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Der Jakobsweg in Spanien - Logrono

 

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Region La Rioja, 380 Meter Höhe, noch 630 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Der Weg führt durch Weinanbaugebiete mit rötlicher, da eisenreicher Erde. Die Region ist bekannt für einen sehr guten Wein.

 

Rotwein zapfen am Jakobsweg

 

Estella / Torres del Rio / Logrono

Unser Frühstück nahmen wir in einem riesigen Kantinenraum ein. Die Herberge, in der wir die Nacht verbracht hatten, war gleichzeitig auch eine Jugendherberge. Und im Moment war diese voll mit Teenies, die einer Sportveranstaltung gestern Abend beigewohnt hatten. Das konnten Monica und ich vor dem Einschlafen auch gut hören, denn einige der Jugendlichen verbrachten ihre Zeit bis spät in die Nacht vor der Herberge. Der orientierungslose, holländische Radfahrer war schon vor sechs Uhr aufgestanden und hatte sehr leise das Zimmer verlassen.

   Kurz nach sieben Uhr waren Monica und ich auch wieder auf dem Weg. Egal, wie die Stimmung auch war, mir ging es wieder einmal so – auf dem Weg ist alles gut. Und so war es auch – etwa einen Kilometer lang genau. Denn gerade als wir Estella verließen, fing es an zu regnen – und zu grollen. Dunkle Wolken zogen heran und aus der Ferne hörten wir Donner. Ein neuer Tag, eine neue Aufgabe. Ich blieb stehen.

   „Ich will nicht wieder nass werden“, sagte ich zu Monica. Sie grinste nur, denn das, was da heranzog, garantierte meine zweite Dusche an diesem Morgen zu werden.

   „Regen gehört zum Camino“, sagte sie, „wer nicht einmal wirklich nass wird, ist ihn nicht richtig gegangen. Du bist ein Pilger. Du kannst dich nicht vor jedem Schauer verstecken.“ Ein fernes Grollen unterbrach sie.

   „Komm, wir haben unsere Ponchos. Wir packen uns jetzt richtig gut ein und dann gehen wir weiter. Es gibt ganz hier in der Nähe etwas, dass ich dir zeigen will. Das wird dir gefallen.“

   „Na, wenn das so ist“, dachte ich, aber eigentlich hatte ich nur Angst wegen meiner Kamera. Wir packten uns gegenseitig ein. Monica wirbelte um mich herum, zupfte und zurrte alles an meinem Rucksack fest und kontrollierte, ob ich auch ganz dicht war.

   Es ging leicht bergauf und zunächst regnete es einfach nur. Dann aber fing es an zu schütten wie aus den berühmten Eimern. Urplötzlich bildete sich ein Rinnsal auf dem Schotterweg und das Gewitter kam näher. Wir kamen an die von Monica angekündigte Stelle mit Namen „Fuente de Vino“. Dieser Weinbrunnen befand sich an der Außenseite eines ehemaligen Klosterweingutes. Hier wurde ein guter Rotwein gemacht und daran wollte man die Pilger teilhaben lassen. Neben einem großen, massiven Hahn, aus dem Wasser quoll, befand sich doch tatsächlich ein Zweiter, der einen mit Rotwein versorgte.

   „Oh Mann, “ dachte ich mir,  das darfst du aber zu Hause nicht jedem erzählen. Reichlich guter Rotwein, und das auch noch umsonst.“ Vor Begeisterung vergaß ich einen Moment das Unwetter um uns herum, und ich hätte so gerne den Wein gekostet, obwohl es dafür vielleicht noch etwas zu früh am Tage war, aber irgend Jemand gönnte mir diesen Genuss nicht. Ich versuchte verzweifelt das, was da rot aus dem Hahn floss, in meine leere Wasserflasche zu füllen, aber obwohl die Öffnung der Flasche wirklich nicht groß war, floss gleichzeitig so viel Regenwasser mit in die Flasche, dass ich über die Qualität dieses Weines beim besten Willen kein Urteil abgeben konnte.

   Monica tippte mich an und deutete mir, wir müssten uns in Sicherheit bringen. Wie ein verzweifelter Alkoholiker machte ich einen letzten, vergeblichen Versuch und wandte mich traurigen Blickes von der kostenlosen Rotweinquelle ab. Ein Blitz schlug nicht weit von uns entfernt mit einem markerschütternden Knall ein. Ich zuckte zusammen und mir wurde klar, dass das jetzt kein Spaß mehr war.

   Wir mussten schnell weg von hier. Als wir auf den Weg zurück kamen, hatte sich das Rinnsal in einen richtigen Bach verwandelt, der uns zwang, neben dem Schotterweg, der nun nicht mehr zu sehen war, weiter zu gehen. Die Blitze zuckten jetzt so tief über uns hinweg, dass ich dachte, wir wären nun in den Gewitterwolken angelangt. Nun bekam ich Angst und Monica winkte mir einige Meter voraus, ich solle ihr folgen.

   „Also, wenn ich jetzt auf dem Jakobsweg pilgernd vom Blitz getroffen werde, dann muss es jemand aber recht eilig haben, mich zu sich zu holen“, dachte ich mir und versuchte idiotischer weise mich vor den Blitzen zu ducken. Das Regenwasser tropfte nicht mehr von meiner Schirmmütze herab, es floss jetzt vor meinen Augen. Ich lief hinter Monica her, die in einem winzigen Ort scharf links abgebogen war. Nun liefen wir bergab.

   Dann sah ich sie plötzlich nicht mehr. Als ich an einer Hausecke stand, zog sie mich an die Hauswand. Neben ihr standen weitere, triefende Pilger mit leidenden und ängstlichen Gesichtern. Und noch bevor ich erkannte, wo wir hier standen, hielt vor uns ein Bus. Ich schaute Monica an.

   „Los – rein da“, war ihr kurzes und deutliches Statement.

   „Mist“, dachte ich, „jetzt hat mich doch noch ein Bus verschluckt.“

   Während der Fahrt schwiegen und trieften wir vor uns hin. Die Scheiben im Bus waren beschlagen, sodass wir fast nichts von dem Gewitter draußen sehen konnten. Monica sah sehr nachdenklich aus. Auf der einen Seite waren wir froh, aus diesem Unwetter gerettet worden zu sein. Aber – wir waren Pilger. Und – wir saßen in einem Bus. Und der brachte uns nach Torres del Rio.

   An einem Fünf-Sterne-Hotel stiegen wir aus und begaben uns in das Cafe der Nobelherberge. So richtig erfreut waren die Angestellten dort nicht, denn wir tropften ihren schönen Holzfußboden voll. So bat man uns in einen Nachbarraum, wo wir unsere nassen Sachen ablegen konnten. Dann kam ein junger Mann in roten Anzug und stellte uns zwei Tassen Tee mit Gebäck auf den Tisch. Wir hatten noch gar nichts bestellt und so schauten wir uns verwundert an. Dann kam der Mann wieder mit zwei großen roten Handtüchern. Er sagte etwas zu Monica, was ich nicht verstand. Sie lächelte.

   „Wir können das kleine Zimmer nebenan nutzen, um uns trockene Sachen anzuziehen. Der Tee und das Gebäck sind ein Geschenk des Hauses. Sie wissen, dass wir Pilger sind.“

   „Na dann haben sie sich jetzt gerade um die Vermietung eines Zimmers gebracht. Ich wollte nämlich gerade eines für uns buchen, “ erwiderte ich. Ein kurzes, leises „Schade“ drang an mein Ohr.

   „Wie meinst du das, bitte?“ musste ich jetzt einfach fragen und bekam eine überraschende Antwort.

   „Weil das Hotel ausbucht ist – kein Zimmer frei. Aber die Idee war gut.“ Ihr verschmitztes Lächeln brachte mich durcheinander und machte mich verlegen. Sie schaute mich an, schnappte sich eines der Handtücher und verschwand in den Nebenraum.

   „Jakobsweg, Jakobsweg. Du gehst auf dem Jakobsweg, “ sagte ich zu mir und versuchte, meine Phantasie im Zaum zu halten. Nach einer Weile kam Monica wieder zurück und so konnte auch ich mir trockene Klamotten anziehen. Als ich damit fertig war, hatte Monica den Reiseführer studiert.

   „Bis Logrono sind es noch zwanzig Kilometer.“

   „Und was ist mit dem Regen? Ich will nicht noch mal nass werden, “ antwortete ich ihr.

   „Hier können wir nicht bleiben. Das nächste Refugio ist zehn Kilometer entfernt. Und – Werner - von Logrono aus fahre ich morgen per Bahn nach Hause. Ich muss Montag wieder ins Büro.“

    Diese Worte hatten eine seltsame Wirkung auf mich. Ich wusste, dass ihr Aufenthalt auf dem Jakobsweg zeitlich begrenzt war. Auch, dass sie nur diese Woche hier war, hatte ich irgendwann nebenbei mitbekommen. Aber ich hatte mich nicht darauf eingestellt. Zu Hause hätte mich mein Verstand darauf vorbereitet, aber hier? Hier auf dem Jakobsweg lebte ich so sehr im Jetzt und Heute, dass ich die Heimreise von Monica erst realisieren wollte, wenn sie gehen würde. Ich dachte nach und Monica schaute mich die ganze Zeit an.

   „Wenn du morgen wieder nach Hause fährst, will ich heute noch so lange wie möglich mit dir zusammen den Camino gehen.“ Ihre Augen glänzten. Sie stand auf und küsste mich.

   Der Regen hatte tatsächlich aufgehört, als wir vor das Hotel traten. Wir hatten uns noch herzlich bedankt für die fürsorgliche Hilfe des edlen Hauses und gingen an einem großen Reisebus vorbei, der mit laufendem Motor auf dem Vorplatz des Hotels stand. Auf seinem großen, leuchtenden und blinkenden Schild stand da „Logrono“.

   Monica erkannte die Situation, denn ich hatte ihr von den Versuchungen der bereitstehenden Busse, die meinen Weg gekreuzt hatten, erzählt. Sie lachte auf, hakte mich unter und zog mich weiter - auf den Jakobsweg.

   Dieser Tag, der so „bescheiden“ angefangen hatte, zeigte sich dann doch noch von seiner guten Seite. Die leicht hügelige Landschaft trocknete langsam  und wir konnten den Weg wieder fast geradeaus gehen, da die Pfützen auf den Wegen rasch abliefen und verschwanden. Wir begegneten einigen Pilgern, die sich auch sichtlich erleichtert über das schöne Wetter zeigten.

   Monica und ich wanderten den ganzen Tag schweigend nebeneinander her. In der Nähe von Logrono kamen wir an einen kleinen See, der an ein Waldgebiet grenzte. Wir suchten uns einen schönen Platz unter einem Baum und teilten uns unseren restlichen Proviant.

   Eine Weile schauten wir auf den See hinaus, bis Monica anfing, von ihren vergangenen Pilgerreisen auf dem Jakobsweg zu erzählen. Seit fast fünf Jahren wanderte sie bei jeder Gelegenheit auf Teilstücken „ihres“ Caminos, wie sie es nannte. Sie berichtete von Begegnungen, Ereignissen und Erfahrungen, die teils sehr intim und wundersam waren. Zum Beispiel die Geschichte eines Kanadiers, dessen Sohn einen schweren Motorradunfall gehabt hatte, und mit gebrochenem Genick im Krankenhaus im Koma lag. Die Ärzte hatten ihm keine Überlebenschance eingeräumt. Aber der Vater saß mit seiner Frau Tag und Nacht an dessen Krankenbett. Er war kein gläubiger Mensch, aber in der dritten Nacht fing er an zu beten. Er sprach zu Gott und bat ihn, seinen Sohn am Leben zu erhalten. Er wolle auch etwas Großes dafür tun.

   Der Sohn überlebte und ist heute wieder ganz gesund. Und so ging dieser Kanadier, der schon früher etwas über den  Jakobsweg gelesen hatte, diesen Weg. Er hatte Monica erzählt, dass er während des Wanderns fast nur am Weinen gewesen sei, weil er so dankbar über die Rettung seines Sohnes war.

   LogronoDann hatte sie einen Franzosen kennen gelernt, dessen Sohn schwer erkrankt an Leukämie im Krankenhaus lag und auf eine teure Operation wartete. Um das Geld dafür zu beschaffen, hatte sich der Siebenundsechzigjährige auf den Jakobsweg gemacht, nachdem er mit einem französischen Konzern, bei dem der Sohn beschäftigt war, eine Kilometerpauschale ausgehandelt hatte. Für jeden Kilometer, den er auf dem Jakobsweg zurücklegte, bekam er von dieser Firma eine Pauschale, so dass er am Ende, also in Santiago de Compostela, das Geld für die Operation zusammen hatte.

   Nun ereignete es sich aber unterwegs, dass der Mann seine Gelenke überanstrengte und nicht mehr gehen konnte. Eine Pilgergruppe aus Deutschland kümmerte sich um ihn, hakte ihn unter und trug ihn einen Teil des Weges, bis er wieder selbst laufen konnte. Zwar unter Schmerzen, aber eigenen Fußes erreichte er sein Ziel in Santiago. Monica hatte nach ihrer Reise mit dem Mann Kontakt per Email. Seine Gelenke hatten sich nach seiner Rückkehr wieder erholt. Und sein Sohn bekam seine Operation und ist heute wieder gesund.

   Diese Geschichten hinterließen bei mir einen tiefen Eindruck. Das Wandern merkte ich fast nicht. Es war aber auch die Art und Weise, wie Monica diese Geschichten erzählte. Sie war so ergriffen und gefestigt von „ihrem“ Jakobsweg. Er schien ihr Leben zu sein, dachte ich und genau in diesem Moment sah sie zu mir auf.

   „Ich liebe den Camino, “ sagte sie und ihre Augen waren dabei so tief und dunkel, wie ich sie bis dahin nicht gesehen hatte, „ und ich liebe den Apostel Sanitiago. Er ist mein Freund.“

   Einen Moment lang saß ich mit geöffnetem Mund vor ihr. So einem beeindruckenden Menschen war ich bisher nicht begegnet.

   „Komm, wir müssen weiter. Sonst gibt es für uns kein freies Bett mehr im Refugio.“ Sie hatte Recht. Es war mittlerweile nach zwanzig Uhr und so machten wir uns auf in die Stadt Logrono.

   In der ersten Herberge fanden wir auch schon unser Nachtquartier. Die Herbergsdame war eine Französin und sie machte einen recht strengen Eindruck. Die Herberge selbst, in der Altstadt von Logrono, war sehr sauber und ordentlich geführt. Im Garten gab es ein kleines rundes Wasserbecken, an das man sich setzen und seine Füße kühlen konnte.

   Als wir uns aufmachten noch ein kleines Pilgermenü zu ergattern, und an diesem Becken vorbeikamen, entdeckten wir den Belgier mit dem russischen Akzent, den wir das erste Mal in Artieda getroffen hatten. Er war mittlerweile alleine unterwegs. Seine Gruppe hatte sich aufgelöst. Einer von ihnen hatte wegen körperlichen Beschwerden aufgegeben und der andere, der aus der belgischen Legion, war so schnell unterwegs, dass er ihn hatte ziehen lassen. Rüdiger, dessen Name meiner Meinung nach weder zu einem Belgier noch zu russischem Akzent passte, hatte seit zwei Tagen schon Schwierigkeiten mit seinen Füßen und deshalb die letzten Tagesetappen kürzer gehalten. Das kühle Fußbad genoss er so offensichtlich, dass wir ihn erst gar nicht fragten, ob er mit uns in die Stadt gehen wollte.

   Unseren letzten gemeinsamen Abend verbrachten Monica und ich in einem gemütlichen, kleinen Restaurant. Zum Abschluss gab es noch einmal diesen spanischen Likör, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Wir stießen damit an und wünschten uns gegenseitig einen „Buen Camino“.

   Wieder zurück in der Herberge hatten wir dann keine Zeit mehr uns am Wasserbecken auszuruhen, denn die Herbergsmutter stand am Eingang und kontrollierte die Ankömmlinge. Sie schaute streng auf die Uhr und meinte, in zwanzig Minuten würde sie hier dicht machen. Während wir in den Schlafsaal kamen, herrschte ein wildes Gewusel. Etwa fünfzig Pilger machten sich fertig für die Nacht. Monica schlief wieder über mir und unsere Betten standen direkt an der Tür. Permanent stupste uns jemand im Vorbeigehen ins Bett, weil der Gang so eng war.

   Monica war vor mir fertig und schaute sich nun von oben meine Versuche an, mich bettfertig zu machen. Als ich das dritte Mal von einer diesmal recht korpulenten, älteren Dame in mein Bett geschupst wurde, und ich dies mit leisem vor-mich-hin-fluchen quittierte, fing sie an zu lachen. Und das sollte nicht mehr aufhören.

   Nachdem dann auch noch Punkt zehn Uhr das Licht ausging und ich nun im fast Dunkeln stand und wieder fluchte, wurde ihr Lachen lauter und sie kam nicht mehr aus der Nummer raus. Mitten in dem Saal voller Pilger, die jetzt eigentlich schlafen wollten, kicherte und lachte Monica immer wieder auf. Wenn sie sich ein wenig eingekriegt hatte und sich zu mir herunter lehnte, um mir gute Nacht zu sagen, warf ich ihr einen genervten Blick zu und sie prustete wieder los.

   Mit Monicas Lachen in den Ohren schlief ich an diesem Abend ein.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD