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Der Jakobsweg in Spanien - Granon

 

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Santo Domingo de la Calzada / Villamayor del Rio

 Es wurde langsam hell, als ich die Herberge verließ, und zu früh, um jetzt schon ein Frühstück zu bekommen. Also marschierte ich los mit Marsriegel und einer Dose Isodrink zur Stärkung sowie der Hoffnung auf ein ausgiebigeres, zweites Frühstück im sieben Kilometer entfernten Granon. Strahlend blauer Himmel, die Schattenspiele der in meinem Rücken aufgehenden Sonne und die Eindrücke der vergangenen Nacht in dieser altehrwürdigen Pilgerunterkunft ließen mich fast schon über den Schotterweg schweben.

      So erreichte ich den kleinen Ort Granon und direkt neben der unscheinbaren, kleinen Kirche fand ich einen angenehmen Platz im Freien und ein leckeres Frühstück mit, zum wiederholten Male, hervorragendem Kaffee. Zwei, drei unbekannte Pilger zogen grüßend an mir vorbei und ich betrachtete die kleine Kirche. In jedem noch so kleinen Ort stand eine solche.

   Auf dieser hatten Störche ihr Nest gebaut, sie waren aber leider im Moment nicht zu Hause. Die Türe der Kirche stand offen und ich wollte meine Neugierde befriedigen, wie sie wohl im Innern aussehen würde. Und - wow – von außen eher schlicht und ungepflegt, war sie innen jedoch sehr schön.

   Es war niemand hier, aber der Hauptaltar war hell beleuchtet – warum nur? Vielleicht, damit ich ein schönes Foto machen konnte? Ich setzte mich in die erste Bank und wunderte mich über diese wunderschöne Handwerkskunst. Auch sah die Kirche von außen gar nicht so groß aus. Der Vollständigkeit halber fügt mein Reiseführer noch den Namen hinzu: Iglesia de San Juan Bautista, erbaut im vierzehnten Jahrhundert.

   GranonIch verließ Granon in eine Ebene mit abgeernteten Weizenfeldern, die sich nun kurz vor Mittag anfingen merklich aufzuheizen. Ich war guter Dinge und freute mich wieder einmal, einfach nur wandern zu können. Meine Gedanken schweiften umher und wurden dann von spanisch sprechenden Stimmen wieder eingefangen. Eine vierköpfige Familie hatte mich bis auf hundert Meter eingeholt. Vater und Sohn gingen voraus, Mutter und Tochter folgten. Alle vier unterhielten sich sehr angeregt und laut. Zu laut für meinen Geschmack und so versuchte ich mein Tempo zu steigern, um ihrem Disput zu entkommen. Ging aber nicht. Sie waren mit Handgepäck unterwegs und so kamen sie immer näher, bis ich mich entschloss, sie vorbei zu lassen.

   GranonEine tolle Gelegenheit dazu bot sich, als ich einen großen Grenzstein von Camino und Santiago erreichte, der mich darüber aufklärte, dass ich die Region La Rioja verließ und nun in der autonomen Region „Castilla y Leon“ pilgerte. Hier machte ich eine kurze Rast, um die lautstarke, spanische Familie vorbei ziehen zu lassen. Ihre Diskussionen unterbrachen sie nur, um mir ein „Buenos Dias“ zu wünschen. Ihre Lautstärke war hier genauso unangebracht und störend wie in einem Ruheraum in der Sauna.

   Als ich meinen Rucksack wieder aufsetzen wollte, kullerte mir mein MP3 - Player aus einer der Seitentaschen. Auf ihm hatte ich mir, wie schon erwähnt, für die Reise ganz ausgesuchte Musik kopiert. Bisher hatte ich ihn aber nicht oft eingesetzt. Und da ich den fremden Krach gerade losgeworden war, wollte ich über den Folgenden wenigstens selbst bestimmen.

   Während ich nun bei merklich gestiegenen Temperaturen weiterging in eine Landschaft, die auch eine Steppe hätte sein können, drückte ich auf die Playtaste und in der nächsten Sekunde standen mir alle Nackenhaare hoch. Der Player gab mir den original Soundtrack zu einem John Wayne Western aus einer Wild-West CD auf die Ohren. „The Sons of Katie Elder“ fuhr mir in Verbindung mit der Umgebung und meiner Stimmung durch meinen ganzen Körper.

   Wenn der gute John Wayne auf seinem Braunen mich im Galopp überholt hätte, es hätte mich nicht im Geringsten gewundert. Ich sang und pfiff den Song wieder und wieder mit und ich kann mich nicht erinnern, einmal so lange an einem Stück eine Gänsehaut gehabt zu haben.

   Energiegeladen wie sonst was wanderte ich weiter und am frühen Nachmittag wurden die Temperaturen sehr warm. Mit schätzungsweise um die dreiunddreißig Grad erlebte ich heute meinen wärmsten Tag. Wie hatte es mein Reiseführer beschrieben: In der baumlosen Gegend wird es im Sommer sehr heiß. Ich war nass geschwitzt und langsam merkte ich, wie mir leicht schwindelig wurde.

   Ich hielt Ausschau nach einem schattigen Plätzchen, aber da gab es keines. Nun dachte ich darüber nach, was ich bisher so alles zu mir genommen hatte und merkte, dass ich heute wohl meinen süßen Tag hatte. Außer dem Frühstück in Granon hatte es lediglich Mars Riegel, Eis am Stiel und Cola Light gegeben. Klar, davon kann einem dann nach fast zwanzig Kilometer bei hohen Temperaturen und Rucksack schleppen schon mal schummrig werden. Zum Glück erreichte ich bei stark gedrosseltem Tempo den Ort Villamayor del Rio und fand schnell ein Fernfahrer Restaurant. Draußen saß eine Gruppe Schweden, die mir die letzten Tage immer mal wieder begegnet war. Sie versuchten einen Plausch auf Englisch, aber darüber, aus welchen Ländern und Städten wir stammten, kamen wir nicht hinaus.

   Trotzdem ich nun im Schatten saß, ging es mir nicht besser. Also beschloss ich, mir drinnen etwas zu essen zu besorgen. Ich öffnete die Türe zum Gästeraum und erhielt einen Schlag. Der Raum war klimatisiert, aber so was von! Das fand mein Kreislauf jetzt nicht wirklich witzig und ich machte auf dem Absatz kehrt.

   Wieder draußen suchte ich Rat in meinem Reiseführer. Der nächste Ort, mein eigentliches Ziel für heute war noch etwa sechs Kilometer entfernt – bei meinem Zustand und der Hitze nicht zu machen. Bei diesem Gedanken fuhr ein Bus vor und ich brauche nicht zu sagen, welcher Ort sein Ziel war.

   „Nix da!“ hörte ich die Stimme von John Wayne in mir sagen.

   Im Ort, etwas abgelegen, gab es eine Herberge. Ich wollte in meinem Zustand nur noch aus der Sonne und mich hinlegen. Dass die angekündigte Herberge nur eine Bewertung von eineinhalb Muscheln hatte, störte mich jetzt gar nicht. Fünfhundert Meter kriechenden Ganges später kam ich an der wirklich abgelegenen Herberge an, wo mich drei kleine, spielende Katzen begrüßten. Die Herbergsfamilie wohnte mit im Gebäude.

   Die Tochter empfing mich freundlich, zeigte mir ein freies Zimmer mit vier Einzelbetten und stempelte mir den Pilgerpass. Ihre Mutter sei beim Einkaufen, ich solle es mir schon mal gemütlich machen. Das musste ich nicht zweimal hören. Ich legte mich auf mein Bett und schlief sofort ein.

   Zwei Stunden später wachte ich auf und begab mich nach einer Dusche in den Garten der Herberge. Mittlerweile waren andere Pilger eingetroffen, die sich an einem großen Gartentisch im Schatten unterhielten. Ich grüßte kurz, hatte aber keine Lust mich zu unterhalten. Ich entdeckte eine Waschstelle und entschloss mich, meine Klamotten wieder einmal einer Handwäsche zu unterziehen. Es war sehr windig geworden und hier auf dem freien Feld sorgte diese Brise dafür, dass die Wäschestücke auf der Leine fast so schnell getrocknet wurden, wie in einem Wäschetrockner.

   Die Leiterin der Herberge kam heraus mit einem Zettel in der Hand. Sie unterhielt sich mit den Pilgern am Tisch und kam dann auch zu mir.

   „Möchten sie heute Abend an unserem gemeinsamen Essen teilnehmen?“ fragte sie mich auf Englisch, „es gibt eine Suppe, Kartoffeln, Gemüse und Fleisch.“ Natürlich sagte ich sofort und gerne zu. Sie notierte meinen Namen auf der Liste und schaute mich noch einmal an.

   „Geht es ihnen gut?“ fragte sie.

   „Ja“, war meine Antwort. Ich musste wohl immer noch etwas angegriffen aussehen, obwohl es mir nach dem Schläfchen wieder besser ging. Als ich wieder in mein Zimmer kam, waren dort gerade zwei ältere Männer damit beschäftigt, ihre Klamotten zu sortieren und sich einzurichten. Beide begrüßten mich freundlich und ließen mit ihren Sprachen keinen Zweifel über ihre Herkunft. Der eine war aus der Schweiz und der andere konnte nicht sehr weit von meinem Heimatort aus der Nähe von Köln stammen.   

   Wir trafen uns am späten Nachmittag im Garten wieder. Normalerweise hatte ich es immer erlebt, dass nach dem Duschen und Umziehen die Pilger in die Stadt spazieren oder essen gingen. Aber hier konnte man nicht weggehen. Selbst der entfernte Ort Villamayor del Rio bestand eigentlich nur aus der Fernfahrer Raststätte mit Motel und ein paar baufälligen, verlassen wirkenden Häusern.

   Ich hatte mir eine Liege gegriffen und genoss den jetzt sehr angenehmen, warmen Wind. Mein Handy piepste und Monica erkundigte sich per SMS wo ich sei und wie es mir ginge. Zurücksimsen war mir jetzt zu anstrengend und so rief ich sie einfach an. Ich erzählte ihr von meinem heutigen Tag, dass es mir nicht so richtig gut ginge und dass ich nun hier in einem einsamen, verlassenen Ort eine Unterkunft bezogen hatte. Zu meinem Verwundern kannte sie aber auch diesen Ort, nur die Herberge nicht.

   „Na wenigstens etwas, was ich dir voraus habe, “ sagte ich ihr. Sie lachte und machte es spannend, mir etwas zu sagen. Sie sei morgen beruflich ganz in meiner Nähe unterwegs.

   „Wenn du Lust hast, könnten wir uns sehen. Wir könnten zusammen nach Burgos fahren und ich zeige dir die Kathedrale.“ Einen kleinen Moment war ich sprachlos.

   „Monica. Das ist ja eine schöne Idee. Ich würde mich auch sehr freuen, dich zu sehen. Aber ich bin ein Pilger. Ich kann doch nicht mit dem Auto durch die Gegend fahren.“ Monica lachte laut.

   „Das ist süß. Es freut mich, dass du Deine Pilgerschaft so ernst nimmst. Aber ich hatte gedacht, dass du dir morgen Mittag eine Herberge suchst und ich dich dort abhole. Wir fahren dann gemeinsam nach Burgos und abends bringe ich dich wieder zurück.“

   „Hm“, erwiderte ich, „da muss ich aber erst in mein Jakobsweg- Regelbuch schauen, ob das erlaubt ist.“ Sie lachte wieder und wir verabredeten uns für den nächsten Tag in einem Ort, etwa fünfzehn Kilometer von meiner Herberge entfernt.

   Ich hatte den Garten während des Telefonierens hinter das Haus verlassen. Als ich nun wieder um die Ecke bog, blickte ich in ein bekanntes Gesicht. Rüdiger, der Belgier hatte sich zu den beiden Männern gesetzt, mit denen ich das Zimmer teilte. Aber noch bevor wir anfangen konnten zu plaudern, kam die Herbergsmutter heraus und rief uns zum Essen hinein. Mittlerweile hatte ich einen Bärenhunger. Der Tisch war schön gedeckt, Rotwein und Brot standen auf dem Tisch und Suppe wurde verteilt.

   Mir gegenüber saß ein sehr kräftiger Mann. Ich gebe zu, dass ich mir als erstes die Frage stellte, wie der denn mit seinem Übergewicht diesen Weg gehen könnte. Er sprach Englisch und im Laufe des Abends kam heraus, das sich Eric von Kanada aus auf den Weg gemacht hatte hier nach Europa, nach Spanien, auf den Jakobsweg – wow!

   Das gesamte Essen war hervorragend. Ich würde es als gut bürgerliche Küche bezeichnen, genau mein Ding. Ich durfte wieder einmal ein gemütliches Abendmahl mit sehr netten Menschen genießen. Ich musste kurz an Ronja denken und daran, dass sie diese besonderen Momente nie erleben würde.

   Später hatten wir Männer uns noch im Garten getroffen, jeder mit einer Dose Bier bestückt. Ulrich, der Schweizer war ein Unternehmer aus der Nähe von Zürich. Er hatte eine große Firma und war eine Woche alleine unterwegs.

   „Meine Frau teilt leider nicht mein Hobby. Also wandere ich immer mal ein paar Tage alleine umher. Vor einem Jahr habe ich dann den Jakobsweg entdeckt.“ Der andere Mann sprach nicht viel. Als er dann doch mal zwei Sätze von sich gab, musste ich ihn einfach fragen, woher er kam.

   „Ich komme aus Bergheim“, war seine Antwort und ich nickte bestätigend.

   „Dann sind wir ja Nachbarn.“

   Rüdiger sagte mir, dass er immer noch Probleme habe mit seinen Füßen und seine Tagesetappen immer noch kurz halten musste.

   „Wo ist denn Monica, die schöne Spanierin, mit der du noch in Logrono zusammen warst?“ fragte er und sofort sahen mich die beiden älteren Herren erwartungsvoll an.

   „Monica ist von Logrono aus wieder nach Hause gefahren. Sie arbeitet seit Montag wieder.“ Die Gesichter der Männer wirkten enttäuscht.

   „Aber – morgen holt sie mich in der Herberge ab und wir fahren nach Burgos.“ Jetzt blitzten die Augen der Männer wieder auf.

   „Hast du eine Beziehung mit der Frau?“ war die, wie ich fand, etwas indiskrete Frage des Schweitzers. Jetzt wurde ich fast etwas verlegen.

   „Sie bringt mir wichtige Dinge über den Jakobsweg bei. Sie hilft mir sehr, “ versuchte ich abzuwiegeln.

   „Ach so nennt man das bei euch in Deutschland, “ stellte der Schweizer fest.

   Es folgte eine Diskussion über Frauen, wobei das vermeintlich schwache Geschlecht richtig gut wegkam. Es war keines dieser flachen Kneipen-Blablas. Für ein Gespräch nur unter Männern kam erstaunlich oft das Wort Liebe vor. Als die Sonne untergegangen war, leuchtete an der entfernten Hauptstrasse an der Wand des Restaurants eine rote Neonreklame mit der unmissverständlichen Aufschrift „Bar“ und „Girls“. Einen knappen Kilometer weiter begaben wir uns zur Nachtruhe.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD