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Der Jakobsweg in Spanien - Najera

 

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Auf dem Jakobsweg

 

Logrono / Navarette / Najera

 Punkt Sechs Uhr ging das Licht an. Räuspern, Husten und Knurren drangen an mein Ohr. Was für ein akustischer Unterschied zu gestern Abend. Die Betten uns gegenüber waren schon leer und so war das Aufräumen und Einpacken etwas komfortabler als gestern. Monica grinste nicht mehr. Das tat sie morgens nie. Ihr Gesichtsausdruck mahnte eher „lass mich in Ruhe“.

   Kurz vor sieben verließen wir gemeinsam die Herberge. Die Altstadt von Logrono war dunkel und menschenleer. Monica wollte mich noch aus der Stadt begleiten. Ihr Zug ging erst am Nachmittag, also hatte sie noch viel Zeit. Sie fand für uns ein kleines Frühstücksrestaurant. Wir setzten uns in eine Ecke und genossen Rührei mit Schinken und einen guten Cafe` con Leche. Das Restaurant selbst war besucht von Nachtschwärmern, die ganz offensichtlich nach einer durchzechten Nacht hier noch eine Stärkung einnahmen auf dem Weg nach Hause ins Bett.

   Drei junge Männer frühstückten mit Bier und am Ohr eines gut gekleideten Mannes hing eine Dame aus dem horizontalen Gewerbe, die sich ein Bett für den Tag erhoffte. Ihre Kleidung war, wie ihre Körperhaltung, etwas lädiert und hier und da rutschten Körperteile heraus, die in der Öffentlichkeit besser verborgen bleiben sollten. Und mitten drin saßen Monica und ich, zwei Pilger auf dem Jakobsweg - eine bizarre Situation.

   Auf dem Weg aus der Stadt heraus kamen wir in einen großen Park. Wir schwiegen. Ich bemerkte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete. Ich wollte mich nicht trennen und alleine weiter gehen müssen. Aber als der Park zu Ende war und der Weg wieder richtig ausgeschildert war, blieb Monica stehen. Sie sah mich an und breitete ihre Arme aus. Ich schritt auf sie zu, wir umarmten uns und sie hauchte mir ein „Buen Camino“ ins Ohr. Sie löste die Umarmung, lächelte mich mit feuchten Augen an, drehte sich um und ging.

   Ich blieb noch stehen und schaute ihr nach. Und je weiter sie sich entfernte, desto mehr tat es weh. Das war ein ganz anderer Abschied, als unser erster in Puente la Reina. Wir wussten jetzt so viel voneinander  und waren uns so nahe gekommen.

   Wir waren gute Freunde geworden. Mir kamen die Tränen und ich hatte den kurzen Impuls ihr hinterher zu laufen, doch dann drehte ich mich um und folgte meinem anderen guten, neuen Freund, dem Camino.

   Der Weg begrüßte mich mit einem herrlichen morgendlichen Sonnenschein bei angenehmen Wandertemperaturen. Ich befand mich jetzt in der Region la Rioja. Die nächsten Tage, so stand es in meinem Reiseführer, würde mich der Weg durch ein riesiges Weinanbaugebiet führen. Und tatsächlich ist der Wein aus dieser Region weltbekannt. Über zweitausend Jahre reicht die Geschichte des Weinanbaus hier zurück.

   Ich wanderte durch diese schöne Landschaft und versuchte nicht an Monica zu denken. Alle meine Begleiter hatten sich in Luft aufgelöst und heute war eigentlich mein erster Tag, an dem ich richtig alleine unterwegs war.

Najera

 So begegnete ich auch keinem bekannten Gesicht – außer Luis, dem Spanier und guten Geist auf diesem Teilstück des Jakobsweges. Er überholte mich in seiner gewohnt hektischen Gangart und erkundigte sich nach meinem Befinden. Kurz darauf sah ich, wie er sich um zwei ältere Damen kümmerte, die etwas orientierungslos in der Gegend herum standen. Er kam mir vor wie der ADAC vom Jakobsweg. Überall, wo jemand „liegen geblieben“ war, hielt er an und half.

   Kurz nach Mittag wollte ich mir einen geeigneten Platz zum Rasten suchen, als ich am Wegrand eine kleine, offene Holzhütte entdeckte, in der einige Pilger saßen. Sie winkten mich zu sich und luden mich zum Essen ein. Ein Landwirt aus dem naheliegenden Dorf hatte mit seinem wackligen Traktor mehrere Kisten mit Obst, Wurst, Käse, Brot und – natürlich - Wein angekarrt.

   „Es ist Sonntag, “ sagte eine junge Frau auf Englisch „und jeden Sonntag ist aus dem kleinen Dorf eine andere Familie dran, hier am Weg den Pilgern Essen zu spenden.“ Dass Sonntag war, hatte ich gar nicht mitgekriegt, aber mir gefiel dieser Brauch sehr. Das Essen war köstlich, nur mit dem Wein musste man aufpassen, bei Sonnenschein mit dreißig Grad und noch etwa zwanzig Kilometer zu laufen. Da war das Risiko groß, sich nach dem ausgiebigen Mahl unter die Bäume zu legen und die Tagesetappe auf morgen zu verlegen. Der spendable Landwirt saß mitten unter den Pilgern und genoss sichtlich die Dankbarkeit und gute Laune, für die er sorgte.

   Bevor mich meine Mittagsmüdigkeit übermannte, schwang ich meinen Rucksack wieder auf und zog weiter. Es machte so richtig Spaß zu gehen. Das machte es eigentlich immer. Und trotz der Trauer von meinen Jakobswegfreunden, speziell von Monica getrennt zu sein, hatte ich immer ein sehr wohliges Gefühl in mir. Ich dachte oft, dass dies auch durch die Kraft und die Energie des Weges beeinflusst würde. Und die Menschen am und auf dem Weg waren alle sehr, sehr freundlich - ja herzlich.

   So schlenderte ich durch die Weinberge, die eigentlich Weinhügel waren und genoss den Sonntag. Ich hatte heute Morgen wie gewohnt nicht in meinen Reiseführer geschaut, um meine Tagesetappe zu planen. Das hatte bisher ja immer jemand anderer für mich mit gemacht. Ich wusste nur, dass ich heute etwa dreißig Kilometer vor mir hatte und der Zielort Najera hieß.

   Einer der typischen Wegweiser mit gelbem Pfeil und den Worten „Camino Santiago“ brachte mich zum Lachen. Ich erinnerte mich an die Geschichte, die mir Monica gestern auch erzählt hatte. Auf einer ihrer Reisen auf dem Camino hatte sie ein spanisches Pärchen kennen gelernt. Die beiden jungen Pilger waren auf Hochzeitsreise. Sie hatten sich vor genau drei Jahren hier auf dem Jakobsweg kennen gelernt. Sie gingen den Rest des Weges zusammen bis nach Santiago de Compostela und heirateten vier Wochen später. Und nun der Knaller! Ihre Namen. Sie heißt mit Nachnamen Camino und er heißt mit Vornamen Santiago. Und so stellen sie sich auch jedem vor.

   „Gestatten? Camino und Santiago.“ Unter Pilgern ein Brüller. Und wer die Geschichte kennt und sich vorstellt, wie herzergreifend und urkomisch diese Geschichte ist, der kann erahnen wie es auf dem Weg zugeht.

   So ernsthaft, mit Tiefgang, schön und romantisch und gleichzeitig mit einer Komik und Humor – so müsste eigentlich das ganze Leben sein.

   Ich erinnerte mich, was Monica und ich Tränen gelacht hatten, als sie mir diese Geschichte erzählt hatte und ich immer wieder „Camino und Santiago“ wiederholte. Überall auf dem Weg stehen Schilder mit ihren Namen.

   Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, erinnerte ich mich, dass Sonntag war. Und wie schon letzte Woche hatte ich mir vorgestellt, was die Familie und Freunde wohl gerade zu Hause machten, während ich hier durch Spanien wanderte. Mir kam in den Kopf, dass heute ein Formel-1 Rennen stattfand. Ich bin ein Fan seit über fünfzehn Jahren und verpasse eigentlich kein Rennen. Dieses würde ich wohl verpassen.

   „Schade, “ dachte ich mir, „aber dafür genehmige ich mir im nächsten Ort ein großes Glas Serveza con Limon, ein großes, kaltes Glas Bier mit Limonade.“ Als ich eine Stunde später einen Ort erreichte, steuerte ich schnurstracks auf eine Kneipe mit großem Coca-Cola Schild zu. In freudiger Erwartung einer kühlen Erfrischung näherte ich mich der Kneipe und vernahm mir bekannte Geräusche. Meine Schritte wurden schneller und als ich den kleinen Gastraum betrat, war der leer. Nur zwei ältere Männer saßen am Tresen und auf dem supermodernen, übergroßen Flachbildschirm drehten die Formel-1 Renner ihre Runden – live! Ich suchte mir den besten Platz und war für etwa eine knappe Stunde kein wahrer Pilger mehr.

   Es war mir ja am Anfang meines Weges immer mal passiert, dass ich dachte mein Tagesziel schon erreicht zu haben, und musste dann aber doch noch ein gutes Stück weiter. Beim intensiven Wandern mit meinen Freunden die letzten Tage war das natürlich nicht passiert. Heute hatte ich, wie schon erwähnt, nicht einmal in die Wegplanung geschaut, sondern war nur den Schildern von Camino und Santiago gefolgt. Ich war nun in einem größeren Ort angekommen und sah einen Fahrradpilger an einem kleinen Geschäft stehen. Er hatte sich gerade mit Obst eingedeckt. Ich fragte ihn, wo wir hier sind.

    „Najera“, war seine Antwort. Ich war dreißig Kilometer gewandert und hatte mein heutiges Ziel erreicht, ohne es zu merken.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD