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Der Jakobsweg in Spanien - Villafranca Montes de Oca

 

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Region Castilla y Leon, 950 Meter Höhe, noch 520 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Der Weg führt in eine wundervolle Landschaft durch moosbedeckte Eichenwälder und dichten Farnbewuchs.

 

Laut und leise auf dem Jakobsweg

 

Villamayor del Rio / Belorado / Villafranca-Montes de Oca

 Nachdem ich am gemeinsamen Frühstück teilgenommen hatte, machte ich mich an diesem Morgen erst einmal im gemächlichen Tempo auf den Weg. Ich war in der Nacht zweimal unplanmäßig auf der Toilette gelandet. So ganz fit war ich nicht, aber ich wollte auf jeden Fall weiter.

   Und da ich heute ja nur fünfzehn Kilometer vor mir hatte, und ich mich darauf freute Monica zu sehen, glich ich kurz nach der Herberge mein Tempo dem korpulenten Kanadier Eric an, auf den ich an einer kleinen Steigung aufgelaufen war.

   Man konnte sehen, dass er Mühe hatte auf seinem Weg. Seine Schritte waren schwer und sein ganzer Körper neigte sich bei jedem Schritt hin und her. Dabei baumelte seine große rote Trinkflasche, die er mit einem Karabinerhaken an seinem Rucksack befestigt hatte, wild hin und her.

Villafranca-Montes de Oca

 Eric war ein sehr angenehmer und gemütlicher Mensch. Er erzählte mir von seiner Familie, seinen zwei Töchtern und von seiner Planung, den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela durchzuhalten, obwohl es ihm, wie er selbst eingestand, ziemlich schwer fiel. Er hatte sich nach der Trennung von seiner Frau erst einmal für vier Monate beurlauben lassen und wollte nach dem Jakobsweg auch noch Freunde in Kiel und München besuchen.

   „Mein Tempo ist so langsam, dass ich immer als Letzter in den Herbergen ankomme“, sagte er, „aber ich bin der einzige, der fast immer  Applaus bekommt, wenn ich mein Ziel erreiche. Die Menschen wünschen mir immer, dass ich gut ankomme und freuen sich wirklich, wenn ich es schaffe.“ Mittlerweile hatten es sich einige Mitpilger sogar angewöhnt ihm einen Platz zu reservieren, obwohl das in den Herbergen nicht gestattet war.

   So wanderten wir eine gute Stunde nebeneinander her und erreichten den Ort Belorado, bei dessen Namen ich sofort wieder an John Wayne denken musste. Wir setzten uns in das erste Pilgercafe` im Ort und machten Pause. Ich spürte, dass mir der langsame Gang gut getan hatte und ich war froh, Eric getroffen zu haben.

   Ich besorgte uns zwei Kaffee und als ich damit wieder heraus kam, hatte sich ein junger Mann mit einem Hund zu uns gesetzt. Ich hatte ihn zwar noch nie gesehen, dafür aber schon sehr viel von ihm gehört. Er kam aus Nürnberg und war mit seinem Schäferhundmischling namens Bärbel unterwegs. Er hatte sie in einem Urlaub in Mailand gefunden und mit nach Deutschland genommen. Außergewöhnlich war schon die Tatsache, dass ein Pilger mit seinem Hund auf dem Jakobsweg unterwegs war, aber ganz besonders war die Tatsache, dass Bärbel ihren eigenen Hunderucksack trug. Etwa eineinhalb Kilogramm musste sie auch mit sich schleppen.

   „Und das macht sie prima“, sagte ihr Besitzer stolz, „es ist zwar manchmal etwas kompliziert, einen Schlafplatz zu finden, aber wir schaffen das schon bis nach Santiago.“ In Spanien ist es nicht erlaubt, Hunde in öffentliche Gebäude mit zu nehmen. Und das schließt die Pilgerherbergen mit ein.

   „So kommen wir aber auch zu ganz tollen und außergewöhnlichen Schlafplätzen, wie einem verlassenen Glockenturm oder einer Scheune. Wir haben bis jetzt immer etwas gefunden.“ Die Hündin war auch so brav und gut erzogen, dass sie wirklich aufs Wort hörte.

   Nach zwei Tassen Kaffee verabschiedete ich mich von den Beiden. Es war noch nicht so warm und diese angenehmen Temperaturen wollte ich auf jeden Fall noch ausnutzen. Gemächlich erreichte ich kurz nach Mittag mein Ziel, den Ort Villafranca – Montes de Oca und seine Pilgerherberge.

   Ich checkte bei einer jungen Dame am Eingang ein und durfte mir in dem großen Schlafraum ein Bett aussuchen. Nach dem Ankommritual, Schuhe und Strümpfe ausziehen und lüften, Duschzeug und frische Klamotten raussuchen, wobei das Wort „frisch“ hier nicht angebracht war, und dann erst einmal schön duschen, legte ich mich auf mein Bett und schloss die Augen.

   Fast automatisch wachte ich aus einem leichten Schlaf auf. Im Türrahmen stand eine wunderschöne Frau. Schwarze, lange Haare eine weiße, kurzärmlige Bluse und ein langes weißes Kleid. Sie passte so gar nicht in eine Pilgerherberge, es sei denn, man hätte sie in ihrer weißen Kleidung für einen Engel gehalten. Aus meinem Innern hörte ich ein reflexartiges „wow“ und erkannte dann – das war Monica. Nun entdeckte sie mich auch und kam auf mich zu. Alle wachen Blicke in dem Raum waren auf sie gerichtet.

   „Hallo Werner“, sagte sie leise zu mir, „können wir los? Ich fühl mich mit den Klamotten hier nicht so wohl.“

   Ich wollte auflachen, verkniff es mir allerdings. Ich packte meine Kameratasche und folgte ihr nach draußen zu ihrem Auto. Nach zwei autofreien Wochen, und dann noch auf dem Beifahrersitz, kam ich mir während der knapp vierzig Kilometer bis in die Großstadt Burgos etwas komisch vor, zudem ich ja immer noch auf Pilgerschaft war. Monica wollte alles über meine vergangenen Tage wissen. Meine Erlebnisse, meine Eindrücke, meine Meinung zu diesem und jenem. Ich berichtete ihr so gut ich konnte und versuchte, nichts auszulassen.

   Kaum waren wir in der City von Burgos angekommen, verschwanden wir in einer Tiefgarage, um dann mit einem Fahrstuhl direkt auf den Rathausplatz zu gelangen. Wir gingen ein paar Meter, bis ich ein Eiscafé entdeckte.

   „Ich will ein Eis“, sagte ich.

   „Hast du mir nicht gerade auf der Fahrt erzählt, dass du dir den Magen verdorben hast und heute Nacht mehrmals auf die Toilette musstest?“  Ich blieb stehen, schaute sie an und fragte mich, ob sie jetzt meine Mami spielen wollte.

   „Ich will ein Eis“, wiederholte ich. Monica verdrehte die Augen und kaufte mir ein Eis. Wir setzten uns auf eine riesige steinerne Bank und schauten uns das Treiben an.

   „Gefällt mir nicht“, sagte ich, „das passt nicht zur Pilgerschaft. Zu viele Menschen, zu viel Hektik, keine Ruhe.“ Monica tippte mich an, stand auf und deutete über die Häuser. Die Spitzen zweier Türme waren zu sehen.

   „Komm, du Pilger. Ich zeige dir die Kathedrale.“

   Villafranca-Montes de OcaDie „Catedral de Santa Maria“ wurde vom zwölften bis zum sechzehnten Jahrhundert erbaut und gehört zu den eindrucksvollsten Bauwerken Spaniens, so mein Reiseführer. Die vierundachtzig Meter hohen Türme wurden nach den Plänen von einem Juan de Colonia, übersetzt Hans von Köln, geplant und erbaut.

   Was dann noch alles in meinem Reiseführer über dieses Bauwerk stand, waren sehr viele Namen und Daten, wer, wann und womit seine Handwerkskunst zum Besten gegeben hat. Alleine diese Ausführlichkeit hatte mich neugierig gemacht, obwohl ich sonst nicht besonders auf  Bauwerke dieser Art stehe.

   Monica kaufte uns die Eintrittskarten und ein Ticket, dass ich meine Kamera mit hinein nehmen durfte. Durch einen der vielen Nebeneingänge betraten wir das Gotteshaus. Wie schon erwähnt, eigentlich stehe ich nicht so besonders auf kirchliche Bauwerke. Und auf spanische sowieso nicht.

   Ich hatte vor langer Zeit zwei Jahre in Mexiko verbracht und mich dabei sehr intensiv mit der Geschichte und der Kultur der Ureinwohner beschäftigt. Was die Spanier in dieser Zeit im Zeichen des Kreuzes angerichtet hatten, war sehr schlimm. Unter anderem hatte ich gelesen, wie viele Tonnen Gold und Silber, bzw. Edelsteine die Spanier damals den Mayas und Azteken gestohlen und per Schiff in ihr Land verbracht hatten. Ich stellte mir beim Anblick der ersten vergoldeten Altäre vor, dass ich hier genau diese Schätze nun bestaunte.

   Natürlich behielt ich diese Gedanken für mich. Mich beschlich auch sofort ein schlechtes Gewissen, warum ich gerade jetzt an so etwas denken musste. Nach und nach beeindruckte mich allerdings das, was ich hier sah, so sehr, dass ich aus dem Staunen nicht mehr heraus kam. Das heißt, eigentlich kam ich aus dem Filmen nicht mehr heraus. Ich hatte, ähnlich dem Kölner Dom ein Bauwerk erwartet, indem es vorn einen großen Hauptaltar gibt, dann noch ein paar Nebenaltäre, einen Sarg hier, eine Skulptur dort, einmal rundgegangen und gut ist. Aber hier war alles anders.

   Zuerst fiel mir auf, dass es überall lichtdurchflutet war. Dafür sorgten die hohen Fenster und die teils vorhandenen Dachkuppeln aus Glas. Dann war der Bau total verwinkelt. Jeder der zahlreichen Nebenaltäre war größer, höher und beeindruckender als der Hauptaltar jeder mir sonst bekannten Kirche.

   Die Decken waren zum Teil fünfzig, sechzig, ja bis zu achtzig Meter hoch. Und, was erstaunlich war, die Altäre waren es auch. Ich fragte mich, wer denn so weit oben noch die feinen Details erkennen sollte. In jeder Ecke schien ein anderes Thema zu herrschen, eine andere Geschichte mit verschiedenen Lichteinflüssen und unterschiedlichen Materialien.

   Ich filmte nur noch. Hinter jeder Ecke kam wieder was Neues, Unerwartetes zum Vorschein. Und mir immer in einiger Entfernung voraus steuerte mich Monica durch das riesige Gebäude, wobei ich sie nur im Augenwinkel wahrnahm, was bei mir den Eindruck hinterließ, als ob sie nicht vor mir her gehen, sondern vor mir her in die Räume schweben würde. Sie hatte einen kleinen Lageplan und versuchte mich zwischendurch über das ein oder andere geschichtliche Detail aufzuklären - aber vergebens. Ich staunte durch den Sucher meiner Kamera hindurch und war, ohne Übertreibung, hin und weg.

   So hin und weg, dass ich bis heute der Überzeugung bin, dass die Kathedrale von Burgos das mit Abstand in allen Bereichen beeindruckenste Gotteshaus ist, das ich kenne. Und auch auf die Gefahr hin, dass einige mir sehr wichtige Menschen nicht mehr ein Wort mit mir reden sollten, und ich wahrscheinlich, trotz grüner Umweltplakette, nie mehr in die Innenstadt von Köln fahren darf, aber im Ernst - gegen die Kathedrale von Burgos wirkt der Kölner Dom ( sorry, aber es tut jetzt kurz mal weh ) wie eine dunkle Kapelle.

   Es dauerte von mir unbemerkte zwei Stunden, bis wir durch ein kleines Tor aus der Kathedrale hinaustraten. Ich musste mich setzen und schaute mir das große Bauwerk jetzt auch noch etwas intensiver von außen an. Die helle Fassade, die Türme und Kuppeln täuschten trotz ihrer Größe über das noch imposantere Innere hinweg. Monica nahm meine Begeisterung wahr und ließ mich einige Minuten allein. Als sie zurückkam, lächelte sie zufrieden.

   „Ich muss dir sehr danken“, sagte ich zu ihr, „das hätte ich verpasst, wenn ich hier nur durchgelaufen wäre.“ Ich war mir sicher, dass ich alleine aufgeschreckt durch den Massenandrang in der Innenstadt mit dem Rucksack auf dem Rücken rasch weiter gezogen wäre und es sehr wahrscheinlich gar nicht bis in die Kathedrale geschafft hätte.

   Wir suchten uns ein kleines Cafe` in einer ruhigen Straße und Monica überließ mir die Entscheidung, ob wir in Burgos oder in Villamayor zu Abend essen sollten. Mir war lieber erst zurück in den ruhigen, beschaulichen Ort zu fahren, wo wir in einem kleinen Restaurant nahe eines Brummiparkplatzes ein schönes, ausgefallenes Abendessen zu uns nahmen.

   Unsere Laune war ausgelassen. Monica wirkte in zivil etwas lockerer und ich mochte ihren Humor. Einen gewissen Grad an Ernsthaftigkeit ließ sie aber nie vermissen. Und außerdem sah sie in Bluse und Kleid einfach besser aus. Wir planten meine nächsten Tage und Monica gab mir Tipps wohin ich unbedingt hingehen sollte, wo ich am besten übernachtete und was ich auf keinen Fall verpassen dürfte. Ihr war unschwer anzumerken, dass sie am liebsten ihren Rucksack geholt und mitgegangen wäre. Und ich bin mir sicher, dass wir beide gemeinsam bis nach Santiago gegangen wären. Aber langsam wurde uns bewusst, dass wir uns voneinander zu verabschieden hatten – wieder einmal. Ich muss zugeben, es fiel mir jedes Mal schwerer und ich bin sicher, so ging es ihr auch.

   Eine kurze Ablenkung gab es noch mal, als Eric den Gastraum betrat und kurz zu uns an den Tisch kam, um uns zu begrüßen. Ich hatte Monica von ihm erzählt. Es war kurz nach zehn Uhr und für mich wurde es Zeit, in die Herberge zu kommen.

   Draußen auf dem Parkplatz hatten mehrere Lkw um Monicas Auto geparkt. Einer dieser Lkw inklusive Anhänger war voll mit lebenden Schweinen. Als wir am Wagen angekommen waren, umarmten wir uns sehr lange. Dann schauten wir uns in die Augen und – ich weiß bis heute nicht, wer von uns damit angefangen hat – berührten sich unsere Lippen. Wir küssten uns leidenschaftlich.

   Für mich in diesem Moment, am Auto stehend, etwas zu leidenschaftlich. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf und ein immer lauter werdendes Geräusch ließ der Leidenschaft keine Chance. Wir lagen uns immer noch eng in den Armen und fingen beide laut an zu lachen. Die geschätzten zweihundert Schweine in dem LKW direkt hinter uns hatten laut angefangen zu grunzen und zu schreien und ich hatte den Eindruck, manche von ihnen sahen uns sogar direkt an.

   Monica gab mir noch einen Kuss auf die Wange, setzte sich in ihren Wagen und fuhr kopfschüttelnd und lachend los. Auch ich bekam das Grinsen nicht aus meinem Gesicht. Und ich denke, als ich mit genau diesem Grinsen den noch hell beleuchteten Schlafraum betrat, wurde das sicher von einigen meiner Mitpilger falsch gedeutet. Jedenfalls dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich mich im Bett liegend, endlich umdrehen und schlafen konnte.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD