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Der Jakobsweg in Spanien - Jaca

 

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Verlaufen auf dem Jakobsweg

 

Kloster San Juan de la Pena

 

 

Jaca / Kloster San Juan de la Pena / Santa Cilia

   Mein Schlaf war tief und fest gewesen. Gegen sieben Uhr wachte ich auf. Einige Pilger waren schon weg. Die beiden Kanadier waren dabei, ihre Sachen zu packen. Und das wollte ich auch. Wollte. Als ich mich aufrichtete, fühlten sich meine Waden an wie Beton. Der Abstieg von gestern hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

   Mein erster Blick in meinen Reiseführer beim Frühstück lenkte mich dann aber von den Schmerzen etwas ab. Heute sollte ich das Kloster San Juan de la Pena besuchen. Das Kloster lag nicht auf der Strecke des Jakobsweges. Insgesamt hätte der Umweg fünfundzwanzig Kilometer ausgemacht. Zudem warnte mich mein Reiseführer, dass der anspruchsvolle Aufstieg eher nur etwas für ambitionierte Wanderer sei.

   „Schon verrückt.“ dachte ich, „da nimmt man sich eine Strecke von fast eintausend Kilometer vor und schon am zweiten Tag macht man einen solchen Umweg“. Aber ich wollte mir dieses Kloster unbedingt ansehen. Ich entschied mich, den Hinweisen meines Reiseführers anzuschließen und ließ mich zum fast eintausenddreihundert Metern hoch gelegenen Kloster fahren. Und wurde dafür mit strahlendem morgendlichen Sonnenschein belohnt und es war zu dieser Zeit noch niemand hier. Das Kloster ist ein Touristenmagnet und normalerweise überlaufen. Und ich war nun alleine hier.

 

   JacaDas Kloster San Juan de la Pena wurde im neunten Jahrhundert gegründet. Es ist auf einer Bergspitze in und unter einen Felsvorsprung gebaut worden und sehr gut erhalten. Das besondere an diesem Gebäude ist, dass hier einige Jahrhunderte der Heilige Gral aufbewahrt worden sein soll. Eine Kopie davon ist im Kloster unter Plexiglas ausgestellt.

   Alleine durch diese alten Mauern zu gehen und sich darüber klar zu werden, was dieses Gebäude schon alles erlebt haben musste, war ein faszinierendes Erlebnis für mich. Als ich dann vor der Schale stand, mit der man, wie die Legenden berichten, einst das Blut Jesu Christi aufgefangen haben soll, vergaß ich einige Minuten um mich herum Raum und Zeit - ich stand nur da. Nach einiger Zeit, als ich draußen die ersten Touristenbusse ankommen hörte, kam ich wieder zu mir. Diese Minuten der absoluten Ruhe und Einsamkeit hier vor diesem Gefäß waren ein wertvolles Geschenk, für das ich bis zum heutigen Tag dankbar bin.

   Vor dem Kloster traf ich auf drei Pilger aus Deutschland, die tatsächlich seit dem Morgen um fünf Uhr unterwegs gewesen, und hier zu Fuß angekommen waren. Die drei waren mit Zelten unterwegs und hatten als passionierte Bergwanderer die Pyrenäen überquert. Wir teilten uns bei einem gemeinsamen Pilgerfrühstück auf einer Holzbank Schoko- und Müsliriegel und ich lernte drei interessante,  völlig unterschiedliche Männer kennen.

   Ich wuchtete meinen Rucksack wieder auf, um mich auf den Abstieg zu machen, da stieg aus einem Bus eine junge Frau aus, die mir spontan zuwinkte. Ich hatte keine Ahnung, wer das sein sollte, und dachte an eine besonders zuvorkommende Pilgerin, winkte zurück und ging in Richtung eines schmalen Weges in den Wald hinein.

   Mit der zunehmenden Stille kehrte das Gefühl aus dem Kloster wieder zurück. Was hatte ich für ein Glück. Die Entscheidung zu treffen, diese Route hierher zu wählen und dann fast zwanzig Minuten alleine in dem Kloster verbringen zu dürfen. Ich konnte nicht anders und bedankte mich mehrmals laut in den Wald hinein.

   Der Abstieg führte mich zuerst durch ein dichtes Waldgebiet, das sich zwei-, dreimal an Berghängen öffnete und einen grandiosen Blick in die Täler erlaubte und schließlich immer steiler wurde. Und wenn ich dachte, es geht nicht steiler oder enger, wurde es doch noch unangenehmer. Dazu kamen dann auch noch Geröllsteine, auf denen ich befürchtete, einen Abflug zu machen. Das war schon ziemlich heftig und für mich als unerfahrenen Wanderer definitiv eine zu schwierige Strecke. Aber ich war ja nun mal hier. Seit dem Kloster hatte ich niemanden gesehen – wahrscheinlich waren die anderen Pilger schlauer gewesen und hatten auch den Abstieg per Bus gebucht. Ein-, zweimal rutschte ich aus und hätte meine Reise beinahe hier schon beenden können. Doch zum Glück fing ich mich wieder und legte den Rest des steinigen Abstieges im Schneckentempo zurück.

   In einem kleinen Ort namens Santa Cruz de la Servos rastete ich an einem schattigen Dorfplatz, der an der Kirche des Ortes und dessen Brunnen gelegen war. Eine französische Pilgerfamilie mit Vater, Mutter und zwei erwachsenen Söhnen saßen nicht weit entfernt und hielten ihr Mittagessen mit Wurst, Käse und Brot ab. So feudal ging es bei mir nicht zu. Aber es tat gut, nach den Strapazen das kalte Wasser aus dem Brunnen zu trinken und zwei Müsliriegel zu verspeisen. Eine kurze Kontaktaufnahme einer der Franzosen scheiterte kläglich an dem Mangel an Sprachkenntnissen und so machte ich mich nach einer knappen Stunde wieder auf den Weg.

   Als ich eine Weile gegangen war, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, falsch zu sein. Seit einiger Zeit hatte mich kein gelber Pfeil des Weges gewiesen. Es war kurz nach Mittag und die Temperatur war etwa dreißig Grad. Jeder kleinere Aufstieg hier auf meinem Abstieg brachte mich ziemlich außer Atem. Die Wege abseits der eigentlichen Route waren lange nicht so gut ausgeschildert und schon gar nicht präpariert. Es folgten Abschnitte, die sehr steil und auch noch sehr schmal waren. Die Gegend sah immer gleich aus und so wanderte ich von Hügel zu Hügel ohne einen Bezugspunkt, in der Hoffnung, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. An einem etwas übersichtlicheren Höhenkamm hielt ich für eine kurze Rast an. Ich drehte mich einmal um meine eigene Achse und wo auch immer ich hinsah, es sah alles gleich aus. Nur Natur, kein wirklich richtiger Weg zu erkennen, keine Ansiedlung, kein Pilger, einfach nichts. Meine Arme waren zerkratzt, weil freundliche Brombeerbüsche ausgerechnet an den engsten Passagen in den Weg rankten.

   Und der Weg wurde nicht besser, die Landschaft immer karger und trockener. Es sah manchmal so aus, als würde ich in eine Kiesgrube hinabgehen. Selbst die Schmetterlinge waren nicht echt. Was da andauernd auf dem Weg vor mir mit hellblauen Flügeln davonflog, waren bei näherem Hinsehen nur Heuschrecken. Ich glaubte mich auf dem falschen Weg. Als ich dann wenig später mitten auf einer Wiese im Nichts endete, wusste ich, ich hatte richtig gedacht. Ich schnallte meinen Rucksack ab und setzte mich in den Schatten eines Baumes. Meine Wasserflasche war leer und nur noch ein Müsliriegel übrig- ich fühlte mich elend und allein.

   „Was soll ich denn jetzt tun?“ dachte ich und hörte eine Stimme. Sie war sehr entfernt zu hören, nicht mal zu verstehen. Ich ging um den Baum herum und schaute den Hügel hinauf. Ein junger Mann in etwa hundert Metern Entfernung schritt auf einer Mauer hin und her - er telefonierte. Höflich wie ich bin, wollte ich ihn dabei nicht stören. Aber das Telefonat wollte gar nicht mehr aufhören. Nach über zwanzig Minuten reichte es mir dann.

   Mit einem „Hola“ versuchte ich seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er schaute in meine Richtung, entdeckte mich aber erst, als ich meinen Gruß ein weiteres Mal zu ihm herüber gebrüllt hatte.

   „Camino de Santiago?“ schrie ich zu ihm rüber und er fing an laut zu lachen. Er brüllte etwas auf Spanisch zurück und wies mit einer großen Geste in eine Richtung. Diese Richtung führte mich wenig später an seinem Haus vorbei, wo er immer noch auf der Mauer stand und telefonierte. Ich ging an ihm vorbei und er grinste. „Camino de Santiago“, wies er mir die Richtung und prustete vor Lachen in sein Telefon.

   Meine Arme waren zerkratzt, ich hatte Durst und Hunger, es war ziemlich warm, der Weg sehr schwer, die Gegend abweisend und ich hatte mich schon am zweiten Tag verlaufen.

   „Wenn es einen unfreundlichen Jakobsweg gibt, “ sagte ich zu mir, „ dann habe ich ihn heute kennen gelernt.“ Und als ich das dachte, bemerkte ich, wie Schatten über mich hinweg huschten. Als ich meine Kappe absetzte und mich umschaute, bemerkte ich, dass acht Geier über mir kreisten. Ich wollte nur noch nach Hause.

   Ziemlich entkräftet kam ich in Santa Cilia an. Eigentlich hatte ich meine heutige Etappe weiter geplant, aber ich war echt froh, bis hierher gekommen zu sein und wirklich wieder den richtigen Weg gefunden zu haben. Die Herberge in dem kleinen Ort hatte ich schnell gefunden. Die Tür stand offen, nur war niemand da. Auf einem Zettel stand die Info, man solle sich ein Bett aussuchen und sich einrichten, gegen fünf Uhr würde jemand zum Kassieren vorbeikommen. Ich stieg die Treppen hinauf und sah verwundert Duschen, WCs und Schlafräume für Männlein und Weiblein getrennt. Ich beschlagnahmte das Bett am Fenster, die anderen waren noch alle leer. Als ich wieder nach unten ging, saß ein junger Mann auf einem der Stühle.

   „Hallo, “ sagte er auf Englisch, „ weißt du wie teuer die Übernachtung hier ist?“ – „ Nein“, antwortete ich ihm, „ich bin auch gerade erst angekommen. Aber hier in den Anmeldeformularen steht was von zehn Euro.“

   „Das ist mir zu teuer. Dann suche ich mir draußen einen Schlafplatz.“ Ronald aus Frankreich erzählte mir, er sei seit zwei Wochen unterwegs und habe etwa zwei Monate Zeit. Er war  fünfundzwanzig Jahre alt, hatte lange, blonde Haare, war schlank und er musterte mich beim Erzählen mit seinen Augen. Wenn er in den Pilgerherbergen nicht für eine kleine Spende bis maximal vier Euro übernachten konnte, schlief er immer in der freien Natur.

   In unsere Unterhaltung begrüßte uns die Herbergsmutter. Ich ließ mich sofort in ihre Liste eintragen, bekam meinen Stempel und bezahlte die zehn Euro. Ronald wollte nicht, griff sich seinen Rucksack und ging hinaus. Die Dame, die die Herberge leitete, gab mir einen Gutschein und erklärte mir etwas von „Schwimmbad im Preis enthalten“. Nun – das musste ich wohl falsch verstanden haben, schließlich war das hier doch eine Pilgerherberge. Aber sie erklärte mir nochmals, dass es im Ort ein Schwimmbad gäbe und dieses könnten Pilger, die bei ihr übernachten würden, kostenlos mitbenutzen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich zog mich um und fand auch gleich das naheliegende Freibad - und Ronald. Der hatte sich hier auch schon eingefunden und unterhielt sich angeregt mit einer hübschen, jungen Spanierin, bei der er schon einen Teil ihres Handtuchs erobert hatte.

   Ich kannte diesen Typ Mann aus der Schulzeit. Da hattest Du keine Chance gegenüber den Frauen. Gut aussehend, einen etwas wehleidigen Blick mit einer unverfrorenen, unauffälligen Aufdringlichkeit. Na, mir sollte es recht sein. Mich lachte nach diesem anstrengenden Tag das leicht aufgewühlte, glitzernde, kühle Wasser an. Und das tat so gut!

   Danach bestellte ich mir am Kiosk des Schwimmbades eine Lasagne. Chris, der Besitzer des Kiosks und zugleich Schwimmmeister war Engländer und eine echte Stimmungskanone. 

     Jedenfalls klingt Schlagermusik auf Spanisch genau so kacke wie auf Deutsch – aber ich hatte Hunger. Und wie man sich über eine Fertiglasagne freuen kann!  Zu Hause hätte ich sie wieder zurückgegeben. Als ich mir gerade mein zweites Serveza con Limon schmecken ließ, kamen drei bekannte Gesichter um die Ecke. Es waren die drei, die ich heute Morgen am Kloster getroffen hatte. Die waren echt hart drauf. Seit fünf Uhr unterwegs, den Aufstieg zum Kloster und den Abstieg zu Fuß. Ins Wasser wollten sie und Hunger hatten sie jetzt auch.

   „Die Lasagne ist super!“ empfahl ich die einzig warme Speise hier. Und so saßen wir wieder beieinander und teilten uns das Essen.

   Irgendwie schien die Pilgerherberge nicht voll zu werden, denn auch die Drei wollten sich einen alternativen Schlafplatz suchen. Richard und Uwe waren eigentlich zu zweit gestartet. Den Holländer Juut, der sich nur mager auf Englisch verständigen konnte, hatten sie in den Pyrenäen aufgegabelt. Seitdem waren sie zu dritt unterwegs. Zwischendurch setzte sich auch Ronald zu uns. Er schaute auf die Aluschalen, in denen noch Soße und Reste von Lasagne übrig geblieben waren. Uwe sah seinen Blick und bot ihm sein Besteck und Brot an. Ich holte mir eine Cola und stellte ihm auch eine hin. Sein Blick beschämte mich ein bisschen.

   Wir unterhielten uns zwei Stunden lang über den Weg, unsere Motive, den Weg zu gehen und es war völlig egal, wer man war oder was man tat. Es ging nur um das Hier und Jetzt und um den Jakobsweg. Dann verabschiedeten sich alle. Sie wollten noch weiter ziehen und einen geeigneten Platz für die Nacht finden.

   Kaum waren sie weg und ich überlegte schon, zu gehen, da kamen die zwei Söhne der französischen Familie auf mich zu und grüßten. In sehr bröckligem Englisch verstand ich, dass sie auch in der Herberge untergekommen waren und nun den Luxus des Schwimmbades genießen wollten. Danach erzählten sie mir, dass sie ihren Urlaub immer mit der Familie zum Wandern nutzen. Und den Jakobsweg hatten sie sich nun für zwei Wochen vorgenommen. Ich freute mich darüber, diese netten Menschen kennen zu lernen und schlenderte bei Sonnenuntergang zufrieden in Richtung Refugio.

   Ich breitete meine Sachen auf dem Bett aus und rollte meinen Schlafsack aus. Die Betten in den Pilgerherbergen verfügen nur über eine Matratze und manchmal über dicke Decken, aber wenn ich schon jede Nacht in einem anderen Bett lag, wollte ich mich zumindest in etwas hygienisch einwandfreies Eigenes kuscheln. Zum Schlafen war es noch zu früh und so setzte ich das erste Mal meinen MP3 - Player ein. Ich hatte mir speziell für die Reise ganz bestimmte Musikstücke aufgenommen und so war dies auch das einzige, was mich wirklich mit zuhause verband.

   Ich musste leicht weggedöst sein. Unruhe im abgedunkelten Zimmer weckte mich auf. Und wer war das wohl? Jörg und seine schweigsame Begleitung. Wieder sehr spät und wieder kichernd. Als er an mein Bett kam, tat ich so, als schlief ich tief und fest. Ich hatte einfach keine Lust mehr zu reden.

   Die beiden sollten aber an diesem Abend nicht die allerletzten sein. Zwei spanische Pilger hatten sich auch zum Kloster begeben und den Weg herunter völlig unterschätzt. Gegen dreiundzwanzig Uhr war dann endlich Ruhe und ich fiel in einen tiefen Schlaf.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD