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Der Jakobsweg in Spanien - Santo Domingo de la Calzada

 

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Santo Domino de la Calzada

 

Najera / Santo Domingo de la Calzada

 Die Pilgerherberge in Najera lag sehr schön direkt an einem Fluss. Ich hatte mich entschlossen, meine Fotos und Filme zu sortieren und die Akkus aufzuladen.

   Also hatte ich mir wieder einmal den Luxus eines kleinen Hostals mit eigenem Zimmer und Bad gegönnt. Als ich früh am Morgen noch leicht verschlafen die Türe zur Straße öffnete, blickte ich in die dunklen Augen eines großen Esels. Panikartig schloss ich die Tür wieder und fragte mich einen Moment, ob ich doch noch schlummernd in meinem Bett lag. Zwei Minuten später öffnete ich die Tür wieder und der Esel war immer noch da – neben ihm stand nun ein Polizist. Der Esel sah nicht freundlich aus und der Polizist auch nicht. Der Gesetzeshüter versuchte den entlaufenen Esel etwas abzudrängen und so huschte ich auf die Straße. Ok - wach war ich jetzt.

   Bei strahlendem Sonnenschein führte mich mein Weg in eine Landschaft, in der die Weinberge weniger wurden und mehr Kornfelder in Sicht kamen. Diese Gegend, in die ich mich nun  aufmachte, hieß Tierras de Campo und wurde auch die Kornkammer Spaniens genannt. Kurz hinter Najera lief ich mitten in eine Schafherde hinein und erinnerte mich lachend an den Anblick der dunklen Augen des Esels von heute Morgen.

   Meine heutige Etappe war meinem Reiseführer nach nur knapp über zwanzig Kilometer lang, also ließ ich mir etwas Zeit beim wandern. In Azofra, einem kleinen Ort am Weg hatte ich mein zweites Frühstück eingenommen und in Ciruena, zehn Kilometer weiter ein vorzügliches Mittagsessen. Jetzt merkte ich allerdings, dass ich mit einem ziemlich vollen Magen unterwegs war. Zu Anfang des Weges, auf dem Camino Aragon sind die Möglichkeiten sich mit Nahrungsmittel einzudecken, eher knapp.

  Santo Domingo de la CalzadaHier heißt es jede Möglichkeit wahrzunehmen sich einzudecken. Wenn es etwas zu trinken gibt, trink. Wenn es etwas zu essen gibt, iss. Automatisch bist du fast überall eingekehrt, wo es etwas Essbares gab. Aber ich glaube, jetzt sollte ich mich langsam umstellen. Denn so wie heute komm ich nicht weit. Da ich aber, wie schon erwähnt, Zeit hatte, suchte ich mir am Nachmittag ein schattiges Plätzchen und machte Siesta. Ich musste kurz eingenickt sein, denn als ich meine Augen öffnete, stand mir jemand in der Sonne.

   „Hallo, du Faulpelz, “ sagte eine weibliche Stimme zu mir. Aber ich konnte nichts erkennen, weil die Person direkt in der Sonne stand. Als sie merkte, dass ich nichts sehen konnte, trat sie aus der Sonne. Es war Ronja aus Luxemburg. Ich hatte sie heute Vormittag bei der Schafherde kurz getroffen und ihr bei Ihrem Rucksack geholfen.

   „Ich muss dir danken. Seit du mir heute Morgen den Rucksack richtig verzurrt hast, ist das Wandern noch mal so schön.“ Ich bat sie sich zu mir zu setzen. Als ich sie heute Morgen gesehen hatte, war mir aufgefallen, dass sie ihren Rucksack völlig falsch verzurrt hatte. Die Tragriemen waren überhaupt nicht eingestellt – kurzum, ihr Rucksack hing auf halb acht. Ich hatte ihr vorsichtig zu verstehen gegeben, dass sie es einfacher haben würde, wenn sie die Riemen richtig einstellen würde. Dann blieb sie plötzlich stehen und sagte spontan:

   „Toll, dann mach` doch.“ So zerrte und zurrte ich an der mir völlig fremden Frau mitten auf dem Weg herum, bis alles passte. Ronja war dreiunddreißig Jahre alt und hier auf dem Jakobsweg für zwei Wochen allein unterwegs. Sie hatte noch nicht in einer einzigen Pilgerherberge übernachtet, weil sie sich davor ein wenig zu fürchten oder zu ekeln schien. Nach ihren Erzählungen stammte sie aus einem reichen Elternhaus. Der Vater war Bankier, die Mutter Kunsthändlerin und beide waren total dagegen gewesen, dass sich ihr Töchterchen allein auf den Jakobsweg begeben würde.

   „Du hast aber einiges verpasst, wenn du nicht in den Refugios übernachtest, “ sagte ich, „ eigentlich hast du dann einen wichtigen Teil des Weges gar nicht mitbekommen.“ Ronja war neugierig zu erfahren, wie es denn so in den Pilgerherbergen zugehen würde. Sie hatte sich wohl schon ein paar angeschaut, aber sich nie überwinden können einzuchecken.

   Während wir uns gemeinsam wieder auf den Weg gemacht hatten, berichtete ich ihr von meinen Erfahrungen in den Herbergen. Von der Atmosphäre gemeinsam mit teils bis zu fünfzig Pilgern gleichzeitig in einem Raum zu übernachten. Der Enge, die in den Gängen und Räumen herrschte, der Geräuschkulisse der Menschen, die ich in dieser Form nie für möglich gehalten hatte, den saumäßig unbequemen Stockbetten, sowie den Warteschlangen vor den sanitären Einrichtungen. Ich erzählte von den Dingen, die man nie hatte sehen wollen, wenn sich die Pilger umzogen oder duschten und den Gerüchen, die einem manchmal in die Nase drangen.

   „Toll“, rümpfte Ronja die Nase, „gibt es auch etwas positives zu erleben in den Herbergen?“ 

   Ich erzählte ihr, wie ich schon in den ersten Tagen meiner Reise gute Freunde gefunden hatte, von unseren gemeinsamen Essen, den interessanten und tiefgreifenden Gesprächen und den Bauchschmerzen vom Lachen, die wir oft hatten.

   „Und in dem Ort, wo wir heute Station machen, gibt es das älteste Refugio auf dem ganzen Jakobsweg“, gab ich stolz die Information preis, die ich meinem Reiseführer entnommen hatte.

   Die Klosterherberge wurde im Jahr 1044 gegründet. Ronja schien von meinen Worten einigermaßen beeindruckt gewesen zu sein, obwohl sie einige Minuten gar nichts mehr sagte. Dann blieb sie wieder abrupt stehen, das war so ihre Art, wenn sie etwas Wichtiges zu sagen hatte.

   „Übernachten wir da heute zusammen?“ fragte sie mich mit großen Augen. Ich grinste mir innerlich einen. Das feine Töchterchen aus gutem Hause wollte in der ältesten Pilgerherberge am Jakobsweg ihre erste Nacht in einem Refugio verbringen.

   „Klar, “ grinste ich immer noch, „ wenn die noch zwei Betten für uns frei haben.“ Wenig später erreichten wir unser Ziel, Santo Domingo de la Calzada, eine der prominentesten Stationen am Jakobsweg. Und wir entdeckten auch schnell die betagte und von außen sehr unscheinbar wirkende Pilgerherberge.

   Doch im Innern konnte man das Flair der Jahrhunderte förmlich spüren. War es draußen mittlerweile sehr warm geworden, umgab einen beim Betreten der Herberge eine angenehm kühle Brise. Dicke, alte massive Türen überall, Holzdecken und ein abgenutzter Steinfußboden zeugten von Zehntausenden, ja Hunderttausenden von Pilgern, die diesen Ort schon betreten hatten. Das Gefühl, das mich überkam, war eher die Ehrfurcht, die ich verspürte, wenn ich eine Kapelle, Kirche oder Kathedrale betrat und nicht, wie hier eine Herberge. Ja! Hier wollte ich auf jeden Fall übernachten.

   Und was war mit Ronja? Ich schaute mich um,  konnte sie aber nicht entdecken. Nach kurzer Suche fand ich sie im großen Schlafsaal. Madame schien meine Begeisterung nicht zu teilen.

    „So viele Betten in dem großen Saal. Da kann ich bestimmt nicht gut schlafen, “ nörgelte sie.

   „Was willst du schlafen? Hier hast du die Gelegenheit, dem Geist des Jakobsweges etwas näher zu kommen.“

   „Und die Toiletten und Duschen sehen auch nicht so gut aus“, moserte sie weiter und mir war klar, dass das mit uns hier nichts würde. Und so verabschiedete sich Ronja von mir und wünschte mir etwas verlegen eine gute Nacht und einen guten Weg.

   Ich war froh, einen Schlafplatz gefunden zu haben und machte mich am späten Nachmittag frisch geduscht auf zur Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada, um die sich eine interessante Legende rangt.

   So soll im sechzehnten Jahrhundert eine deutsche Pilgerfamilie hier im Ort Rast gemacht haben. Die Wirtstochter verliebte sich dabei in den Sohn der Familie. Der aber wies die Wirtstochter zurück. Aus Rache darüber bezichtigte sie ihn des Diebstahls und er wurde kurz danach vom Richter  zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Eltern des jungen Mannes  pilgerten nach Santiago de Compostela und beteten beim Heiligen Jakobus um das Leben ihres Sohnes.

   Auf dem Rückweg von Santiago trafen sie dann kurz vor den Toren von Santo Domingo de la Carzada auf ihren Sohn. Der hatte zwar den Strick um den Hals, stand aber auf den Schultern des Heiligen Jacobus. Als die Eltern in den Ort kamen um dieses dem Richter zu erzählen, war der gerade beim Essen, und er antwortete ihnen: „Ihr Sohn ist so tot wie das Brathuhn auf meinem Teller.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, krähte das Huhn auf seinem Teller und flatterte davon.

   Santo Domingo de la CalzadaSeit diesem Tag, und das ist das Besondere hier in dieser Kathedrale, befinden sich immer zwei lebendige, weiße Hühner mitten im Kirchenraum. Und es gilt als Glücksfall, wenn eines der Hühner beim Betreten der Kathedrale kräht. Das wollte ich natürlich ausprobieren.

   Bevor ich durch den Seiteneingang trat, musste ich kurz an Monica denken, die mir von diesem Ort berichtet hatte. Ich schaltete die Diktierfunktion meines Handys ein und betrat das Innere des Gotteshauses. Mit einem lauten „Kikeriki“ begrüßten mich gleich beide Hühner. Sie saßen mitten in der Kirche in einem kleinen, beleuchteten Käfig. Ich setzte mich, um mir das Schauspiel anzusehen und anzuhören.

   Die Viecher waren so laut, dass ich mich fragte, wie hier eine anständige Messe abgehalten werden konnte. Mein Reiseführer informierte mich dann auch noch darüber, dass die Tiere alle drei Wochen ausgetauscht werden. Da kann man nur hoffen, dass sie nach ihrem Dienst in der Kirche nicht beim Richter als Brathuhn auf dem Teller landen.

   Nachdem ich etwas später wieder auf dem Platz vor der Kathedrale stand und ein paar Aufnahmen mit meiner Kamera machte, huschte eine mir bekannte Person vorbei. Es war Ronja, die mich nicht entdeckte. Sie kam doch tatsächlich aus dem Hotel, das am Hauptplatz vor der Kathedrale stand. Und dieses Hotel war nicht einfach nur irgendeines. Nein.

   Es war ein „Parador Nacional“, eines der besten staatlich geführten Fünfsterne-Hotels des Landes. Ich tippe mal, für die Übernachtungskosten einer Nacht kann sich ein Pilger gut und gerne eine Woche mit allem über Wasser halten – mindestens.

   „Na ja, “ dachte ich, „wenigstens macht die Tochter aus gutem Hause keine halben Sachen“. Noch auf dem Vorplatz sitzend schickte ich die Audio Aufnahme der glücksbringenden Hühner an Monicas Email Adresse - und landete damit einen unerwarteten Treffer. Denn später am Abend bekam ich eine SMS von ihr auf mein Handy.

   Beim folgenden Telefonat bedankte sie sich überschwänglich bei mir. Sie war zwar schon dreimal in der Kathedrale gewesen, aber die Hühner hatten ihr immer das ersehnte Begrüßungskrähen verweigert. Sie war ganz aus dem Häuschen und ich fand es toll, ihr, die so viel über den Jakobsweg wusste, und selbst erfahren hatte, ein solches Geschenk machen zu können.

   Abends im Refugio, das nur zur Hälfte belegt war und so jedem Pilger ein bisschen Platz bot, dachte ich über Ronja nach, die jetzt gerade ihren Fünfsterneluxus genoss. Wie unterschiedlich doch die Pilgerreisen auf dem Jakobsweg verliefen. Aber ich war mir sicher, dass es solche eklatanten Unterschiede schon immer gegeben hatte.

   Zu jeder Zeit gab es arme und reiche Menschen. Der Unterschied jedoch lag darin, dass es in den Refugios heutzutage sehr viele Menschen gibt, die sich auch ohne weiteres eine bessere Herberge leisten konnten, sich aber lieber ganz bewusst diesen wichtigen Teil des Pilgerweges ausgesucht hatten.

Santo Domingo de la Calzada

 Dann tippte ich noch eine SMS an Monica und erinnerte mich daran, dass ich mein Handy eigentlich nicht benutzen wollte. Kein Kontakt nach Hause, und auch für zu Hause nicht erreichbar zu sein, war eine der wichtigsten Vorgaben für mich bei meinem Aufenthalt gewesen. Sechs Wochen wollte ich wie in einem Zeitfenster außerhalb meines Lebens verbringen. Und dazu gehörte die Unerreichbarkeit als ein Luxusgut für mich dazu. Aber dann dachte ich darüber nach, dass der Kontakt zu Monica doch etwas anderes war. Sie war jetzt schon ein Teil meines Jakobweges gewesen.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD