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Der Jakobsweg in Spanien - Monreal

 

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Der Jakobsweg - im Schafstall bei Regen

 

Sangüesa / Izco

Am nächsten Morgen war ich sehr früh wach und einer der ersten, die draußen standen – im Regen. Also - das gefiel mir ja gar nicht. Es hatte sich dunkelgrau zugezogen, es regnete mittelstark und es sah nicht so aus, als wolle es in naher Zeit aufhören. Ich wollte dem Wetter aber eine Chance geben und ging erst einmal in Ruhe frühstücken. Doch die Tropfen wollten nicht aufhören zu fallen.

    Nach einem wirklich ausgiebigen Frühstück brach ich in einer Regenpause auf. Etwa fünfhundert  Meter später fing es schon wieder an zu regnen, als sich kurz vor mir ein Tor öffnete und Christiane heraus schaute. Ich war gerade an der zweiten Pilgerherberge im Ort angekommen und hier hatten sich gestern all meine Mitpilger einquartiert.

   „Hallo Werner, “ lächelte Christiane mich an, „komm rein und trink` eine Tasse Kaffee mit uns.“ Diese Einladung ließ ich mir wegen des stärker werdenden Regens nicht entgehen. Christiane stand in der Küche und bereitete das Mittagessen. Sie machte Tee für einen deutschen Pilger, der oben im Bett lag und sich den Magen verdorben hatte. Dann lief sie mit einem warmen Kräuterwickel an mir vorbei, den sie für den zweiundsiebzig- jährigen Belgier gemacht hatte, der auch oben mit seinen Rückenproblemen lag.

   „Ist das hier eine Pilgerherberge oder das Hospital?“ fragte ich mich. Zwischendurch brachte Christiane mir einen Kaffee und organisierte für einen verletzten jungen Italiener eine Busfahrt. Sie war voll in ihrem Element. Fehlten nur noch ein Häubchen und die Krankenschwesteruniform. Sie war richtig glücklich und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, wäre jeder davon ausgegangen, dass ihr diese Herberge hier gehört. Ich saß mit fünf Pilgern am Tisch und hatte plötzlich einen Teller Spaghetti vor mir stehen. Nach dem Essen kam ein junges, deutsches Pärchen herunter. Er hatte den verdorbenen Magen. Wir kamen ins Gespräch, bis mich Christiane in die Küche zum Abtrocknen beorderte. Dort sprach ich mit dem jungen Italiener, Toni, der seine Weggefährten verloren hatte und gleich eine Station mit dem Bus fahren wollte, um sie wieder einzuholen.

   In dieses Chaos hinein öffnete sich die Tür und Richard, Uwe und Ruut betraten völlig durchnässt den Aufenthaltsraum der Herberge. Sie hatten die Nacht mal wieder im Freien verbracht und waren vom Regen, der in der Nacht einsetzte, überrascht worden. Die waren vielleicht sauer.

   In diesem ganzen Gewusel realisierte ich nun langsam, dass ich ja eigentlich auch ein Ziel hatte, dass ich heute aber schon nicht mehr erreichen konnte. Als sich Toni dann verabschiedete, griff ich spontan meinen Rucksack und folgte ihm. Christiane habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Es würde mich aber nicht wundern, wenn sie sich heute noch in diesem Refugio um die Pilger kümmert. Im nach hinein war mir dann auch eingefallen, wo ich sie zum ersten Mal gesehen, beziehungsweise gehört hatte. Sie war die nette Pilgerin, die am Kloster aus dem Bus stieg, als ich mich weiter auf den Weg machte. Warum sie mich damals so herzlich gegrüßt hatte, konnte ich sie nicht mehr fragen.

   Etwa vier Stunden später kamen Toni und ich an einer Pilgerherberge vorbei, in der Toni seine Freunde vermutete. Ich aber hatte den Drang weiter zu gehen und so trennten wir uns. In der Richtung, in der mein Weg lag, zogen die Wolken nun dichter und dunkler heran. Nachdem es wieder stärker anfing zu regnen, suchte ich Unterschlupf in einer Scheune, die von einem Hund bewacht wurde. Er ließ mich zu meinem Erstaunen ohne Gebell an sich vorbei in die Scheune, die ich sofort als riesigen Schafstall erkannte. Der ganze Boden war bedeckt von Schafmist und so roch es auch. Der Regen war stärker geworden und prasselte auf das Blechdach. Als ich mich umsah, waren in einer Ecke ein paar Mutterschafe mit ihren Jungen eingepfercht. Die anderen - und ich denke mal, in die Scheune passten mehrere hundert Tiere - waren zum Glück draußen auf der Weide.

 

Monreal  Da stand ich nun in Schafkacke, von außen und von innen nass und wusste nicht, wie ich weiterkommen sollte. Der Hund draußen und die Schafe drinnen ließen mich nicht aus den Augen. So hatte ich mir den Jakobsweg nicht vorgestellt.

   In einer kleinen Regenpause nach fast einer Stunde entschloss ich mich dann schweren Herzens die etwa drei Kilometer zurück zur Herberge zu gehen, um dort die Nacht zu verbringen. Denn vor mir hätten bis zum nächsten Ort fast zehn Kilometer gelegen und die nächste dunkle Wolkenwand zog aus dieser Richtung heran. Es waren sehr harte drei Kilometer für mich, denn ich schritt sie zurück, entgegen des Weges. Von dort war ich gekommen und diese Strecke musste ich morgen noch mal gehen – es war frustrierend.

   Entsprechend gelaunt kam ich an der kleinen Herberge an, wo ich als erstes von einem großen dunkelhaarigen, sehr grimmig dreinschauenden Mann empfangen wurde, der mich auf Spanisch anwies, vor dem Betreten der Herberge meine Schuhe auszuziehen. Widerwillig legte ich im Vorhof auch meinen Rucksack ab und ging hinein in einen großen Raum, indem sich etwa fünfzehn Pilger aufhielten. Auf Anhieb erkannte ich niemanden. Eine junge Frau trat auf mich zu, um mir mitzuteilen, dass die Herberge eigentlich schon voll ist. Es warteten schon fünf Pilger auf einen zusätzlichen Schlafplatz. Wir alle mussten bis neunzehn Uhr warten, dann käme die Frau, die diese Herberge leitete.

   „Na toll, “ dachte ich, „ hier will ich bestimmt nicht bleiben.“

   Ich versuchte zusammen mit der jungen Frau, die nur Spanisch sprach, irgendwie eine Busverbindung oder ein Taxi aufzutreiben. Ich wollte nur weg von hier. Aber es war nichts zu machen. Ich schien im Niemandsland zu sein. Auf einer Insel, um die herum im Umkreis von zehn Kilometer sich nur Wasser befand. Ich fühlte mich elend und verloren.

   „Wenn wenigstens irgendjemand hier...“ ich hatte diesen Gedanken nach einem bekannten Gesicht noch nicht zu Ende gedacht, da kam Monica aus einer Ecke des Raumes auf mich zu. Sie bemerkte wohl in meinen Gesichtszügen meinen Gefühlszustand und redete beruhigend auf mich ein. Das zeigte dann auch Wirkung und ich entschloss mich, schon einmal zu duschen, die nassen Klamotten zu tauschen und auf die Herbergsmutter zu warten.

   „Ich werde mich darum kümmern, dass du eine Schlafgelegenheit hier bekommst. Egal, wie überfüllt es in den Refugios ist, bei einem solchen Wetter schickt dich niemand fort. Zur Not kommst du bei einem der Bewohner aus dem Ort unter. Einem Pilger in Not wird immer geholfen.“ Ihre Worte waren wie Balsam auf meinen Gemütszustand.

   Monica sollte auch recht behalten, denn kurz nachdem die Frau des Hauses angekommen war, redete Monica mit ihr, worauf sie mir deutete, eine Matratze zu schnappen und ihr zu folgen.

   Ich nahm also eine Matratze und verließ den großen, miefigen, überfüllten Raum, in dem ich gedacht hatte schlafen zu müssen und wurde in einen Nebenraum geführt. Ich öffnete die Türe und traute meinen Sinnen nicht. Meine Nase nahm Räucherstäbchen und Massageöl wahr, meine Ohren Meditationsmusik und meine Augen wohl bekannte Gesichter. Toni war da. Er hatte seine Freunde gefunden. Das deutsche Pärchen von heute Morgen war da und Monica grinste mich aus dem Nachbarbett an. Hier wurde entspannt auf den Betten meditiert und sich gegenseitig die Füße massiert.

   „Ich glaube, ich habe den Schafsdung zu tief eingeatmet“, grinste ich über das ganze Gesicht und legte mich zufrieden in meinen Schlafsack auf meine Matratze. Jetzt war wieder alles gut.

   Es folgte noch ein wunderschöner gemütlicher Abend mit gemeinschaftlichem Kochen und Abendmahl, und ich lernte in dieser kleinen Pilgerherberge im Ort Izco in der Region Nararra die nettesten Menschen auf meiner Reise kennen.

Izco / Monreal / Tiebas

 Der nächste Morgen begann für mich sehr früh. Das ganze Zimmer war schon kurz nach sechs Uhr in Bewegung. Am Abend zuvor waren noch mehr Pilger in der Herberge angekommen, so dass sie mit der doppelten Anzahl an Gästen hoffnungslos überfüllt war. Folglich musste man sich zum Duschen anstellen. Ich hatte Glück und kam fertig bepackt gegen kurz vor sieben nach einem improvisierten, stehend eingenommenen Frühstück wieder auf den Weg. Es war dunkel, feucht und ziemlich kalt. Ich hoffte auf trockenes Wetter und machte mich auf die Kilometer, die ich nun zum zweiten Mal beschritt. Wieder beobachtete mich der Hund vor der Scheune sehr genau, aber still. Als eine kleine Gruppe von Pilgern nach mir an der Scheune vorbei kam, hörte ich ihn allerdings laut bellen.

   Das Wandern machte mir Spaß, nur der Blick nach vorn in die dunkel heranziehenden Wolken trübte meine Stimmung. Überall war der Weg mit Regenpfützen übersät, so dass man teils im Zickzack darum herum gehen musste. Zwischendurch nieselte es ein wenig, aber das störte mich nicht.

   Kurz vor Mittag kam ich in einen kleinen wunderschönen Ort namens Monreal, den der Jakobsweg über eine kleine Steinbrücke erreicht. Es waren kaum Menschen zu sehen, und so schlenderte ich ein paar Minuten auf der Suche nach etwas Essbaren umher. Als ich auf die Hauptstraße stieß, hielt vor mir ein Bus an einer Haltestelle. Auf einer großen Tafel stand der Ort, der heute mein Ziel sein sollte, und wieder war ich kurz versucht, einzusteigen.

   „Holla, Werner“, hielt mich eine Stimme ab. Es war Toni, der kurz hinter mir gewandert war.

   MonrealSo als ob ich den Bus gar nicht gesehen hätte, wandte ich mich zu Toni um und ging mit ihm weiter. Er erzählte mir, wie froh er sei, dass er endlich in Izco seine Freunde wieder gefunden hätte. Die waren ihm jetzt aber schon wieder abhanden gekommen. Wir gingen ein paar Meter und standen dann vor einem kleinen Restaurant. Vor der Tür parkten viele kleine Lieferwagen.

   „Ein Restaurant für Einheimische, “ sagte ich, „da gibt es sicher etwas Gutes zu essen für uns.“ Wir betraten den Gästeraum und fanden gerade noch einen kleinen Tisch in einer Ecke. Wir deckten uns mit Tortillas, einer Art Rührei mit verschiedenen Zutaten und Bocadillos, unterschiedlich belegte Sandwiches, ein.   

   Während wir gerade unser Festmahl einnahmen, öffnete sich die Tür und... da waren sie wieder alle. Tonis Freunde, Monica mit Martin, dem großen, dunklen Spanier aus Madrid mit dessen Sohn Bruno, und das junge Paar aus Süddeutschland, Peter und Heike.

   Die Begrüßung war sehr herzlich und laut. Während des Essens blickte ich in dem Gewusel von Enge und Lautstärke in die Runde und wunderte mich. Da kennt man sich erst ein paar Tage und verhält sich, wie langjährige Freunde. Gemeinsam machten wir uns dann wieder auf den Weg. Bruno ging mit seinem Sohn voran, die anderen folgten ihm. Die Wolken waren noch da, aber es hatte seit drei Stunden nicht mehr geregnet. Nach einer Weile waren sogar blaue Flecken am Himmel zu sehen und die Sonne kam heraus. Ich entschloss mich eine Panoramaaufnahme von der Landschaft zu machen.

   Dazu hatte ich außer meiner Handykamera eine DVD Kamera und ein Stativ mit auf die Reise genommen. Ich wollte auch bewegte Aufnahmen haben und eine DVD über meine Reise machen. Dazu war es aber immer nötig, den Rucksack abzustreifen, die Kamera auszupacken, das Stativ aufzubauen und alles einzurichten. Mit den entsprechenden Aufnahmen, die ich dann machte vergingen mit dem wieder einpacken schon mal gerne zwanzig Minuten. So lief ich eigentlich immer den anderen hinterher, denn diese Zeit konnte ich nur mit sehr kurzen Pausen wieder gutmachen.

   Im nächsten kleinen Ort trafen sich aber alle wieder. Klar, denn es gab hier ein kleines Cafe` – nein, nicht richtig – es gab hier nur ein einziges kleines Cafe`.

   „Es zieht sich wieder zu“, sagte Monica, „ hoffentlich bleiben wir trocken. Die nächsten Kilometer wanderten wir durch ein kleines Gebirge mit unbefestigten Wegen.“

   „Na die scheint ja den Wanderführer sehr genau zu lesen“, dachte ich mir und hoffte auch auf einen gnädigen Weg. Manchmal ist Hoffnung aber einfach nicht genug. Als der Weg etwas steiler bergauf und bergab führte, wurde meine Standhaftigkeit auf die Probe gestellt. Es ging über sehr schmale Pfade, die vom Dauerregen der vergangenen Tage aufgeweicht waren. Die Füße wurden immer schwerer, weil sich der Matsch langsam an den Schuhen ansammelte. Das alleine wäre aber nicht so schlimm gewesen, aber durch den Matsch an und unter den Schuhen und dem Matsch auf dem Weg fand ich keinen Halt mehr. Bergauf zu gehen war nun sehr schwer, aber bergab war echt der Horror. Ich fing an zu rutschen und kam mir vor, als würde ich die Wege herunter surfen. Und die freundlichen fünfzehn Kilogramm auf meinem Rücken taten ihr übriges.

Zweimal legte ich mich fast hin, wobei ich mich aber gerade noch mit der Hand abfangen konnte.

   „Mach jetzt bloß keinen Fehler“, spornte ich mich an, denn ein richtiger Sturz hätte das Ende meiner Reise bedeutet. Dann stand ich plötzlich vor einer kleinen Schlucht. Erst ging es abwärts und auf der anderen Seite wieder steil bergauf.

   „Ach, du Scheiße, “ schoss es mir in den Kopf, „wie soll das denn gehen?“

   Ich überlegte eine kurze Weile und versuchte, den bestmöglichen Pfad dort hindurch zu erspähen. Zahlreiche Rutschspuren zeigten mir an, dass das schon einige Pilger versucht haben mussten. Ohne meinen Rucksack wäre ich da leicht runter und wieder rauf gekommen. Aber er musste ja mit. Dann sah ich in der Ferne, wie vier Personen zu mir herüber schauten. Sie waren sehr weit weg, aber ich erkannte Monica, Martin, Bruno und Toni. Es sah so aus, als warteten sie ab, ob ich diese gefährliche Stelle hier meistern würde. Ich setzte zum Abstieg an, fing an zu rutschen, wurde schneller, versuchte zu surfen, legte mich am Rand des Weges im nassen Gras aufs Maul, stand sofort wieder auf, rannte den Rest herunter und nutzte den Schwung für den Aufstieg, bis ich einen Baum umarmte, den ich erst mal nicht mehr losließ.

   Es dauerte dann etwa zehn Minuten, bis ich es mit Hilfe mehrerer Bäume und Sträucher endlich geschafft hatte, den Hügel wieder herauf zu kommen. Mein rechter Oberschenkel tat weh – und das durfte er auch. Als ich genauer hinsah war meine Jeans über etwa zwanzig Zentimeter aufgerissen und die Haut leicht angekratzt. Ein Gruß, nehme ich an, von irgendeinem Baum, Strauch oder Stein.

   „Ach, was solls“, sagte ich laut, „hätte auch schlimmer ausgehen können.“ Das war richtig. Es hätte zum Beispiel wieder anfangen können zu regnen. Und gerade als ich mich auf einer Anhöhe befand, raste eine dunkle Wolkenwand heran und ergoss sich über mir. Ich fürchtete, dass diese Regenmengen für meinen Rucksack zu viel sein könnten. Ich hatte Angst um meine Kameraausrüstung. Ein kleiner Baum am Weg spendete mir etwas Schutz.

   MonrealIch setzte den Rucksack ab und versuchte mein großes Regencape zu finden. Das hatte ich aber, ganz der Wanderprofi, unten im Rucksack verstaut und bei dem Regen, den auch der Baum noch durchließ, konnte ich beim besten Willen den Rucksack nicht ausräumen. Da hätte ich ihn auch gleich in den Regen auskippen können.

   Ich war ja schon nass, aber mein Rucksack und dessen Inhalt sollte es nach Möglichkeit nicht werden. Dann entdeckte ich im oberen Fach eine Plastiktüte. Diese Tüte hatte ich vor zwei Tagen von einer alten Dame beim Kauf von Obst bekommen. Zwei Äpfel und zwei Bananen. Und dafür hatte sie mir eine riesige Tüte gegeben. Ich hatte noch gedacht, was das denn soll, so ein Riesen Teil für so ein bisschen Obst. Und genau diese Tüte passte nun über den Rucksack und umhüllte ihn fast zur Hälfte. Ich schüttelte den Kopf - Dinge passieren hier.

   Ich stapfte noch einige Kilometer weiter, bis ich in Tiebas ankam. In dem kleinen Ort war die Pilgerherberge nicht zu verfehlen.

   „Holla Werner“, begrüßte mich Monica mit einem Lächeln, „hast du es mit deinem schweren Rucksack geschafft? Wir haben dich beobachtet.“

   „Ich habe Euch gesehen. War das Zufall?“ wollte ich wissen.

   „Nein. Wir hatten befürchtet, dass du das nicht schaffen würdest. Dein Rucksack ist viel zu schwer.“

   „Woher wollte sie das denn wissen?“ dachte ich. Aber sofort freute ich mich über die Rücksichtnahme dieser Menschen. Ich fühlte mich richtig geborgen.

   Ich hatte meine Wanderschuhe am Eingang verwundert ausgezogen – sie waren gar nicht mehr schmutzig gewesen. Ich organisierte Zeitungspapier und stopfte sie damit aus. Dann reservierte ich mir ein Bett und zog die nassen Klamotten aus. Großartig etwas zum Trocknen aufzuhängen war sinnlos. Es war kein Platz in der kleinen Herberge und draußen regnete es leicht. Ich schaute mir meine zerrissene, klatschnasse Jeans an und fragte mich, womit bekleidet ich denn morgen weiter gehen sollte. In diesem Moment kam Toni an mir vorbei. Er trug ein Bündel trockener Wäsche auf den Armen.

   „Holla Werner. Na, gut durchgekommen?“ grinste er mich bestens gelaunt an.

   „Jaja“, sagte ich ganz nebenbei und schaute auf die frisch gewaschene Wäsche auf seinen Armen.

   „Gibt es hier eine Waschmaschine oder Trockner?“ fragte ich.

   „Nein“, lachte er, „hier nicht. Das sind Klamotten, die ein Pilger gestern hier gelassen hat. Sie waren ihm zu viel gewesen in seinem Gepäck. Guck mal, toller Pullover, was?” Er zeigte stolz auf einen orangefarbenen Pulli mit Rollkragen.

   „Du, sag mal. Ist da zufällig auch eine Jeans mit dabei?“

Toni kramte in dem Wäschebündel und zog strahlend eine frisch gebügelte Jeans heraus.

   „Hier bitte. Zieh mal an.“

   Sie passte. Nicht nur eben so. Sie passte, wie nur eine Jeans passen kann. Ich schüttelte wieder mit dem Kopf.

   „Das ist der Camino“, lächelte Monica, die die Kleiderprobe mit  angesehen hatte. Und seit diesem Tag trug ich eine fremde Jeans von einem Pilger namens Roberto Hernandez. So jedenfalls lautete der eingenähte Namensaufkleber.  Muchas Gracias dafür, Roberto.

Martin, Bruno und Monica wollten sich nach einem heißen Kaffee umsehen, und fragten mich, ob ich mitgehen wollte. Klar wollte ich und führte stolz mein neues Beinkleid aus. Ich konnte es nicht fassen, wie glücklich ich über dieses Geschenk war.

   In der Mitte des kleinen Ortes fanden wir doch tatsächlich ein öffentliches Schwimmbad. Gut – schwimmen wäre uns eher nicht in den Sinn gekommen, aber es gab hier auch ein kleines Restaurant mit einem sehr guten Kaffee. Apropos – seit ich in Spanien angekommen war, hatte ich bis heute nur sehr guten Kaffee getrunken. Das können die Spanier.

   „Für was hast du eine Kamera und das Stativ dabei?“ fragte mich Monica unvermittelt.

   „Ich drehe einen Film über meine Pilgerreise. Die Kamera nimmt direkt auf eine DVD auf in einer tollen Qualität. Filme machen gehört zu meinem Hobby, “ antwortete ich brav, ohne wirklich zu wissen, weshalb sie gefragt hatte. Sie schaute mich nur ernst an. Wir genossen den Kaffee und einen kleinen Imbiss, während die Umgebungslautstärke stetig zunahm. Immer mehr Mütter kamen mit ihren kleinen Kindern aus dem Hallenbad.

   Trotzdem entwickelte sich ein sehr angenehmes Gespräch an unserem Tisch. Martin war Kommunikationstechniker aus Madrid und mit seinem Sohn für eine Woche auf dem Jakobsweg unterwegs. Der anfänglich so ernste, dunkle Mann, so war er mir vorgekommen, entpuppte sich als ein humorvoller und lieber Kerl. Schade nur, dass sein Englisch und mein Spanisch zu schlecht waren. Ich hätte mich gerne intensiver mit ihm unterhalten. Bruno war mit seinen fünfzehn Jahren schon sehr erwachsen. Er flachste zwar oft mit seinem Vater herum und machte Blödsinn, aber ich hatte den Eindruck, er war sehr bewusst hier auf diesem besonderen Weg.

   Monica taute so langsam auf. Immer öfter huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Aber auch bei ihr entdeckte ich eine tiefgründige Ernsthaftigkeit – ganz speziell, was den Jakobsweg oder Camino, wie sie ihn nannte, anging.

   Es war etwas ruhiger geworden und wir wollten schon langsam aufbrechen, als Heike hineinkam und an unseren Tisch trat.

   „Wir haben eingekauft und etwas zu Essen gekocht. Wir möchten euch einladen. Kommt ihr?“ Klar ließen wir uns diese Einladung nicht entgehen. Toni hatte mit seinen Freunden Spagetti und einen großen Salat zubereitet. Die meisten Pilgerherbergen verfügen über eine Küche, die die Pilger benutzen dürfen. Mir hat selten in meinem Leben einfaches Essen so gut geschmeckt. Aber hier haben es auch sicher diese besonderen Menschen ausgemacht.

   Während unserer Abwesenheit waren noch weitere Pilger in der Herberge angekommen. Luis war einer davon. Er war schon oft auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Er war ein schüchterner kleiner, untersetzter Mann um die fünfzig, der zahlreiche herrliche Geschichten zu erzählen hatte. Er blühte im Laufe des Abends richtig auf und brachte sich immer mutiger ein in die Gespräche, die dann um elf Uhr langsam ein Ende nahmen. Ich lag müde in meinem Bett und dachte noch darüber nach, wie herzlich die Menschen hier aus den verschiedensten Ländern, im Alter von zwanzig bis über fünfzig miteinander umgingen.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD