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Der Jakobsweg in Spanien - Samos

 

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Wegzeichen am Jakobsweg

 

Fonfria / Samos / Sarria

Der gestrige Abend hatte meine Laune wieder etwas gehoben. Die Atmosphäre in dem landestypisch gebauten Haus war auf ihre Art einzigartig gewesen, obwohl ich schon einige sehr schöne Abendessen erleben durfte. Die Menschen hatten es wieder einmal ausgemacht. Auf dem Jakobsweg scheint es mir, als würden die Schutzvorhänge, die jeder von uns trägt, leichter und schneller beiseite geschoben und die wahre Natur jedes Einzelnen kommt ohne große Zurückhaltung zum Vorschein.

   Während ich den überfüllten Frühstücksraum der Herberge mit Kaffee- und Brötchenduft betrat, entdeckte ich im Gewusel von Pilgern und Rucksäcken Hinz und Kunz, die mich zu meinem Glück nicht erkannten. Ich setzte mich an ihren Nachbartisch und durfte mit anhören, dass sie erst in der Nacht hier angekommen waren. Sie hatten sich in einer Herberge einquartiert, in der ihnen des Nachts irgendetwas von der Decke ins Bett rieselte. Die Duschen waren voller Schimmel gewesen und ihnen war zu Ohren gekommen, dass man einige Pilger beklaut hätte. Ich grinste innerlich und machte mich nach einem kurzen Frühstück hinaus in die aufgehende Sonne. Zum Glück war es schon etwas hell, denn sonst hätte ich den Kuhfladenslalom nicht gewinnen können.

   Der Weg führte durch zahlreiche kleine galizische Bauerndörfer und fast konnte man sich vorkommen, wie in einem riesigen Freiluftzoo. Kuhherden wurden den Weg entlang auf ihre Weiden geführt und als Pilger musste man da hindurch. Ängstliche Weggenossen standen da schon mal zwanzig Minuten am Wegrand, bis die gemächlichen Tiere an ihnen vorbei waren. Der Pilgerstab diente mir beim Durchschreiten der Herden als Respektutensil. Einmal ganz leicht angetippt und die massigen Milchproduzenten schoben sich zur Seite. Das hatte ich ihren Besitzern abgeschaut.

   Um die nächste Ecke lief man durch eine Hühnerschar hindurch, dann begegneten einem Pferde, Katzen und natürlich die überall anwesenden Hunde. Über sie hatte ich in den Büchern viel gelesen. So sollte es  immer wieder Schwierigkeiten mit aggressiven Hunden geben. Es wurde sogar von einem kleinen verlassenen Ort berichtet, wo ein ganzes Rudel von verwilderten Hunden die Pilger verängstigte. Auch dafür hatte ich meinen Pilgerstab auserkoren, mir in einer solchen Situation behilflich zu sein.

   Sabine hatte mir erzählt, dass sie sich vor Hunden fürchte und richtig Angst habe, ihnen zu begegnen. Ich hatte ihr den Rat gegeben, ihnen nie lange in die Augen zu sehen, da sie sich dadurch herausgefordert fühlten. Sie hatte mir berichtet, dass ihr fast jeder Hund, den sie sah, ein paar Meter folgen würde. Und manche hätten sie auch angebellt. Ein ganz kleiner, weißer pudelähnlicher Mischling, sagte sie, wäre ihr sogar einmal bis ins nächste Dorf gefolgt. Das merkten wahrscheinlich die kleinsten und ängstlichsten Hunde vom Weg.

   „Hey, da hat ja jemand noch mehr Angst als ich  – die verfolg` ich.“ Ich hatte mir das bildlich vorgestellt und mich köstlich darüber amüsiert.

   Vor mir entdeckte ich in einiger Entfernung einen Pilger auf einem abschüssigen Streckenteil im Wald. Es war die Norwegerin. Sofort wurde ich nervös. Ich holte sie schnell ein und grüßte.

   „Hallo. Ist bei dir alles ok?“ wollte ich wissen. Ihrem Gesichtsausdruck zu folgen wohl eher nicht, denn sie antwortete mit schmerzverzerrtem Gesicht, dass sich ihre Achillessehne entzündet hätte.

   „Du bist aber viel schneller als ich. Geh ruhig voran.“ Der Ton, in dem sie das sagte, klang etwas forsch und genervt. Sie wollte wohl alleine sein und da ich ihr nicht auf den Zeiger gehen wollte, setzte ich meinen Weg fort.

   Einen Kilometer weiter kam ich in ein kleines Dorf, wo mich eine Werbetafel zum Nusskaffee einlud. Das konnte ich nicht ausschlagen und da ich auch eine Toilette aufsuchen musste, und nicht wieder einen wehrlosen Baum dazu nutzen wollte, saß ich wenige Minuten später mit einer köstlich duftenden Tasse und zwei Riegel Mars vor dem kleinen Cafe.

   Nachdem ich eine Weile in meinem Reiseführer nachgeschlagen hatte, kam die humpelnde Norwegerin heran und ging ins Cafe. Wieder wurde ich bei ihrem Anblick nervös.

   Ich hatte schon einige Frauen auf dem Weg kennen gelernt - wesentlich mehr als Männer. Und es waren auch sehr schöne Frauen darunter wie Monica, der ich ja auch richtig nah gekommen war, aber bei ihr hier war das irgendwie anders. Ihre äußere Erscheinung war sehr weiblich. Sie hatte eine sportliche Figur, die durch ihre enge Kleidung deutlich zu erahnen war. Aber auch ihr Auftreten, ihr Blick, ihr Gang, wenn sie nicht gerade humpelte, das alles passte auf eine besondere Art zusammen und ergab für mich ein Bild, dass nahe an der Zehn lag. Und als ich so darüber nachdachte, setzte sie sich zu mir an den Tisch.

   „Entschuldige bitte. Ich war eben sehr unfreundlich zu dir. Ich heiße Sonja, “ sagte sie.

   „Oh, prima, “ dachte ich hektisch, „so kann das weitergehen.“

   „Aber meine entzündete Sehne tut gerade bergab sehr weh.“

   Sie machte einen traurigen Eindruck. Sonja erzählte mir, dass sie seit zwei Wochen unterwegs, und täglich über dreißig Kilometer gewandert war.

    „Zu Hause laufe ich Marathon. Aber auf der unebenen Strecke auf dem Jakobsweg hat sich meine Sehne entzündet.“ Sonja war sich nicht sicher, ob sie ihre Reise bis Santiago überhaupt fortsetzen konnte.

   Eine kleine Gruppe von Pilgern näherte sich, aus der ein junger Mann ausscherte und auf Sonja zuging. Er sagte etwas zu ihr, was nicht sehr freundlich klang. Er schien ein Problem mit ihr zu haben.

„Ist alles ok?“ fragte ich, denn ich wollte nun weiter, da es mir zu voll wurde. Sonja nickte lächelnd und wandte sich dem jungen Mann zu, der sich nun mit seinen Begleiterinnen an den Tisch setzte.

   Ihr Lächeln wollte nicht vor meinen Augen verschwinden, während ich weiter auf schmalen Pfaden durch kleine Wälder wanderte und merkte, wie sich meine Stimmung besserte. 

  

   Kurz nach Mittag erreichte ich den Ort Samos. Hier steht ein sehr berühmtes und eines der ältesten Klöster der westlichen Welt. Das von Benediktinern geführte Kloster, das auch gleichzeitig Pilgerherberge war, besitzt eine mit fast viertausend Pfeifen bestückte Kirchenorgel und eine Bibliothek mit dreißigtausend Bänden.

   Außerdem wird in der hauseigenen Schnapsbrennerei traditionell ein besonderer Weinbrand hergestellt, mit einer zeitlichen Pause ab dem Jahr 1951, als den Mönchen der Tank mit reinem Alkohol um die Ohren geflogen war. Ganz besonders eindrucksvoll für die Pilger, die im Kloster übernachteten, war der frühmorgendliche Mönchsgesang.

   Das hätte ich auch sehr gerne miterlebt, aber es war zu früh am Tag und mein Ziel noch fern. Ich schritt gerade über eine Brücke vorbei am Kloster in den Ort hinein, als mir von der anderen Straßenseite Sonja herüberwinkte und damit bewirkte, dass mir mein Herz wieder in die Hose flutschte. Sie war in einer Gaststätte verschwunden und ich hinterher.

   „Wie kommst du denn jetzt hierher“, fragte ich sie etwas überrascht.

   „Die Schmerzen wurden zu stark. So habe ich mich an einen Straßenrand gestellt und bin per Anhalter bis hierher gebracht worden, “ sagte sie, „ich werde im Kloster übernachten und mich morgen auskurieren.“

   Wir bestellten etwas zu essen und setzten uns an die Straße. Ich schaute sie an und überlegte stark auch hier zu bleiben, aber da war wieder dieses Gefühl. War es eine Art Liebe zum Weg? Eine besondere Beziehung, wenn man sich auf das Abenteuer Jakobsweg in einer bestimmten Weise eingelassen hatte? Diesmal war es schwer. Ich verabschiedete mich von ihr und wünschte ihr von Herzen alles Gute für ihren Weg.

   Als ich die ersten Meter die Straße hinunter gegangen war, hörte ich die Stimme aus dem Kloster von Sahagun. Ich drehte mich um und ging wieder zu Sonja zurück.

   „Zeig den Mönchen im Kloster deine verletzte Sehne“, sagte ich zu ihr.

   „Oh, ja, “ antwortete sie, „die machen dann Hokuspokus und ich bin geheilt.“ Sie hielt meine Worte für einen Scherz.

   „Zeig ihnen deine Sehne. Sie werden dir helfen, “ sagte ich eindringlich. Ihr Gesicht wurde ernst.

   „Ja. Das tue ich. Danke!“ antwortete sie.

   Von Samos aus führte der Weg an einer kleinen Straße entlang. Ich dachte darüber nach, warum ich Sonja gesagt hatte, sie solle den Mönchen von ihren Schwierigkeiten erzählen. War es eine Idee, die ich selbst gehabt hatte? Ich spürte, wie ich nicht so recht glauben wollte, dass ich Stimmen hörte und so schob ich es einfach auf eine, durch den Weg verstärkte Intuition.

   Vor dem Marktplatz eines kleinen Dorfes lag ein großer Hund wie tot mitten auf der Straße. Da ich mir vorgenommen hatte, Hunde zu ignorieren, tat ich es auch und kümmerte mich über sein eventuelles Ableben nicht weiter. Dann entdeckte ich ein Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen. Die Tür stand offen und die Besitzer hatten es sich in der Mittagshitze in ihrem rollenden Bett gemütlich gemacht.

   Plötzlich hörte ich einen Hund bellen und näher kommen, drehte mich aber nicht nach ihm um. Es war der Hund von der Straße, der alles andere als tot gewesen war. Er raste mit einem irren Tempo knapp an mir vorbei und blieb bellend vor dem Wohnmobil stehen. Ich schlenderte ruhig weiter und freute mich, dass meine Taktik des Ignorierens so gut funktionierte.

 

 Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD