jakobsweg-muschel

Der Jakobsweg in Spanien - Berdun

 

.....Hier gehts zur Karte

 

Mondlanschaften am Jakobsweg

 

Santa Cilia / Arres / Artieda

Nach einem kurzen Frühstück verließ ich in der Morgendämmerung Santa Cilia. Zwei Kilometer später traf ich Richard, Uwe und Ruut, die  noch sehr verschlafen aussahen. Das Übernachten im Zelt in der freien Natur ohne morgendliche Dusche hinterlässt eben Spuren. Dagegen ist das Übernachten in den Herbergen ein echter Pilgerluxus.

   Es war ein herrlicher, sonniger Morgen und der Weg vor mir war eben und weitsichtig. Ich fand schnell mein Tempo und freute mich auf die heutige Etappe, die vor mir lag. Nach knapp sieben Kilometern folgte der kleine Ort Puente la Reina, den ich über die namensgebende Brücke erreichte und wo ich mich in einer Bäckerei mit Proviant versorgte. Frisches Brot in einer Tüte baumelte an meinem Rucksack als ich mich wieder auf den Weg machte. Ich musste an einem Bus vorbei, der an einer Haltestelle stand. Seine Warnblinkanlage leuchtete, auf dem Schild stand der Name meines heutigen Zielortes und als ich direkt an ihm vorbei ging, öffneten sich die Türen. Einen winzigen Augenblick dachte darüber nach, einzusteigen.

   „Da versucht mich wohl jemand zu verführen“ dachte ich und ging entschlossen weiter – direkt auf Jörg zu, der mir auf der anderen Straßenseite entgegen kam - alleine. Wir tauschten nur ein paar Worte aus und ich wies ihm den Weg zur Bäckerei.

   „Ich schau mir mal den Ort hier etwas näher an.“ sagte er „vielleicht bleibe ich auch heute hier.“ Er machte einen geknickten Eindruck. Wir verabschiedeten uns mit einem „Buen Camino“.

   Die Wegweiser waren kleine viereckige Holzpfosten, die mit einem Richtungspfeil versehen waren. Auf deren Spitze war die blaue Jakobsmuschel eingearbeitet und ich beschloss spontan diese Wegweiser im Vorbeigehen zu berühren. Auf ebener Strecke war ich ziemlich schnell unterwegs, das hatte ich ja zu Hause auf meinem Laufband trainiert. Deshalb wunderte ich mich, als ich auf einer langen Gerade hinter mir auf dem Schotterweg Schritte näher kommen hörte. Mit dem Rucksack ist umdrehen nur möglich, wenn man stehen bleibt. Das wollte ich aber nicht und so ging ich mein Tempo weiter und wartete, wer mich da wohl überholen würde. Ich staunte nicht schlecht, als mich plötzlich die dunkelbraunen Augen der Schweigsamen anblickten.

   „Hola. Buenas Dias, “ grüßte sie mich und ich staunte gleich doppelt, denn sie konnte ja reden. Ich grüßte zurück und wir sprachen kurz über den schönen Weg und das herrliche Wetter, bis sie mir kurz angebunden mitteilte, sie würde ihr eigenes Tempo haben und wolle nun alleine weiter ziehen. Ihr eigenes Tempo hieß dann wohl eher „Du bist mir zu langsam“, denn sie zog einfach davon und ich verlor sie bald aus den Augen.

 berdunKurz vor Mittag machte ich Rast in Arres, wo ich mich noch mal mit Wasserproviant versorgte, denn der nächste Ort mit Wasserversorgung und zugleich mein heutiges Tagesziel, war fast zwanzig Kilometer entfernt. Es begegneten mir auf dieser Strecke nur zwei Bauern mit ihren Hunden und eine junge Frau mit Rucksack, die in entgegengesetzter Richtung unterwegs war. Die abgeernteten Getreidefelder des Aragontales, das ich durchschritt, reflektierten immer stärker die Sonnenstrahlen und so kam es, dass mein Wasservorrat langsam zur Neige ging. Ich hatte zwei Flaschen Wasser und eine Dose Isodrink dabei. Davon war nur noch ein kleiner lauwarmer Rest übrig. Ja, mein Reiseführer hatte empfohlen, reichlich Wasser mitzunehmen, aber wer glaubt schon ernsthaft, dass man zwanzig Kilometer lang nichts Flüssiges auftreiben kann?

   berdun
  Dazu passend änderte sich nun die Umgebung. Anstatt durch die Getreidefelder führte der Weg nun durch eine mondähnliche, graue Hügellandschaft. Auf einem weit entfernten Hügel leuchteten die weißen Häuser eines kleinen Dorfes und ich dachte schon, mein Wasserproblem sei gelöst. Doch der Weg führte mich weg von diesem Ort. Das war noch nicht das Ziel.

   Die grauen Hügel sahen nicht sehr einladend aus und nachdem ich den letzten Schluck warmen Wassers getrunken hatte, spürte ich ein ungewohntes Gefühl – ich hatte Durst. Spontan kam mir das Bild meines Kühlschranks zu Hause vor Augen, den ich öffnete und mir etwas Kühles herausnahm. Der Weg schien nicht enden zu wollen und die Sonne brannte. Ich war sauer. Heute war Sonntag. Zu Hause lagen alle gemütlich im Garten und ich Blödmann latsche hier ohne Wasser durch die Pampa.

   „Un Aqua, porfavour!“ schrie ich in die Landschaft. Keine zwanzig Meter weiter hörte ich Wasser plätschern. Ich blieb stehen, konnte aber nichts entdecken. „So fühlt es sich also an, wenn man Halluzinationen hat“, sagte ich laut. Aber das Plätschern war immer noch da. Langsam ging ich in dessen Richtung und entdeckte hinter einem Busch ein dünnes, schwarzes Plastikrohr, das aus dem Hügel kam und frisches kühles Wasser führte. Wie sensationell einfaches, kaltes Wasser schmecken kann. Ich fing laut zu lachen an.

   „Na, die Bestellung wurde schnell erfüllt.“

   Nach diesem erfrischenden Wunder zog ich weiter und freute mich schon auf die Herberge. Die wollte aber nicht so richtig in Sicht kommen. Immer wieder entdeckte ich an einem Berghügel gelegene kleine Orte, aber der Weg wollte einfach nicht in deren Richtung führen. Am späten Nachmittag dann kam Artieda endlich in Sicht. Der Ort lag auf einem Hügel und der Anblick des kurzen, aber steilen Aufstiegs entmutigte mich.

   „Warum bauen die bloß die Pilgerherbergen auf einen Berg?“ moserte ich in mich rein. Nach dreißig Kilometern ist so was wirklich kein Vergnügen. Ich musste immer wieder kurz stehen bleiben und verschnaufen. Dabei blickte ich auf die Mauern der alten Häuser und überlegte, welches davon wohl die Herberge sein würde.

   „Na, das höchst Gelegene natürlich“ hörte ich mich sagen und das wurde dann sofort bestätigt durch eine Art Rapunzelimitation. Aus einem Fenster des obersten Gebäudes winkte mir eine Frau zu und schrie:

   „Huhuh, hier her. Du hast es gleich geschafft.“

Ich konnte sie nicht erkennen, aber die Stimme kam mir bekannt vor.

   Als ich nassgeschwitzt die Herberge erreichte, empfand ich es als sehr angenehm, dass ich mich zum Anmelden für meinen Schlafplatz in einer Art Kneipe befand. Ein großes Glas Serveza con Limon, ein Schuss Bier mit Limonade, musste auf dem schnellsten Weg meinen Durst löschen.

   Die Dame, die für die Vergabe der Betten zuständig war, ließ sich bei ihrem angeregten Gespräch mit einem jungen Mann nur sehr widerwillig stören. Aber nach zwei Aufforderungen meinerseits zeigte sie mir dann meinen Schlafraum, in dem ich von einer Frau, die in einem der Betten lag, freundlich begrüßt wurde.

   „Na? Hast du es geschafft?“ sagte sie freudestrahlend und ich erkannte die Stimme von Rapunzel, die aus Wien hierher gekommen war.

   „Ach, du hast mich hierher gelotst und mich ermutigt. Vielen Dank.“ Ich dachte nach, woher ich sie kannte, aber ich war erschöpft und wollte erst mal mein Bett erobern und mich sortieren. Das Zimmer hatte zwei Stockbetten, war also für vier Personen. Ich hatte das letzte, obere Bett in der Ecke bekommen. Ich war froh, dass die anderen Mitbewohner gerade nicht hier waren, denn es war so eng hier, dass sich zwei schon gegenseitig gestört hätten. Aber es gab eine Balkontüre nach draußen, wo ich auf einer kleinen Terrasse an einem alten Wäschereck meine nassen Klamotten zum Trocknen aufhing.

   Als ich wieder ins Zimmer kam, war einer der Mitbewohner, der mich nett begrüßte, im Gespräch mit Rapunzel. Er war groß und sprach mit einem für meine Ohren russischen Akzent mit der Österreicherin. Nachdem ich mich geduscht und umgezogen hatte, ging ich hinaus in den kleinen Garten des Refugios und genoss die schöne Aussicht. Aber nur kurz, bis mich ein leichter Windstoß traf und mir einen furchtbaren Schüttelfrost durch den ganzen Körper jagte.

   „Was war das denn jetzt?“ schoss es mir mit ein wenig Panik durch den Kopf. So etwas kannte ich nur von mir, wenn ich krank war, mir den Magen verdorben hatte. War etwa das wundersame Wasser aus dem Plastikschlauch kein Trinkwasser gewesen? Hatte ich mir jetzt etwa schon die erste Zwangspause eingehandelt?

   „Oh, bitte nicht“, flehte ich, während ich mich unter weiteren Schüttelfrostattacken schleunigst in Richtung meines Bettes aufmachte. Mir schoss die Erinnerung an meinen ersten Aufenthalt in Mexiko City in den Kopf. Ich hatte damals eine Rundreise organisiert und wollte einige Hotels und Sehenswürdigkeiten erkunden. Dabei hatte ich nicht darauf geachtet, dass man in dieser Region kein Leitungswasser zum Zähneputzen benutzt. So hatte ich mir die heftigste Magen- und Darmverstimmung eingeheimst, die ich je gehabt hatte.

   Ich pendelte zwei Tage zwischen Bett und Toilette und den Zimmerservice brauchte ich nur noch anzuklingeln, er brachte dann von sich aus kannenweise den Tee auf mein Zimmer. Das Furchtbarste war aber für mich dieser Schüttelfrost. Ich lag nur mit einem ganz leichten Laken zugedeckt im Bett und bei jeder kleinsten Bewegung lief mir wieder und wieder ein Schauer durch den ganzen Körper. Nie in meinem Leben habe ich mich einsamer und verlassener gefühlt.

   Und das sollte mir jetzt hier bevorstehen? Ich betrat fröstelnd wieder das Zimmer und legte mich sofort schweigend in meinen Schlafsack.

   „Was ist denn mit dir los? Geht’s dir nicht gut?“ sagte die Wienerin. Ich schilderte ihr meine Symptome und Befürchtungen, und löste damit wohl ihr Helfersyndrom aus. Sie kümmerte sich so rührend um mich, dass es mir fast unangenehm war. Sie holte mir Tee, was sicherlich nicht so einfach war, denn die Küche der Herberge sollte erst um acht Uhr abends öffnen. Sie wickelte mich in meinen Schlafsack, gab mir zahlreiche Gesundheitstipps und versuchte mich von meinen Befürchtungen abzulenken.

   „Von diesem ominösen Wasserschlauch haben mir hier einige erzählt. Manche haben nicht davon getrunken, weil sie dachten, das Wasser sei schmutzig.“

   „Danke schön für diese Ermutigung“, dachte ich, aber sie fuhr fort.

   „Und einige haben davon getrunken wie du und sie haben keine Beschwerden. Vielleicht bist du nur etwas überanstrengt und dein Kreislauf spielt verrückt.“ Mit dieser Diagnose ließ sie mich mit dem Rat, einfach etwas zu schlafen, allein. Nach etwa zwei Stunden wachte ich auf, weil mein Bett wackelte. Noch bevor ich mich nach unten beugen konnte, um zu schauen, wer da unter mir sein Nachtlager hatte, blickte ich in die tiefbraunen Augen der Schweigsamen.

   „Geht es dir besser?“ war ihre Frage an mich auf Englisch. Christiane, die Wienerin hatte mein Befinden wohl dem gesamten Refugio kundgetan.

   „Gleich gibt es unten Essen. Alle sind da. Komm auch runter. Das wird dir gut tun.“ Ihre Worte klangen so beruhigend und ich nickte ihr zu.

   „Essen.“ Dieses Wort hallte in meinem Kopf. Wann hatte ich denn heute gegessen? Ich war dreißig Kilometer gewandert. Bei Hitze. Mit Durst. Und gegessen hatte ich das letzte Mal am Vormittag, nachdem ich mir in der Bäckerei Brot und Käse geholt hatte. Aber eben nicht genug. Bei der Anstrengung war es dann auch kein Wunder, dass mein Körper nach ein wenig Ruhe verlangte.

   Nachdem ich in den Raum kam, wo sich alle zur Pilgermahlzeit niedergelassen hatten, schien dieser wie verwandelt. Einfach aber sehr schön geschmückt, acht Pilger saßen an einem langen Tisch. Christiane zog einen freien Stuhl zurück und wies mir nur mit einem Lächeln meinen Platz. Irgendetwas musste hier in der Herberge passiert sein, während ich geschlafen hatte, denn die Stimmung war so anders, so herrlich. In jedem Gesicht war ein tiefes, zufriedenes Lächeln zu sehen. Mein Blick ging durch die Runde. Neben der Schweigsamen saß Jörg. Der Große mit dem russischen Akzent saß neben drei anderen Männern. Einer von ihnen saß mir direkt gegenüber. Er hatte weißes Haar, braune Haut und muss mindestens sechzig Jahre alt gewesen sein.

   „Geht es ihnen besser?“ fragte mein Tischnachbar zur Rechten in gebrochenem Deutsch.

   „Ich habe alle gefragt, ob sie von dem Wasser aus dem Schlauch getrunken haben“, zupfte mich Christiane am Ärmel, „denen, die davon getrunken haben, geht es gut. Also wird es nicht schmutzig gewesen sein, “ strahlte sie mich an mit einem Blick, als hätte sie persönlich das Wasser trinkbar gemacht.

   „Wenn du jetzt hier ein gutes Abendmahl einnimmst,“ schaltete sich der alte Mann mit den weißen Haaren ein, „wirst du morgen früh gestärkt wieder weiter wandern können.“ Sein Lächeln sah so gütig aus.

   „Abendmahl“, hatte er gesagt. Wein und Brot standen auf dem Tisch und ein weise dreinblickender, weißhaariger, alter Mann saß mir gegenüber - schlief ich noch?

   Christiane unterbrach meine Gedanken.

   „Er hat recht. Greif zu und stärke dich. Morgen bist du wieder fit.“ Ihre etwas zu laute Stimme und ihr Redefluss passten nicht so recht zum Abendmahl. Aber sie war irgendwie süß und auf jeden Fall sehr hilfsbereit.

   Während des Essens erfuhr ich, dass die vier Männer aus Belgien kamen. Der jüngste von ihnen, den ich fälschlicherweise als vermeintlichen Russen enttarnt hatte, war als letzter zu der Gruppe gestoßen. Sie waren am heutigen Tag von Jaca aus unterwegs gewesen, was bedeutete, dass sie heute über vierzig Kilometer gewandert waren. Einer von ihnen war in der belgischen Armee als Legionär gewesen. Ich hätte ihn auf fünfzig geschätzt, aber er sagte mir mit einem verschmitzten Lächeln, dass er als Vierundsechzigjähriger auf dem Jakobsweg eine gesamte Strecke von fast eintausendfünfhundert Kilometern zurücklegen wollte. Und ich hatte gedacht, ich sei mit meinen tausend Kilometern hier der König. Aber als ich dann erfuhr, dass der weise, alte Mann mir gegenüber zweiundsiebzig Jahre alt sei und auch diese Strecke bis an den Atlantik gehen wollte, konnte ich das kaum fassen.

   „Die spinnen, die Belgier“, dachte ich bei mir und genoss das Abendmahl in dieser besonderen Gruppe von unterschiedlichen Pilgern. Es sollte mir als eines der schönsten in Erinnerung bleiben.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD