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Der Jakobsweg in Spanien - Puente la Reina

 

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Obanos und Puente la Reina

 

Tiebas / Obanos  / Puente la Reina

Zuerst dachte ich zu träumen, aber ich wurde wach von leisem Geburtstagsgesang. Einige Mitpilger saßen schon in der Küche. Es duftete nach Kaffee und Toni lief mit einem kleinen Kuchen mit einer brennenden Kerze umher. Er feierte seinen dreiundzwanzigsten Geburtstag.

   „Wo hatten die hier denn bloß den Kuchen herbekommen?“ dachte ich mir und schälte mich langsam aus der oberen Etage meines Bettes.  Nach einer kurzen Dusche gratulierte ich auch brav und bekam noch einen winzigen Teil des Kuchens. Toni sah gar nicht gut aus. Er grinste zwar wie ein Honigkuchenpferd, weil ihm die ganze Pilgerherberge der Reihe nach gratulierte, aber er war am Abend noch mit seinen Freunden draußen feiern gewesen und das bis nach Mitternacht in seinen Geburtstag hinein.

   Wieder folgte ein eher improvisiertes Frühstück mit Instantkaffee und Müsliriegel in einer immer voller werdenden Küche. Der Blick durchs Fenster in das spärliche Licht der aufgehenden Sonne verhieß nichts Gutes. Nasser Asphalt und heranziehende dunkle Wolken trübten die Stimmung ein wenig. Nach und nach machten sich alle zum Aufbruch bereit. Eine Art Sammelpunkt war die große Diele. Diesmal schien es mir, als würden sich verschiedene Gruppen aufeinander wartend bilden, um dann zusammen aufzubrechen. Als ich mit meinem Regenponcho nach draußen trat, standen da auch meine Freunde um Monica, Martin, Bruno und Toni.

   Wir zogen langsam los in einen leichten Nieselregen hinein. Einen Kilometer später, kurz bevor wir den Ort verließen, deckten wir uns an einer Fernfahrer Tankstelle mit Süßigkeiten und Cola ein. Man spürte, dass die Gruppe heute nicht so wirklich losziehen wollte. Der Vorwärtsdrang fühlte sich zäh an. Ein paar Meter weiter stand eine alte Frau dösend in einem Türrahmen. Monica fragte sie nach dem Weg. Als sie realisiert hatte, dass wir Pilger waren, kam sie zu uns, um jeden von uns mit Handschlag zu begrüßen. Sie strahlte uns an und wollte genau wissen, wo wir herkamen und hinwollten. Sie hatte fast Tränen in den Augen, als sie den Wunsch aussprach auch einmal selbst den Jakobsweg zu gehen, es bisher aber nie getan hatte und nun sei sie wohl zu alt.

   Wir waren alle gerührt von der alten Dame, die uns noch lange hinterher winkte und so schritten wir mit dem richtigen Elan weiter voran. Den richtigen Weg wussten wir immer noch nicht, und so folgten wir bis zum Ortsende der Hauptverkehrsstraße, auf der zahlreiche Lkw sehr schnell und sehr knapp an uns vorbei donnerten. Jeder der Gruppe hatte dabei jeden anderen im Auge, wie bei einer Seilschaft, wo auch jeder auf den anderen aufpasst. An einer Straßenkreuzung mussten wir dann die Reiseführer zur Hilfe nehmen. Aber auch die konnten uns nicht wirklich helfen. Martin und Monica diskutierten über die eine oder andere Richtung, bis Monica meinte, sie sei sich sicher, in welche Richtung wir gehen müssten. Entschlossen schritt sie voran.

   Wir vier Männer standen da und trafen etwas widerwillig die Entscheidung, ihr zu folgen. Ich versuchte mit einem Mischmasch aus Englisch und Spanisch Martin zu erklären, was es in Deutschland für Vorurteile bezüglich „Frauen und Wege finden“, geben würde. Er verstand mich sofort und meinte, genau das würde man in Spanien auch denken. Wir fingen laut an zu lachen. Monica, die einige Meter voraus gegangen war, drehte sich um und schaute uns an – kein Wort – nur Blicke, aber wir wussten alle Bescheid.

   Plötzlich standen wir vor einer Bahnlinie und schauten uns an. Kein Anzeichen von einem Weg. Monica war immer noch entschlossen, auf dem richtigen Weg zu sein, wohin der auch immer führen sollte, und ging auf einen einsamen, parkenden Wagen zu. Sie klopfte an die Seitenscheibe und ein völlig verschlafener Spanier kurbelte wiederwillig die Scheibe herunter. Nach wenigen Sekunden kam sie mit einem Lächeln zu uns zurück und deutete in eine Richtung.

   Puente la Reina„Wir sind richtig. Da lang geht es. Ich habe recht gehabt.“ Mit diesen Worten stolzierte sie forsch an uns vorbei. Ich warf noch einen Blick zurück auf den Spanier in seinem Auto und fragte mich, was der hier schlafend mitten in einem Feld in seinem Auto gemacht hatte. Ich bezweifelte, dass er wusste, wo er selbst sich befand, geschweige denn, wo der Jakobsweg sei.

   Aber egal, im Moment blieb uns nichts anderes übrig. Das heißt, nicht ganz. Martin, Kommunikationstechniker bei Nokia, hatte ein ganz neues Handy mit einem integrierten Navigationsgerät dabei. Als er es an der Kreuzung herausholen wollte, schrie Monica wild auf und sagte sehr energisch, sie würde augenblicklich die Gruppe auf Nimmerwiedersehen verlassen, wenn wir uns damit den Weg weisen lassen würden. Ihr roter Kopf und ihre energische Körperhaltung ließen keinen Zweifel, dass sie es bitter ernst meinte. Ohne jede Diskussion schloss Martin seinen Rucksack wieder und ich sah sein Navi seitdem nicht mehr in seinen Händen. Wir fanden ganz automatisch wieder auf den Jakobsweg und einen Umweg hatten wir auch nicht gemacht. Monica grinste zufrieden. 

   Am Wegesrand tauchten Brombeerbüsche auf, die voll behangen waren mit reifen, schwarzen Früchten. Als wollte der Camino seinen Besuchern etwas anbieten, säumten über Kilometer diese Büsche den Weg und unsere Bäuche waren schon voll davon, als wir vorbei an zahlreichen Weinfeldern, und einigen Oliven- und Feigenplantagen an einer kleinen, eigentlich unscheinbaren Kirche ankamen.

   „Morgen werden wir an einen mystischen Ort kommen. Eine wichtige Etappe auf dem Camino. Sehr gut zum Meditieren, “ hatte mir Monica gestern im Schwimmbad gesagt und ihre Augen hatten dabei geleuchtet. Die kleine achteckige Wallfahrtskirche „Santa Maria de Eunate“ soll im zwölften Jahrhundert von den Tempelrittern erbaut worden sein. Für sicher gilt, dass sie hier in der Region Navarra als eine der Begräbniskirchen am Pilgerweg diente. Ich betrachtete sie erst von außen. Dann ging ich an der Seite von Monica durch den Eingang ins Innere der Kirche.

   Und sofort stand eine andere Frau neben mir. Monica war gebannt. Sie ging ganz nach vorn und kniete sich in die erste Bank. Ich hatte den Eindruck, als hätte sie mit dem Betreten der Kirche die Welt um sich herum vergessen. Sie betete und schien nur noch im Hier und Jetzt zu sein. Das beeindruckte mich dermaßen, dass ich mich kaum traute, meinen Rucksack zu öffnen, um meine Kamera heraus zu kramen. Nach und nach füllte sich der kleine Innenraum. Ich blickte mich um und sah fast alle Pilger aus der Herberge von heute Morgen wieder. Auch die Freunde von Toni waren angekommen und grüßten zu mir herüber. Sie saßen mir gegenüber am Rand des Raumes und deuteten auf Monica. Ich hatte den Eindruck, auch sie hatten die Veränderung bei ihr bemerkt.

   Puente la ReinaNach einer Weile verließ ich das Innere der Kirche, um einige Außenaufnahmen zu machen. Nach und nach richteten sich auch die anderen wieder vor der Kirche zum Weitermarsch. Als letzte kam auch Monica heraus. Wortlos setzte sie ihren Rucksack auf und machte sich auf den Weg.

   Die Wolken wurden heller und rissen teilweise ganz auf. Am frühen Nachmittag war fast nur noch blauer Himmel zu sehen. Unsere Gruppe hatte sich nach dem Kirchenbesuch etwas auseinander gezogen. Es war zu spüren, dass jeder etwas Zeit für sich selbst in Anspruch nahm. Sogar Martin und sein Sohn Bruno wanderten getrennt. Wir erreichten den Ort Obanos, wo sich die Pilgerwege des aragonischen, und die des navarresischen Weges zum eigentlichen Hauptweg vereinigen. Eine knappe Stunde später erreichten wir unser Etappenziel Puente la Reina.

Puente la Reina

  Noch bevor wir uns eine Herberge suchten, kehrten wir mit großem Hunger in einem Restaurant ein, um unser heutiges Pilgermahl zu bestellen. Es ist immer recht einfache Kost. Aber bedingt durch die körperlichen Anstrengungen und das Essen in der Gemeinschaft war es jedes Mal ein besonderes Mahl. Es begann immer mit Brot und Wein und endete auch immer mit Brot und Wein.

   Wir schritten durch die Altstadt von Puente la Reina auf der Suche nach einer Unterkunft. Der Jakobsweg, die Hauptstraße „Calle Major“ des im elften Jahrhundert gegründeten Ortes, zieht sich schnurgerade bis an den Fluss Arga, den man auf einer sehr schönen Bogenbrücke überquert.

   Kurz nach der Brücke fanden wir dann auch eine Herberge. Angepasst an die nun größeren Pilgerströme, war diese neu errichtete Herberge für fast zweihundert Pilger ausgelegt. Es war eine moderne Anlage, die auf einem Hügel gelegen sogar über einen Swimmingpool verfügte. An der Rezeption erwartete uns ein dunkelhäutiger Riese mit einer sonoren Stimme. Gegen ihn sah sogar Martin harmlos aus. Ralph, so stellte er sich uns direkt freundlich vor, war aber alles andere als bedrohlich. Der Glanz in seinen Augen und das stetige Lächeln in seinem Gesicht verschwanden auch dann nicht, wenn sich die Kommunikation mit den Pilgern einmal etwas schwieriger gestaltete.

   „Wie viele seid ihr denn?“ wollte Ralph von uns wissen.

   „Es kommen noch Freunde von uns nach. Dann sind wir zu acht, “ antwortete ihm Monica.

   „Dann gebe ich euch ein extra Zimmer mit zehn Betten“, sagte er freundlich. Die Herberge bestand aus einem riesigen Schlafsaal von fast sechzig Betten, einem kleineren mit vierzig Betten und der Rest der Unterkünfte war in einem Nebengebäude, mehrere Zimmer mit jeweils zehn Schlafmöglichkeiten. Auf dem Weg dorthin war mir der Sanitärbereich mit Waschmaschinen und Trockner aufgefallen. Komisch – ich freute mich, das zu sehen, weil ich nun meine Klamotten das erste Mal richtig waschen konnte. Die Herberge war zum Glück nicht so überlaufen, und so war das Waschen und Aufhängen der Wäsche auch gut möglich.

   Auch sonst fühlte ich mich hier das erste Mal nicht so eingeengt, wie in den anderen Herbergen zuvor. Alles hier war großzügig dimensioniert. Ein riesengroßer Gästeraum mit Kaffeebar, Internetanschluss und Fernseher lud zum Verweilen außerhalb des Zimmers ein. So saß ich dort bei einem köstlichen Kaffee und meine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Fernseher in der Ecke. Er lief ohne Ton und recht brutale Bilder von Überschwemmungen waren in einer Sondersendung zu sehen.

   „Dieses Unwetter kann morgen hier ankommen“, hörte ich die besorgte, sonore Stimme von Ralph hinter mir. Ein großes Regengebiet hatte schon Teile Spaniens überschwemmt und nach den Berichten würde es morgen in die Gegend ziehen, in der ich mich gerade befand.

   „Ach was soll`s“, sagte ich, „ich bin doch hier in einer schnuckeligen Herberge, wo ich alles habe“. Ralph war schon wieder verschwunden und ich setzte mich mit dem Rücken zum Fernseher. Dann erinnerte ich mich, dass ich meine Maschinenwäsche noch in den Trockner werfen wollte. Dort angekommen, stritten sich zwei Frauen um den einen Trockner im Raum. Es waren Deutsche. Ich musste grinsen und im Umdrehen entdeckte ich Monica, die mir deutete, ihr zu folgen.

   Als hätte sie meine Gedanken gelesen oder war es vielleicht der Korb nasser Wäsche, der mich verraten hatte, zeigte sie mir wortlos einen zweiten Trockner in einem Nebenraum. Ich fütterte ihn mit meiner Wäsche und zwei Euro. Dann drehte ich mich um, weil ich ihr danken wollte, aber sie war schon wieder weg - ohne ein Wort zu sagen.

   „Eine merkwürdige Frau“, dachte ich und ging in unser Zehnbettzimmer. Hier waren gerade alle unsere Freunde angekommen, die sich wirklich sehr freuten, dass wir alle gemeinsam in einem Raum untergebracht waren. Monica, die wieder mal ein Bett unter mir bezogen hatte oder ich eins über ihr, wie man es sieht, schaute auf meinen Rucksack

   „Darf ich ihn mal anheben?“ fragte sie.

   „Klar doch“, antwortete ich ihr etwas verwundert. Sie versuchte meinen Rucksack mit einer Hand zu heben, aber das ging nicht. Bruno hatte das gesehen und wollte auch mal. Er hob ihn leicht an, ließ ihn dann aber mit einem lauten Pusten wieder ab.

   „Werner. Der ist viel zu schwer. Damit kommst du nicht in Santiago an.“

   „Da ist alles drin, was ich brauche“, entgegnete ich ihr. Was wollte die bloß immer mit meinem Rucksack? Ich musste den doch schleppen.

   „Du hast noch mehrere hundert Kilometer vor dir. Und mit dem Gewicht machst du dir deinen Körper kaputt.“ Ihr Ausdruck war sehr ernst.

   Dann schaltete sich Heike, die Physiotherapeutin ein.

   „Lass uns doch mal gemeinsam sehen, was du so alles eingepackt hast. Und wir schauen dann, ob du das wirklich brauchst, “  schlug sie vor. Zuerst dachte ich an Kindergarten und es war mir gar nicht recht. Aber da ich den Rucksack sowieso auspacken und aufräumen wollte, dachte ich, warum nicht?

   Und dann begann etwas, das ich so schnell nicht vergessen werde. Ich schnappte mir meinen Rucksack und öffnete ihn. Mir gegenüber nahmen Monica, Martin und sein Sohn Bruno, Heike, Peter und Toni auf den Betten Platz. Ich hatte den Rucksack mangels Erfahrung nach meinem Reiseführer gepackt. Da waren die Dinge, die ich auf jeden Fall brauchen würde, Dinge, die ich wahrscheinlich brauchen könnte, und die, von denen ich dachte, sie  unbedingt brauchen zu müssen.

   „Wo ist dein Zelt?“ fragte Monica.

   „Wieso Zelt? Hab ich nicht. Was soll ich mit einem Zelt?“ erwiderte ich entgeistert.

   „Warum schleppst du dann eine Isomatte mit dir rum?“

   „Ja stimmt“, wurde ich kleinlaut.

   „Weg damit!“ war ihr kurzer, knapper Kommentar. Gegen meine jeweils drei Paar Socken, Unterhosen und T-Shirts, meine Badeschlappen und die kurze Hose hatte sie mit einem knappen Wink und einem „ok“ nichts einzuwenden. Dann kam mein Verbandskasten zum Vorschein, und der entlockte ihr das erste unterdrückte Grinsen.

   „An was für einer Katastrophe willst du denn teilnehmen? Willst du bei einem Flugzeugunglück helfen?“ Ich zeigte den fast kompletten Inhalt eines handelsüblichen Auto Verbandskastens inklusive Aludecke vor. Die ersten fingen an zu lachen. Danach kamen meine spitzen Adidas Joggingschuhe zum Vorschein. Monica lachte.

   „Willst du zwischen deinen tausend Kilometer wandern auf dem Jakobsweg auch noch eine Runde joggen gehen?“ Es entwickelte sich ein Schlagabtausch zwischen Monica und mir. Die anderen lachten nur noch über die Situationskomik. Ich erkannte die Gelegenheit und ergab mich wehrlos in die Rolle des Vollidioten. Nach und nach zog ich völlig überraschende Dinge aus meinem Rucksack wie ein Zauberer aus seinem Zylinder und die Vorstellung war grandios. Ich versuchte zu erklären, warum ich dieses oder jenes doch so dringend auf dem Jakobsweg brauchen würde, aber das machte alles nur noch schlimmer. Nach ein paar Minuten standen den meisten die Tränen in den Augen.

   Selbst Monica brauchte immer wieder einen Moment, um Luft zu holen, bevor sie den nächsten Kommentar abgab. Martin  und Bruno lagen sich in den Armen. Zwischendurch ging die Tür auf und vom Flur aus schauten andere Pilger kurz herein, was denn hier abging. Ob es mein Maniküreset war, oder mein Barthaarschneider, nichts konnte sie beruhigen und so hatte auch ich vor Lachen die Tränen in den Augen stehen.

   Als ich dann zum guten Schluss von ganz unten meine feuchten Toilettentücher und meine Gesichtserfrischungstücher wortlos herauszog und die Gruppe diese erkannten, warfen sie sich vor Lachen auf den Boden. Es dauerte Minuten, bis sich alle wieder erholt hatten und es passierte im Laufe des Abends immer wieder, wenn mir jemand von meinen Freunden über den Weg lief, dass er oder sie spontan anfing zu lachen.

   Später am Abend sah ich Monica im Internet surfend am Computer sitzen. Die anderen waren in den Ort gegangen. Nachdem ich meinen Rucksack gereinigt und neu gepackt hatte, setzte ich mich wieder ins Restaurant. Im Fernseher liefen immer noch die Bilder der Überschwemmungen. Ich setzte mich wieder mit dem Rücken zur Mattscheibe und studierte meinen Reiseführer als Monica sich zu mir setzte. Das Lachen stand ihr immer noch ins Gesicht geschrieben.

   „Du bist schuld, wenn ich morgen Muskelkater habe“, sagte sie auf Englisch.

   „Für diesen Muskelkater bin ich sehr gerne verantwortlich“, grinste ich, „ich habe gesehen, dass du im Internet warst“, fragte ich sie.

   „Ja. Ich habe Emails von meiner Familie gecheckt.“

   „Und? Geht es deiner Familie gut? Ist alles in Ordnung?“

   „Ja, “ antwortete sie, „mein Bruder hat mir geschrieben und meine Mutter. Und was ist mit deiner Familie? Hast du Kontakt nach Hause?“

   „Nein, “ sagte ich, „ich habe mir die sechs Wochen ganz frei gemacht. Ich stehe diese Zeit völlig außerhalb meines bisherigen Lebens. Niemand kann mich erreichen. Egal, was zu Hause passiert, ich will es nicht wissen und komme erst nach dieser Zeit wieder zurück.“ Monica schaute mich jetzt wieder etwas ernster an.

   „Und deine Familie, Freunde und Arbeitskollegen wissen gar nichts? Machen die sich keine Sorgen?“ Ich erklärte ihr, dass ich eine Internetseite eingerichtet hatte, auf die ich täglich Kommentare, Fotos und kurze Videoclips sendete, um den zuhause Gebliebenen einen Einblick in das zu geben, was ich hier gerade mache.

   „Aha. Darum also die Kamera und das Stativ?“

   „Nein, “ erwiderte ich, „mit der Kamera und dem Stativ mache ich Aufnahmen, von denen ich später eine DVD über meine Reise machen will.“ Jetzt wurde sie noch ernster. Wir begaben uns nun in eine Diskussion, die wir beide nicht in unserer Heimatsprache führen konnten. Alleine deswegen legte ich jedes Wort auf die Goldwaage.

   „Ich gehe den Camino seit über sieben Jahren. Ich liebe den Camino. Aber in der letzten Zeit kommen zu viele Touristen. Sie zerstören den Weg.“ – Puhh... das musste ich erst mal sacken lassen. Monica erzählte mir, dass sie den Weg schon rauf und runter gelaufen war. Immer, wenn es ihre Zeit erlaubte, also wenn sie Urlaub hatte, ging sie auf den Weg. Manchmal für ein bis zwei Wochen, manchmal für wenige Tage oder auch nur für ein Wochenende.

   „Es hat in den letzten Jahren Veränderungen gegeben. Immer mehr Touristen laufen auf dem Weg. Pseudo-Pilger, die von der Natur und Mystik des Jakobsweges nicht die blasseste Ahnung haben, “ sagte sie eindringlich, „sie entweihen den Weg und sind für die Überfüllung der Herbergen verantwortlich. Richtige Pilger, die erst am Abend nach einer langen, anstrengenden Reise ein Bett suchen, stehen vor belegten Refugios, weil die Touristen nur kurze Etappen gehen, oder sich sogar teilweise fahren lassen.“

   Ihre Worte rührten mich zu tiefst. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mich auf diese Weise mit dem Jakobsweg zu beschäftigen.

   „Du wirst gegen Ende des Caminos, wenn du in die Nähe von Santiago de Compostela kommst Dinge erleben, die dich an meine Worte erinnern werden.“ Monica erzählte mir, dass die Spanier eine bessere Aussicht auf einen Job haben, die eine Compostela in ihre Bewerbungsunterlagen beifügten. Viele würden nur die letzten ein- oder zweihundert Kilometer gehen, die nötig sind, um die Compostela, also die Urkunde, die beweist, dass man den Jakobsweg gegangen ist, zu erhalten. Wirkliche Pilger würden immer seltener, je näher man Santiago kommen würde. Aber nicht nur die Spanier selbst würden den Camino nicht mit dem nötigen Respekt behandeln. Ein wahrer Boom auf den Jakobsweg hätte sich eingestellt.

   „Und wer zum Henker ist Hape Kerkeling?“ Die Frage hatte ich die ganze Zeit erwartet. Ich schmunzelte, denn ich wusste nicht auf Anhieb, wie ich sie beantworten sollte.

   „Jeder Deutsche, mit dem ich mich unterhalte, erwähnt seinen Namen und sein Buch. Ist das ein Philosoph, der plötzlich den Jakobsweg entdeckt hat?“ Ihre Frage schien berechtigt, aber ich bat Monica um eine Pause - ich hatte Hunger.

   „Ich besorge etwas“, sagte sie, stand auf und ging an die Theke zu Ralph. Nach einer Weile kam sie zurück und stellte mir ein Glas mit einem rötlichen Getränk auf den Tisch.

   „Das ist ein ganz besonderer spanischer Likör“, schmunzelte sie, „und gleich bekommen wir noch einen Rest vom heutigen Menü.“ Sie hatte etwas mütterlich Fürsorgliches an sich, dass ich gerade in diesem Moment sehr genoss.

   Martin kam mit Bruno aus dem Ort zurück. Für die beiden war die Reise zu Ende. Nach einer Woche Jakobsweg fuhren sie morgen früh mit dem Bus zurück nach Hause. Nach ein paar Minuten verabschiedeten sie sich, denn langsam wurde es Zeit fürs Bett. Monica löffelte die letzten Makkaroni und kam ohne Umschweife wieder zum Thema. Was sollte ich ihr jetzt über das Phänomen Hape Kerkeling und der Jakobsweg erzählen? Was hatte sie gefragt, Hape Kerkeling ein deutscher Philosoph? Sorry, Hape, aber das konnte ich nicht so stehen lassen. Sollte ich ihr sagen, dass er ein Komiker ist, der dadurch bekannt geworden war, dass er Königin Beatrix täuschend echt imitiert hatte? Oder dass er rote Mitropa Kaffeemaschinen und Plastik-Bambis an Prominente verteilte? Von Horst Schlämmer ganz zu schweigen.  Nein, das hätte wohl nicht wirklich geholfen.

   „Hape Kerkeling ist ein deutscher Entertainer, der sich dadurch auszeichnet, authentisch aufzutreten. Er stellt im deutschen Fernsehen genau das dar, was er ist. Er ist lustig und einfach sehr sympathisch.“ Ich sagte einfach, was ich dachte. Ich erzählte ihr, wie und warum er 2001 den Jakobsweg gegangen war. Dass sein Buch eigentlich nicht geplant gewesen, es in Deutschland aber trotzdem weit über drei Millionen mal verkauft wurde, und so den Jakobsweg erst richtig bekannt gemacht hatte.

   „Über drei Millionen mal“, staunte Monica, „dann ist es nicht verwunderlich, dass ihn hier jeder kennt. Hast du sein Buch auch gelesen?“

   Ich erzählte ihr, dass sein Buch, an das ich ja per „Zufall“ gekommen war, schon nach den ersten Seiten schuld daran sei, dass ich mich auf den Weg gemacht hatte.

   „Es ist nicht gut, wenn so viele Menschen auf den Camino kommen, “ Monica hatte wieder diesen ernsten Gesichtsausdruck, “er ist nichts für Touristen. Und wenn du auch nun mit deiner Internetseite und der DVD Werbung machst, kommen nur noch mehr.“

   Ich fühlte mich einen Moment geschmeichelt und erklärte ihr, dass ich mit meinen Aktivitäten doch sicher niemanden auf den Jakobsweg bringen würde.

   „Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, ob ich die Internetseite, Fotos und Aufnahmen vom Weg machen und veröffentlichen soll,“ erklärte ich ihr, während ich an diesem wirklich leckeren, spanischen Likör nippte, „und bin dann zu folgendem Schluss gekommen; Ich bin mit sehr empfindlicher, feinelektronischer Ausrüstung sechs Wochen bei Wind und Wetter unterwegs. Wenn jemand von „da oben“ etwas dagegen haben sollte, was ich hier mache, hat er hunderte Möglichkeiten, mir dies zu erkennen zu geben.“ Als ich die da oben erwähnte, wurde Monicas Blick noch eindringlicher.

   „Die Technik kann streiken, oder geklaut werden. Die Aufnahmen können Mist werden, zum Beispiel, wenn das Wetter so bleibt. Ich könnte mich verletzten, oder meinen Weg, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu Ende bringen. So viele Möglichkeiten mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen.“ Ich sah sie an und erkannte eine leichte Entspannung ihrer Gesichtszüge – sie lächelte sogar.

   „Gut, das ist fair. Wenn also etwas schief geht, lässt du es sein?“ Jetzt wurde aus ihrem Lächeln ein verschmitztes Grinsen.

   „Du brauchst gar nicht so zu grinsen, Monica. Ich habe tief in mir ein ganz starkes Gefühl. Mir wird hier nichts Schlimmes passieren. Ich fühle mich sehr beschützt, seit ich auf dem Weg bin. Jemand passt auf mich auf.“ Diese Worte taten ihre Wirkung.

   Ich musste ihr noch versprechen darauf zu achten, immer im Sinne des Camino zu berichten, auch wenn ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ich das tun sollte. Aber ich versprach es ihr - hoch und heilig.

   Die Tür öffnete sich kurz nach zweiundzwanzig Uhr und der Rest unserer Gruppe kam aus dem Ort. Als sie auf mich zukamen, fingen wieder einige an zu lachen. Sie hatten Tonis Geburtstag gefeiert. Und Geschenke aus der Boutique der Pilgerherberge hatte er auch bekommen. Nun sah er aus wie ein waschechter Tourist. Blaue Schirmmütze mit dem Jakobswegsymbol und ein dazu passendes T-Shirt mit einem riesigen gelben Pfeil auf dem Rücken.

   „Da pass aber mal auf, dass dir die Pilger nicht blind hinterher laufen.“

   „Oh, die Frauen können das ruhig machen, “ grinste er etwas angesäuselt, „was macht deine neue Jeans, passt sie?"

   Ich bedankte mich noch mal und gab ihm von meinem Likör zu trinken. In dieser lustigen Runde kam mir auf einmal der Gedanke, dass ich sie morgen wohl verlieren würde, denn ich wollte ja wegen des drohenden Unwetters einen Tag hier verbringen. Und plötzlich sank meine Stimmung ab. Ich verabschiedete mich, begab mich in Richtung Nachtlager und schlief mit ein wenig Wehmut ein.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD