum ersten Mal das blaue Wasser des Atlantik. Nach so viel Hellbraun von den abgeernteten Getreidefelder der Meseta und dem Grün der herrlichen Waldlandschaften war das Blau des Meeres wie eine fremde Welt. Die vielen kleinen Buchten, an deren Sandstränden sich seichte Wellen brachen, sahen nach Urlaub aus. Der salzige Geruch von Meer stieg mir in die Nase, als ich aus dem klimatisierten Bus ausstieg. Möwen schwebten kreischend über dem Ort und beim Anblick des kleinen Fischerhafens konnte ich kaum fassen, dass mich der Bus nur etwa vierzig Kilometer weit gefahren hatte.

   Bis nach Finisterre waren es allerdings noch etwa zehn Kilometer, doch diese Strecke führte, bis auf ein Drittel, an der Küste entlang mit herrlichen Ausblicken auf das Meer. Die dunkelhäutige Pilgerin war mit mir ausgestiegen und so war es unvermeidlich, dass wir uns auf der Wegstrecke wieder begegneten. Sie wartete an einem Aussichtspunkt mit ihrer Kamera auf mich, um mich zu bitten ein Foto von ihr zu machen.

   Die junge Frau kam aus Brasilien und war seit fünf Wochen alleine auf dem Weg unterwegs gewesen. Innerlich musste ich grinsen, denn ich hatte in Hape Kerkelings Buch von einer Brasilianerin gelesen, die auf dem Jakobsweg nach einem Mann für sich gesucht hatte. Wir gingen einen Teil der Strecke zusammen und plauderten über unsere Erfahrungen, die immer wieder vollkommen unterschiedlich waren.

   An einer der kleinen Buchten berichtete sie mir, dass sie in Santiago extra einen tollen Bikini gekauft hätte, denn sie wolle in Finisterre zwei Tage Strandurlaub machen. Dann wollte sie wissen, wie viel Zeit ich denn in dem Ort verbringen wollte.

   „Na zwei Tage – ist doch klar“, dachte ich.

   „Das weiß ich noch nicht“, antwortete ich ihr. Die Aussage schien ihr zu ungenau zu sein, denn kurz vor unserem Ziel steigerte sie ihr Tempo und lief mir davon.

   Buch-63 KarteAn der Strandpromenade von Finisterre angekommen und in der Gewissheit, eintausend Kilometer hinter mich gebracht zu haben, schritt ich in voller Pilgermontur bis ans Wasser und ließ den Atlantik meine Wanderschuhe umspülen.

   Ich drehte mich um und wollte nach einem Hostal Ausschau halten, doch mein Blick fiel auf eine Frau, die bekleidet neben einem Rucksack am Strand lag. Bäuchlings auf ihr lag ein kleines Mädchen. Beide schienen zu schlafen. Sofort kamen mir die Geschichten von der blonden Frau, die mit ihrer achtjährigen Tochter auf dem Jakobsweg war, in den Kopf.

   „Das mussten sie sein“, dachte ich.

   Über den ganzen Weg wurden immer wieder Geschichten erzählt von einzelnen Personen und Pilgern, die irgendwie ausgefallen unterwegs waren. Da gab es den Eremiten mit seinem Hund, oder auch den Deutschen mit seiner Hündin Bärbel, die später mit Pfotenproblemen zum Tierarzt gebracht werden musste.

   Der zweiundsiebzigjährige Belgier, der seine Reise für seinen kranken Sohn machte, und auch ich erlangte als der Pilger mit dem Stativ zweifelhaften Ruhm.

   Die Geschichte, die mich aber seit Mitte meiner Pilgerreise immer am meisten interessiert hatte, war die von der großen, schlanken, blonden Isländerin, die den kompletten Jakobsweg von Pamplona aus mit ihrer achtjährigen Tochter unterwegs war. Dabei war mir bei den Erzählungen aufgefallen, dass die besondere Schönheit der Isländerin immer erwähnt wurde – auch von den Frauen.

   Davon wollte ich mich unbedingt selbst überzeugen und versuchte, ihr Gesicht zu erkennen, doch das gelang mir nicht, obwohl ich keine drei Meter neben ihr stand. Ich begab mich auf die Mauer der Strandpromenade und beobachtete die beiden von einem Geländer aus. Eine halbe Stunde war vergangen, aber sie wollten nicht aufstehen. Meine Füße signalisierten mir, dass sie aus den schweren Wanderschuhen wollten, und so suchte ich mir erst einmal eine nette Unterkunft.

   Nach einer erfrischenden Dusche und einem kurzen Schläfchen machte ich mich für das Abendessen bereit. Ich fand ein gutes Restaurant im Hafen mit Meerblick und genoss ein ausgiebiges Fischmenü mit, wie sollte es auch anders sein, Brot und einem guten Wein. Bevor ich mein Hotelzimmer aufsuchte, schlenderte ich noch am Strand entlang in der Hoffnung, die schöne Isländerin mit ihrer Tochter zu treffen, aber dieser Wunsch erfüllte sich zunächst nicht.

 

Finisterre / Cabo Fisterra

 Das erste Mal auf meiner gesamten Reise konnte ich ohne Wecker ausschlafen und hatte keine Eile. Nach meinem Frühstück, wieder mit Meerblick, machte ich mich mit leichtem Gepäck auf zum Leuchtturm von Finisterre. Von der leicht ansteigenden Küstenstraße aus hatte ich stets einen herrlichen Blick auf ein tiefblaues Meer und einen nicht weniger schönen blauen Himmel. Ich fühlte mich nicht mehr wie ein Pilger, das hier war Urlaub vor einer wunderschönen landschaftlichen Kulisse.

   Der achtzehn Meter hohe Leuchtturm vom „Cabo Fisterra“ wurde im Jahr 1853 erbaut und kontrolliert fast siebzig Prozent der weltweiten Frachtschifffahrt. Für Pilger steht hier der berühmte und erlösende Wegweiser mit der Kilometerangabe „Null“. Und so steht auch auf dem Stempel der Herberge Finisterre „Fin da Ruta Xacobea“ - Ende des Jakobsweges. 

   finisterreEin Highlight der Reise gab es aber noch. In den Klippen hinter dem Leuchtturm versammeln sich allabendlich die Pilger, um bei dem atemberaubenden Sonnenuntergang ihre Kleidung, oder zumindest einen Teil davon zu verbrennen. Nach dem Bad im Meer, des Verbrennens der Kleidung und des Betrachtens des Sonnenunterganges soll man, so die Prophezeiung, am nächsten Tag als neuer Mensch erwachen.

   Den Rest des Tages verbrachte ich im Hafen und schaute den Fischern bei der Arbeit zu.

   Für meinen Termin zum Sonnenuntergang kaufte ich eine Flasche Rotwein und eine gute Zigarre ein. Damit, und mit meiner Kameratasche, Stativ und Pilgerstab schlenderte ich am frühen Abend wieder zum Leuchtturm hinauf und suchte mir in den steilen Klippen einen guten Platz aus.

Ich baute das Stativ auf und richtete die Kamera ein, mit der ich den kompletten Sonnenuntergang filmen wollte. Ich öffnete die Rotweinflasche und nahm einen ersten Schluck aus einem Plastikbecher.

   Mein treuer Pilgerstab lag neben mir auf dem Felsen. Er sollte nicht wieder mit zurückkommen. Ich hatte mir überlegt ihn nach dem Sonnenuntergang ins Meer zu werfen, um damit für mich das Ende meiner Reise zu symbolisieren.

   Die kleinen, flachen Stellen in den Klippen füllten sich langsam. Die meisten Menschen hier waren allein und beim Umherschauen grüßten sich alle wortlos untereinander. Die starke, emotionale Energie war richtig zu spüren. Hier saß niemand, der Spaß haben, oder eine Party feiern wollte. Jeder war hier ganz bewusst mit seinen Gedanken allein.

      finisterreAls die Sonne sich langsam dem Horizont näherte, schaltete ich meine Kamera ein und schaute mir gebannt das Naturschauspiel an. Hier hatten vor hunderten von Jahren die Menschen gestanden um während der untergehender Sonne ihre Rituale abzuhalten und dabei gedacht, dies sei das Ende der Welt.

   Während der folgenden dreißig Minuten lief meine Reise wie ein Film vor meinem inneren Auge noch mal ab. Ich erinnerte mich der herrlichen Landschaften, der Begebenheiten in den Herbergen, meinem Glück mit dem Wetter und natürlichen den zahlreichen Menschen mit ihren Geschichten, die ich kennenlernen durfte.

   Wehmut machte sich breit und ein paar Tränen flossen auch. Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit dafür, wie leicht und beschützt meine Pilgerreise gewesen war.

   Mittlerweile hatte ich die Flasche Rotwein halb geleert und die Zigarre geraucht. Von der Sonne war nur noch ein winziger Rand zu sehen. Als auch er verschwunden war, hörte ich über die gesamte Klippe einen verhaltenen Jubel und leisen Applaus. Dann verabschiedete ich mich von meinem Pilgerstab und schleuderte ihn im hohen Bogen ins Meer.

   „Nun war ich kein Pilger mehr“, dachte ich und packte meine Sachen zusammen. Aber ich wurde eines Besseren belehrt, denn als ich die Klippen wieder zurück zum Leuchtturm hinauf stieg, grüßten mich alle Pilger, denen ich begegnete mit Handschlag.  

   Dieser wortlose Gruß und der damit verbundene, tiefe Respekt füreinander war einer der rührensten Momente und machte mir bewusst, dass ich auch nach dieser Reise auf dem Jakobsweg immer ein Pilger bleiben würde.

 

 Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD