jakobsweg-muschel

Der Jakobsweg in Spanien - Yesa

 

.....Hier gehts zur Karte

 

Region Navarra 650 Meter Höhe, noch 800 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Schöne Etappe durch das Aragon-Tal entlang des Stausees von Yesa.

 

Artieda / Ruesta / Sangüesa

Als ich nach einem tiefen Schlaf erwachte, war ein riesen Gewusel im Zimmer. Christiane und der Belgier waren dabei, ihre Rucksäcke zu packen und Monica, die ehemals Schweigsame, trat schon in voller Montur von der Terrasse herein. Gestern hatte ich sie am Tisch einige Male lächeln sehen, aber jetzt hatte sie wieder einen Gesichtsausdruck, der mich nur einen kurzen Gruß aussprechen ließ.

   Ich horchte in mich hinein, um zu erkennen, dass ich keine Anzeichen von Schwäche oder Krankheit erkennen konnte. Also krabbelte ich auch aus meinem Hochbett und verschwand erst mal in der Dusche. Als ich zurück ins Zimmer kam, war nur noch Christiane da.

   „Hier hast du dein Frühstück. Die Kellnerin hat gestern Abend für jeden ein Sandwich gemacht. Frühstücken kannst du hier nämlich nicht. Ich mach` mich auf den Weg. Mach`s gut. Wir sehen uns.“ Mit diesen Worten griff sie sich ihren Rucksack und schloss die Tür hinter sich.

   Ich trat raus auf die Terrasse und erkannte in der Ferne einige Silhouetten von Menschen - meine Abendmahlgefährten von gestern. Ich musste der einzige sein, der noch hier war und ein Gefühl von Fernweh ergriff mich. Ich packte meine Sachen und kontrollierte vor dem Verlassen noch einmal das Zimmer. Als ich unter die Betten schaute, sah ich einen Wanderstab – es war Monicas. Ich griff ihn mir und machte mich auf den Weg.

   Nachdem ich den Ort verlassen hatte, sah ich in einiger Entfernung Monica eiligen Schrittes wieder zurückkommen. Ich winkte ihr mit ihrem Pilgerstab zu und sie freute sich sehr, als ich ihn ihr zurückgab.

   „Vielen, vielen Dank! Ohne ihn bin ich gar nichts hier, “ sah sie mich ernst an, drehte sich um und ging. Sie hatte sich der Gruppe von Belgiern angeschlossen, die sie schnell wieder einholte. Für mich war ihr Tempo aber viel zu schnell. Zum einen waren meine Waden hart wie Stein und zum anderen erinnerte ich mich an meine kleinen Probleme von gestern und so entschloss ich mich, mein eigenes Tempo für mich und meinen Körper zu finden. Ich war so froh, dass ich gesund und fit weiterwandern konnte. Die Eindrücke vom gestrigen Abend noch in Gedanken ging ich voran durch eine wunderschöne Landschaft.

    yesaDer Weg führte teils durch Waldalleen, an deren Bäumen eine Art weißes Moos wuchs, dann durch enge, schnurgerade Gassen, die durch Buchssträucher gesäumt waren und um die nächste Ecke war der Baumwuchs wieder ganz anders und ließ einen weiten Blick in die Landschaft zu. An einer völlig verfallenen alten Kapelle ohne Dach vorbei, bei der ich mich mit einem Schluck Wasser und einem Müsliriegel stärkte, erreichte ich das verfallene Dorf Ruesta, das schon von weitem mit seinen hohen Festungstürmen auf einem Hügel zu sehen ist.  

   Während meiner Wanderung hatte ich die Eindrücke der Natur genossen und mich wieder einmal gewundert, dass ich niemandem über den Weg gelaufen war. In der Ruinenstadt Ruesta gab es ein kleines Cafe` und so traf ich hier die Belgier und Monica, schon fertig gefrühstückt, noch am Tisch sitzend. Einige Pilger, die ich allerdings nicht kannte, saßen am Nebentisch. Es gab ein opulentes Frühstück, während dessen sich die Gruppe um Monica wieder aufmachte. Nachdem auch ich Ruesta verlassen hatte, begegnete ich gerade noch Christiane. Sie lächelte mich an und wünschte mir einen guten Weg. Ich dachte darüber nach, ob ich sie vergangene Nacht wirklich in ihrem Bett hatte weinen hören, oder ob ich mir das nur eingebildet hatte.

   Der Weg führte mich weiter durch dichte Laubwälder, bei leichter Bewölkung und angenehmen Temperaturen. Wenn es die Landschaft zuließ, erblickte ich immer mal in der Ferne die Belgier mit Monica. Aber die hatten ein irres Tempo drauf – zu schnell für mich. Ich war ja nicht auf der Flucht. Gegen Mittag kam ich in einen kleinen Ort namens Undues de Lerda, der auf einer Anhöhe lag. Das bedeutete, dass ich für mein Pilgermahl wieder erst einen Aufstieg bewältigen durfte.

   Ich betrat das einzige Lokal am Ort und erblickte wieder – wen wohl – genau. Sie lachten mich an, als ich mich zu ihnen setzte. Unschwer zu erkennen war, dass sie wieder kurz vor dem Aufbruch waren. Aber sie konnten mir das Pilgermenu nur wärmstens empfehlen. Ich bestellte prompt und bemerkte erst jetzt eine etwas gedrückte Stimmung am Tisch.

   Die Gruppe stand auf, um sich fertig zu machen, aber der alte Mann mit den weißen Haaren blieb sitzen. Dann kam der Rest der Truppe zurück und nun verstand ich erst. Der alte Mann konnte nicht weiter. Er hatte sehr starke Rückenprobleme. Als sich nun die anderen von ihm verabschiedeten, fing der alte Mann an zu weinen. Ich saß ihm direkt gegenüber und schaute in diesem Moment in seine Augen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Wie ein kleiner Junge vibrierte erst sein Unterkiefer und dann kamen ihm die Tränen. Seine Mitpilger waren ratlos, was sie machen sollten, aber der alte Mann wies sie zu gehen. Er stand wenig später auf und ließ mich alleine am Tisch sitzen. Jetzt fing auch ich an zu weinen. So etwas Rührendes hatte ich noch nie gesehen.

   Nachdem ich hier angekommen war, hatte ich mich eigentlich entschlossen, in diesem kleinen Ort zu bleiben. Ich hatte irgendwie keine Lust mehr heute weiter zu gehen. Als ich aber das Gesicht des alten Mannes vor mir sah, dachte ich daran, was er wohl dafür geben würde, könnte er weiter gehen. Und ich? Keine Lust?

   „Du Weichei!“ sagte ich zu mir selbst, stand auf und machte mich wieder auf den Weg.

   Ich erreichte Sangüesa am späten Nachmittag und kehrte sofort in der ersten Pilgerherberge ein. Ich wunderte mich, denn ich entdeckte kein vertrautes Gesicht. So verbrachte ich dann auch den Abend alleine. Der Ort war etwas größer und verfügte über eine Art Innenstadt, wo ich in einem kleinen Restaurant ein gemütliches Pilgermenu mit gutem Wein zu mir nahm. Als ich dann wieder in der Herberge ankam, war mir dann auch egal, dass ich niemanden kannte. Ich wollte nur meine Ruhe. Der Weg hatte mich heute geschlaucht – körperlich und emotional.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD