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Der Jakobsweg in Spanien - Burgos

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Jakobsweg Impressionen Teil 1

 

Villafranca-Montes de Oca/ San Juan de Ortega / Atapuerta / Burgos

 Wie jeden Morgen ging das Gewusel im Zimmer früh los. Gegen sieben Uhr befand ich mich gegenüber der Herberge und füllte meinen Wasservorrat am Brunnen auf. Keine hundert Meter an einer Kirche vorbei stieg der Weg recht steil an, was fast zwei Kilometer lang andauerte - „Montes de Oca“ - wie der Name schon sagt. Eine solche Kraxeltour kurz nach dem Aufstehen auf noch fast nüchternen Magen weckt auch den verschlafensten Frühpilger auf.

Burgos

 Aber man wird auf dem Jakobsweg immer und sofort auch wieder entlohnt. Genau als die Sonne hinter mir aufging, erreichte ich den Gipfel der Oca Berge auf knapp eintausendzweihundert Metern Höhe und vor mir, im Licht der morgendlichen Sonnenstrahlen konnte ich gut hundert Kilometer weit sehen – ein genialer Anblick in einer einzigartigen Morgenstimmung.

   Da kannst du gar nicht anders, du musst dich bester Laune in diese Landschaft aufmachen. Zehn Kilometer hatte ich vor mir, bevor ich außer Mars Riegel, Iso-Drink und Wasser etwas Herzhafteres zu essen bekommen sollte. Kein Pilger begegnete mir auf dem Weg, die Einsamkeit und Ruhe der Landschaft waren beeindruckend und berauschend zugleich.

   Nach einem Herrn San Juan de Ortega, der sich im elften Jahrhundert hier um die Pilger gekümmert hatte, war der Ort benannt. Er erbaute auch die Kirche Iglesia de San Nicolas, die heute allerdings einen herunter gekommenen Eindruck macht. Auch sonst versprühte der Ort keinen besonderen Charme, der zum Verweilen eingeladen hätte - außer der Pilgerherberge, wo man hervorragend frühstücken konnte. Frisch gestärkt machte ich mich wenig später weiter auf meinem Weg und dachte über den gestrigen Abend mit Monica nach.

   Ich wusste nicht so recht etwas mit der Situation anzufangen. Ich war mir sicher, wenn wir einen etwas romantischeren Ort erwischt hätten und mit etwas mehr Zeit - dann wäre das sicher noch weiter gegangen. Und ich fragte mich wirklich, ob mir das recht gewesen wäre. Und bei diesem Gedanken fragte ich mich sofort, ob ich sie noch alle hätte. Hier auf dem Jakobsweg zu sein, veränderte scheinbar die Sicht auf alle Dinge. Aber ich sollte mich schneller wieder mit dem Thema beschäftigen, als ich dachte - Monica sendete mir eine SMS. Ob ich am Wochenende nicht mal etwas ganz anderes machen wollte, war die Frage, und ich hatte so eine Ahnung, was „das ganz andere“ sein könnte. Ich antwortete zunächst nicht und dachte nach, während ich wanderte. Dann, während einer Pause antwortete ich ihr, was sie denn vorhätte, worauf fünf Minuten später mein Telefon klingelte.

   „Hallo Werner, “ begrüße sie mich, „wie hast du geschlafen?“

   „Gut“, antwortete ich mit einem Grinsen in der Stimme, „ich musste noch lange über die merkwürdige Situation am Parkplatz nachdenken.“

   „Ja. Ich auch. Es war urkomisch.“ Ich hatte Monica erzählt, dass ich in der Planung meiner Reise jede Woche einen freien Tag eingebaut hatte, den ich vielleicht einmal abseits des Jakobsweges verbringen wollte. Eine Art Urlaubstag, hatte ich gedacht, oder Pausentag, wenn die Füße nicht mehr wollten. Darauf sprach sie mich jetzt an.

   „Die Eltern einer Freundin von mir haben ganz in der Nähe von Burgos ein kleines Landhaus mit einem riesigen Garten. Das Haus könnte ich am Wochenende nutzen. Hättest du Lust dazu?“ Sofort schoss ein Bild in meinen Kopf. Monica hatte ihre Freundin mit dem Wochenendhaus einmal kurz erwähnt. Sie machte dort im Sommer oft einen Kurzurlaub. Sie und ihre Freundin würden dort den ganzen Tag sehr freizügig am Swimmingpool verbringen, da dieser von außen nicht sichtbar war. Dieses Bild bekam ich irgendwie nicht aus dem Kopf.

   „Ja. Tolle Idee, “  sagte ich begeistert.

   „Prima, “ antwortete sie mir, „dann suchst du dir morgen am besten von Burgos aus eine Busverbindung.“

   „Diese verdammten Busse“, dachte ich und notierte kurz den Ort, an dem ich morgen aussteigen, und sie mich abholen wollte.

   Bevor ich noch richtig über diese Verabredung nachdenken konnte, lief ich in einem kleinen Ort direkt auf den Garten des Refugios zu. Darin genossen mehrere Pilger auf Liegen, Stühlen oder im Gras liegend die Sonne. Ich schritt bis an den kleinen Gartenzaun heran und beschloss spontan hier einzuchecken.

   Die Herberge war ziemlich neu und sah sehr gepflegt aus. Die Zimmer waren klein und jeweils mit sechs Betten bestückt. Nachdem ich meine Sachen sortiert und geduscht hatte, begab auch ich mich in den Garten. Um mich herum hörte ich nur verschiedene, fremde Sprachen. Mein Reiseführer, den ich als Lektüre mitgenommen hatte, erzählte mir erstaunliches über diesen kleinen Ort.

   Hier in Atapuerca wurden im Jahr 1994 die Überreste des ältesten, jemals in Europa gefundenen Menschentyps gefunden und somit  gehört der Ort zu den wichtigsten archäologischen Ausgrabungsstätten der Welt.

   Ich staunte nicht schlecht, aber hier im Garten zu liegen, war mir im Moment wichtiger, als diese prominente Ausgrabungsstätte zu besichtigen. Einer der Gäste ging an mir vorbei und nickte mir zu. Es war ein kleiner, älterer Herr mit etwas lädiertem Gesicht aus Korea, den ich in unserem Zimmer schon kurz kennengelernt hatte. Zwei Nächte zuvor war er mitten im Schlaf aus einem der oberen Betten gefallen und hatte sich dabei ein blaues Auge eingefangen. Er hatte sich mit seinen zweiundsechzig Jahren auf den Jakobsweg gemacht und ich fragte mich, wie jemand aus Korea auf die Idee kommen konnte.

   Um kurz nach neunzehn Uhr saß ich im einzigen Restaurant des Ortes und wartete auf mein Pilgermenü. Rotwein und Brot standen wie immer schon bereit, als eine junge, etwas korpulentere Frau das kleine Lokal betrat. Es waren nur noch zwei Plätze frei. Bei dem Herrn aus Korea saß eine junge Asiatin am Tisch, mit denen sich die Frau kurz auf Englisch unterhielt, um sich dann zu mir umzudrehen und nach dem freien Platz zu fragen.

   „Bitte sehr, setz dich“, sagte ich freundlich, denn die junge Frau sprach Deutsch und ich freute mich, mich wieder mal in meiner Sprache zu unterhalten. Martina kam aus der Nähe von Augsburg. Auch sie war froh, mal wieder in ihrer Sprache Kontakt zu haben. Wir beide waren die einzigen Deutschen in der Herberge.

   „Aber den beiden da drüben muss es noch schwerer fallen, den Jakobsweg zu gehen. Koreaner trifft man nun wirklich selten hier. Und beide können nur sehr schlecht Englisch. Aber heute haben sie sich hier gefunden.“ Sie schaute zum Nachbartisch.

   „Chan ist seit zwei Wochen unterwegs. Er kann wenigstens etwas englisch. Aber Lee kann sich fast gar nicht verständigen. Eine mutige Frau. Sie ist gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt und ist vollkommen alleine unterwegs.“ Ich war erstaunt. Zum einen über die Tatsache, dass sich Menschen aus Korea auf den Jakobsweg begaben. Und zum anderen, dass sich die beiden bei der Vielzahl von Pilgerherbergen ausgerechnet hier trafen. Und sie schienen einen Riesenspaß zu haben, sich endlich wieder in ihrer Heimatsprache zu unterhalten. Und noch etwas fiel mir auf. Obwohl bei ihnen am Tisch noch ein Platz frei war, setzte sich niemand zu ihnen. Sie schauten nur zu und schienen nicht stören zu wollen. Die junge Lee war überglücklich

   „Sie hatte in den letzten Tagen immer wieder Probleme mit ihren Füßen gehabt und ist nur langsam vorangekommen. Ich habe sie ein paar Mal angesprochen, und sie schien sehr frustriert zu sein.“

„Na, das scheint ja zumindest heute Abend nicht mehr der Fall zu sein“, bemerkte ich und ließ mich, wie das halbe Restaurant von der rührenden Szene beeindrucken.

   „Jaja der Weg, “ sagte Martina und erkundigte sich nach meinen bisherigen Erlebnissen. Ich berichtete ein wenig und erfuhr dann von ihr, dass sie ab Burgos mit dem Zug eine längere Strecke Richtung Santiago zurücklegen wollte.

   „Mit meiner Körperfülle komme ich nur langsam voran. Und ich bin froh, es bis hierher geschafft zu haben.“ Jetzt hatte ich den Eindruck, sie übertrieb ein bisschen. Sie schien eine sehr gläubige Frau zu sein und meinte diesen Weg als Dank und aus Respekt zu Gott zu gehen. Es war schon lange ihr Traum gewesen, auf  Pilgerschaft zu gehen.

   „Aber erst seit ich das Buch von Hape Kerkeling gelesen habe, habe ich den Entschluss gefasst, es auch zu probieren. Wie er als Couchpotato es geschafft hat, hat mich ermutigt.“

   „Ich denke, Hapes Buch hat den Jakobsweg für viele Menschen gangbar gemacht“, antwortete ich.

   Wir hatten ein schönes, gemeinsames Abendessen, das immer wieder begleitet wurde vom Lachen einer kleinen, sehr glücklichen Asiatin.

****

Heute Morgen wurde ich ohne Geraschel um mich herum wach. Im Zimmer war es dunkel und still. Die Nacht war, abgesehen von kleinen Unterbrechungen für die Chan mit einem ohrenbetäubenden Schnarchen gesorgt hatte, sehr gut. Einmal wollte ich ihn anschupsen, aber ich hatte Angst, dass er dabei wieder aus dem oberen Bett fallen würde, denn er hing schon halb hinaus. Wie so ein kleiner Mann einen solchen Lärm machen konnte, war mir unbegreiflich. Unter ihm schlief Lee, mir gegenüber ein kanadisches Ehepaar und dann waren da noch zwei junge Italienerinnen – wenn das keine internationale Zimmerbelegung war.

   Ich hatte das Bett direkt an der Türe. Also dachte ich, wenn ich jetzt ganz leise unter die Dusche husche, könnte ich ganz früh unterwegs sein. Also versuchte ich ganz leise zu sein. Aber ich wunderte mich immer mehr, so gar nichts zu hören. Nach einer Weile ging ich an die Betten meiner Mitbewohner und erkannte - sie waren leer. Ich machte das Licht an und – sie waren alle leer!

   „Wie tief hatte ich denn nur geschlafen,“ dachte ich, „dass ich nicht mitbekommen hatte, wie sich das ganze Zimmer fertig gemacht, und wahrscheinlich zigmal an mir vorbei, durch die Tür gegangen war.“

   Ich schaute auf meine Armbanduhr, die ich mir extra für meine Reise zugelegt hatte. Es war eine leichte Sportuhr mit Gummiarmband und allen möglichen Anzeigefunktionen. Unter anderem hatte sie auch eine Weckfunktion. An diesem Morgen zeigte mir meine Uhr dann auch gleich alle ihre Funktionen auf einmal. Es leuchtete und blinkte wie wild – sie war hinüber.

   Jedenfalls hatte ich jetzt Platz satt und konnte mich in aller Ruhe auch fertig machen. Als ich die Herberge verlassen hatte und mich gerade orientieren wollte, kam aus einer Seitenstraße Eric heraus.

   „Guten Morgen Werner“, begrüßte er mich sehr freundlich und lautstark, „Du bist spät unterwegs. Verschlafen?“

   Er schien heute Morgen einen Kasper gefrühstückt zu haben, so gut und frech war er drauf. Er hatte sich mit dem Ehepaar aus Kanada angefreundet, und es hatte sich heraus gestellt, dass sie in der gleichen Stadt lebten. Ja besser noch. Der Mann kannte sogar Erics Vater aus seiner Jugendzeit. Die Welt ist klein, und auf dem Jakobsweg scheint sie manchmal noch ein bisschen kleiner zu sein.

   „Die Straße rauf rechts gibt es Frühstück“, sagte Eric im weitergehen, „wir sehen uns.“ Einen guten Kaffee ließ ich mir natürlich nicht entgehen und so zog auch ich wenig später gut gestärkt der gesamten Truppe hinterher.

   Es war Freitag und heute war ich genau zwei Wochen unterwegs. Mein Reiseführer verriet mir, dass ich bis heute rund dreihundertsiebzig Kilometer zurückgelegt hatte – ein gutes Drittel meiner Reise. Dafür hatte ich mir auch eben beim Frühstück einen zweiten Kaffee geleistet. Eigentlich ein Grund zu feiern, wobei mir spontan Monica einfiel. Ja, was für ein Wochenende stand mir da bevor?

   BurgosHinter Atapuerca gab es einen kleinen Anstieg auf knapp elfhundert Meter. Auf der halben Strecke sah ich in einiger Entfernung eine rote Wasserflasche hin und her baumeln. Wenige Minuten später hatte ich Eric eingeholt.

   „Na Eric, heute etwas gemächlicher unterwegs?“ versuchte ich mich zu revanchieren. Er lachte und wir gingen eine Weile nebeneinander. Ich hatte den Eindruck, dass ich ihn ein bisschen mitzog und ihm half, den Anstieg zu schaffen. Als wir oben angekommen waren, sah ich vor uns Martina gehen, die wohl das gleiche Tempo wie Eric ging. Ich zog ihn noch bis auf ihre Höhe mit und beschleunigte dann wieder mein Tempo.

   Wieder einmal überrascht von einem wunderschönen Weitblick in die morgendliche Landschaft. Ich empfand es dabei als sehr angenehm, dass der Verlauf des Weges fast immer zu sehen war. Nach der kleinen Erhöhung führte der Weg nun stetig leicht bergab. Etwa zehn Kilometer vor Burgos hielt ich zu Mittag in einer kleinen Dorfschänke an. Zahlreiche vor der Türe abgestellte Rucksäcke deuteten mir, dass man hier gut essen kann.

   Bewacht wurden die Rucksäcke von einem Hund, den ich unterwegs schon einmal kurz gesehen hatte. Es war der Hund eines Mannes, der sich selbst als Eremit bezeichnete. Ich hatte von Martina erfahren, dass er früher ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen sei. Doch irgendeine Begebenheit hatte ihn dann Job, Familie, Haus und Freundeskreis aufgeben lassen und er war ohne jeden Besitz, außer der Klamotten die er bei sich trug, auf der Suche nach Gott, wie er es beschrieb. Er war mir auf dem Weg immer nur kurz begegnet und hatte mich dabei mit sehr freundlichen Augen gegrüßt. Diesmal lud er mich ein, zu ihm und seinen zwei weiblichen Begleitungen zu setzen. Er redete zu mir in recht gutem Deutsch.

   „Ich habe zwei Jahre in Heidelberg studiert“, sagte er und erkundigte sich nach meinem Befinden. Er wirkte auf mich sehr ruhig und ausgeglichen, fast schon meditativ. Ich merkte, wie ich schwer in meinen Stuhl sank während ich ihm zuhörte. Er sprach mit mir Deutsch, dann mit der einen Frau etwas auf Italienisch, dann mit der anderen in Französisch. Er fragte mich nach meiner Meinung zu einem bestimmten Thema, aber ich antwortete nur ganz knapp.

   Ich war in einer Stimmung, in der ich reden als störend empfand. Ich weiß nicht, wie lange ich dort so gesessen bin, aber irgendwann standen die drei auf und verabschiedeten sich von mir. Ich war halb in Trance, mir war wohlig und schwer zumute und ich erinnerte mich sinngemäß an einen Satz von ihm, der beschrieb, dass der Jakobsweg vieles geben, aber auch einiges fordern würde. Ich konnte das nicht richtig einordnen und machte mich noch halb in diesem angenehmen, schweren Zustand etwas schaukelnd wieder auf den Weg.

   Sobald ich den Außenbezirk von Burgos erreichte, machte das Wandern keinen großen Spaß mehr. Wenn der Jakobsweg durch eine Großstadt führt, verliert er jeden Reiz. Ich erreichte die Innenstadt, sah von fern die Türme der Kathedrale und suchte den Busbahnhof. Der Ort, den Monica mir genannt hatte, schien ja echt beliebt zu sein.

   Als ich den Mann am Ticketschalter um eine Fahrkarte bat, lachte er zu seinem Kollegen am Nachbarschalter hinüber, der dann auch anfing zu lachen. Ich verstand nicht, was sie sich sagten, also bildete ich mir ein, dass sie einfach nur einen Scherz machten, völlig unabhängig von meiner Person. Jedenfalls teuer war es nicht, die Fahrkarte kostete zwei Euro achtzig. Und mein Bus ging in zwei Stunden. Meine Ankunftszeit teilte ich Monica per SMS mit.

   Ich ging auf den großen Hauptplatz, auf dem ich von Monica mein Eis bekommen hatte. Das Eiscafé hatte geschlossen. Also schlenderte ich umher und wurde innerlich unruhig. Hier und da entdeckte ich im Getümmel der Menschen Pilger, die mit ihren Rucksäcken und Wanderstäben auffielen. Dieser Platz hier war ein Stück des Jakobsweges. Der Weg führte hinüber zur Kathedrale, um sie herum und durch die Altstadt von Burgos vorbei an der etwas abgelegenen Pilgerherberge wieder heraus aus der Stadt. Ich setzte mich in ein Cafe` und beobachtete die Menschen.

   Ich war unruhig, ich spürte den Drang zu gehen. Ich konnte nicht in Ruhe hier warten, um dann in etwa drei Stunden eine schöne Frau zu begrüßen, und fern vom Weg ein Wochenende zu verbringen. Diese Gedanken schwappten in meinem Kopf hin und her, auch dann noch, als ich im Busbahnhof saß und die Abgase der wartenden Reisebusse einatmete.

   „Das ist doch nun wirklich kein Ort für einen Pilger, “ war einer der wenigen klaren Gedanken, die in mir aufkamen, „das hier doch wirklich nicht.“ Dann rollte mein Bus vor und öffnete die Seitenklappen. Fast automatisch verstaute ich meinen Rucksack und suchte mir einen Sitzplatz.

   „Busfahren...,“ ich warf mir selbst vor, was ich da tat.

   Minuten später rollte der Bus durch die Altstadt von Burgos hinaus in die Landschaft, aus der ich gekommen war. Mit jedem Kilometer, den der Bus hinter sich brachte, fühlte ich mich schlechter. Bei jeder Station, die er anfuhr, fühlte ich den Impuls auszusteigen, und ich hatte keine Ahnung, warum das so war.

   Es war Sommer in Spanien – herrliches, warmes Urlaubswetter. Ich hatte ein Wochenende vor mir mit einer bemerkenswerten Frau – attraktiv, intelligent, selbstbewusst. Ein einsames, abgelegenes Wochenendhaus mit riesigem Garten und einem Pool, an dem ich mit ihr leicht oder gar nicht bekleidet liegend und schwimmend zwei Tage verbringen sollte. Und das ganze hatte sie auch noch von sich aus organisiert. Ich brauchte nicht mehr zu tun, als einfach nur zu ihr zu fahren. Leute, für so ein Wochenende würde ich zu Hause sonst was anstellen - da warte ich seit Jahren drauf. Ich war frei, in keiner festen Beziehung. Ich musste nicht mal ein schlechtes Gewissen haben. Doch irgendetwas in mir rebellierte wie wild.

   „Ein paar Kilometer von Burgos entfernt“, hatte Monica gesagt, aber der Bus war jetzt schon fast eine Stunde unterwegs. Ich ging zum Fahrer und erkundigte mich nach meinem Zielort – die nächste Haltestelle musste ich raus - ich stand auf einem Fernfahrerrastplatz. Monica war noch nicht da und so ging ich ins Restaurant. Ich zog einige Blicke auf mich, einen Pilger sahen die Herrschaften, so weit vom Weg entfernt, eher selten. Ich bestellte mir eine Cola, mein Magen war durcheinander gekommen. Wenig später sah ich vor der Tür Monicas Auto und ging nach draußen. Sie stürzte auf mich zu und küsste mich. Erst dann schaute sie mich richtig an.

   „Wie siehst du denn aus? Geht’s dir nicht gut?“ fragte sie mit besorgter Miene. Sollte ich jetzt einen auf krank machen? Nein, dann würde ich sie belügen.

   Monica war schon mit kurzem Rock und leichter Bluse urlaubsmäßig gekleidet, was es mir nicht gerade leichter machte.    Wir setzten uns in ihren Wagen.

   „Hey, was ist los mit dir?“ wollte sie erneut wissen. Ich schaute ihr in die Augen und antwortete mit einem Satz, der nicht der meine zu sein schien.

   „Ich kann nicht hier bleiben, ich muss zurück auf den Weg.“

   „Ja, wie? Du kannst doch am Sonntag wieder zurück.“

   „Monica. Ich muss jetzt zurück, “ sagte ich in ein völlig verstörtes Gesicht. Es brach mir fast das Herz in ihre Augen zu sehen, als sie erkannte, dass wir uns diesmal wirklich voneinander verabschiedeten. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig von tiefer Enttäuschung in Wut. Ich wollte ihre Hand nehmen, aber sie zog sie ruckartig weg. Sie schaute mich nun nicht mehr an. Schweigend stieg ich aus und nahm meinen Rucksack auf, den ich an das Auto gelehnt hatte. Als ich an ihr Fenster ging, startete sie den Motor und fuhr davon.

   „Ich Idiot, “ nun dachte ich wieder selbst. Ein paar Minuten stand ich da mit gesenktem Kopf an der staubigen Straße. Dann rollte mir ein Bus vor die Füße und die Türe öffnete sich.

   „Burgos?“ fragte der Fahrer. Ich stieg ein, zahlte wortlos und versank in einem der Sitze.

   Nicht nur, dass ich Monica das Wochenende, und vielleicht auch viel mehr verdorben hatte, ich hatte auch mich um etwas ganz Besonderes gebracht. Ich hätte mich selbst zerreißen können, wie Rumpelstilzchen, so wütend war ich auf mich. Auf der anderen Seite war in mir aber auch ein Gefühl, das mir sagte, das Richtige getan zu haben. Verstehen konnte ich das nicht, aber das Gefühl wurde stärker, je mehr ich mich wieder Burgos näherte.

   Als der Bus am späten Nachmittag wieder in Burgos ankam, war es zu spät, um noch mal loszuziehen. Also suchte ich mir ein kleines Hostal, denn ich wollte für mich alleine sein. Am Abend spazierte ich um die Kathedrale und fand neben dem Haupteingang eine kleine Türe, die offen stand. Ich ging hinein und befand mich in dem Teil der Kathedrale, der den Touristen nicht gestattet war. Es war eine Art abgetrennte Kapelle.

   Ein paar Einheimische knieten auf den Bänken und beteten. Ich setzte mich ganz nach hinten und schloss die Augen. Ich dachte an Monica, wie es ihr wohl jetzt gehen würde. Ich hatte sie sicher verletzt. Und ich dachte an meine Reaktion, an dieses starke Gefühl, das mir gesagt hatte, ich solle wieder zurückkehren auf den Weg. Und dann erinnerte ich mich an den Eremiten, der mir mitgeteilt hatte, dass der Weg einem vieles gibt, aber – dass er auch einiges von einem fordert.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD