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Der Jakobsweg in Spanien -  Tardajos

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Jakobsweg Impressionen Teil 2

 

Burgos / Hornillos del Camino

Meine Nacht war ruhig und ich hatte ganz gut geschlafen. In der Stadt warfen die hohen Gebäude noch dunkle Schatten. Nur wenige Menschen waren unterwegs. Ich versuchte mich nach meinem Stadtplan zu orientieren, denn im Moment konnte ich keine gelben Pfeile oder die sehr schön in den Asphalt eingelassenen Jakobsmuscheln aus Metall sehen.

   Nachdem ich das erste Wegzeichen gefunden hatte, verschwand auch noch der letzte Rest von Bitterkeit oder schlechter Laune in mir. Ich war wieder auf dem Weg – ein gutes Gefühl. Allerdings wusste ich nicht so recht, ob wirklich ich ihn gefunden hatte. Mich beschlich ein Gefühl, dass eher er mich zurückgeholt hatte.

   „Ich will frühstücken“, murmelte ich vor mich hin, denn die Cafés, an denen ich bisher vorbeigelaufen war, hatten alle noch zu. Ich bog um eine Ecke und sah, wie eine junge Frau mit Schürze die Tische deckte. Ich bekam die erste Tasse Kaffee und das erste, warme Butterhörnchen.

   „Na also. Geht doch.“

   Die Strecke zwischen den Städten Burgos und Leon, so mein Reiseführer, sollte recht eintönig werden. Endlose Getreidefelder und flache Landschaften, so wurde die Meseta, die zentralspanische Hochebene beschrieben. Und so gab es auch viele Pilger, die diese Strecke mit dem Bus zurücklegten.

  TardajosEs war ein heißer Wandertag, der ohne Highlights am frühen Nachmittag in der Herberge in Hornillos del Camino endete.

   Nachdem mir die Verwalterin der Herberge mein Bett gezeigt hatte, nutzte ich die Gelegenheit meine Klamotten im Garten zu waschen und in die Nachmittagssonne zu hängen. Neben der Waschgelegenheit bemerkte ich den Hund des Eremiten brav in einer schattigen Ecke liegend.

   „Der war also auch hier“, hatte ich noch nicht ganz zu Ende gedacht, da kam Eric mit T-Shirts und Socken über der Schulter auf mich zu und begrüßte mich herzlich. Einen Moment lang dachte ich darüber nach, wie und wo er mich denn überholt hatte. Er musste eigentlich viel weiter hinter mir sein. Aber dann fiel mir ein, dass ich gegen Mittag, nachdem das Pilgermenü etwas zu reichhaltig, und  die Sonne etwas zu heiß gewesen war, ein kleines Schläfchen unter einem schattigen Baum gemacht hatte. Und dieses muss dann wohl etwas länger gewesen sein. Wir verabredeten uns für später im kleinen Cafe um die Ecke.

   Während ich das Zimmer wieder betrat begrüßte mich Martina. Sie war die ganze Tagesetappe mit Eric zusammen gegangen. So viele nette, bekannte Gesichter taten mir gut. Ich hatte nach dem Verlust meiner Freunde schon befürchtet, dass ich die restlichen zwei Drittel meines Weges ohne nette Kontakte hinter mich bringen musste. Obwohl, zu den Menschen vom Anfang des Weges hatte ich eine intensivere Beziehung, ganz besonders natürlich zu Monica – oh, ich wollte gar nicht über sie nachdenken.

   Die Herberge stand direkt neben der Kirche am kleinen Hauptplatz des Ortes. An diesen Hauptplatz grenzte auch das kleine Cafe, das am Abend für die Pilger zum Restaurant umfunktioniert wurde. Vor dem Cafe waren Stühle und Tische aufgebaut und so trafen sich mit der Zeit alle Pilger hier, um sich zu entspannen und Erfahrungen auszutauschen. Eric hatte auf dem Weg noch zwei junge Frauen aus Deutschland getroffen und so saßen wir alle an einem Tisch und genossen die Nachmittagssonne. Die Szene hatte Urlaubscharakter.

   Wir hörten aus der Ferne das Bimmeln von Glöckchen. Zum Glück wusste ich schon, wozu dieses Geräusch gehörte, denn sonst wäre ich wohl sehr verwundert gewesen. Das Geräusch hörte sich original so an, wie der Weihnachtsschlitten vom Nikolaus. Nur zogen da nicht Rentiere den Schlitten, sondern Pferde eine offene, kleine Kutsche. Und statt des Nikolaus saß ein älterer Herr auf dem Bock. Zu dem Gespann gehörten noch sieben Reiter.

   Diese spanische Gruppe hatte ich am Tage schon einmal gesehen, als sie abseits vom Weg die Tiere getränkt hatten. Und diese ganze Gruppe versammelte sich nun auf dem kleinen Platz, der schlagartig sehr belebt und überfüllt war. Die Pferde drehten sich vor und zwischen uns allen nervös herum, eines schmiss einen Stuhl um. Nur Martina machte Fotos, obwohl es so eng war, dass sie kein Pferd ganz auf ein Bild bekam. Die anderen hatten mit so einer Attraktion hier gar nicht gerechnet und ihre Apparate im Zimmer gelassen.

   Die Kinder des Dorfes waren herbei gelaufen und durften eine Runde mit dem Wagen mitfahren. Die Reiter führten ihre Pferde langsam vom Platz weg in Richtung Dorfrand, wo sie eine Scheune für die Nacht angemietet hatten.

   Am Abend saß ich mit Martina wieder zusammen beim Essen. Wir hatten den letzten freien Tisch bekommen und es standen schon mehrere Pilger im Gang und warteten auf einen freien Platz. Die Besitzerin kam zu uns, um uns zu fragen, ob wir die beiden freien Plätze brauchen würden. Da niemand unserer Bekannten zu sehen war, verneinten wir und so setzten sich zwei Spanierinnen zu uns, die mit zunehmendem Rotweingenuss sehr lustig und sehr laut wurden.

    Die Stimmung in dem kleinen Gastraum war fast schon ausgelassen. Dann wurde der Lärmpegel wirklich störend und da auch nach unserem Essen immer noch Gäste auf einen freien Platz warteten, nahmen wir unsere Gläser und die verbleibenden Flaschen Rotwein und trafen uns draußen auf der Mauer der Kirche wieder – alle. Gegen halb neun standen wir mit gut fünfundzwanzig Menschen zusammen. Fast jeder hatte ein Glas Rotwein in der Hand. Als sich der Himmel hinter der alten Kirche rot färbte, wurde es still und eine Weile beobachteten alle den Sonnenuntergang.

   Um kurz vor zehn Uhr wurde es dann Zeit die Herberge aufzusuchen, obwohl einige immer noch in sehr ausgelassener Stimmung waren. Als ich das Bad betreten wollte, standen drei Frauen an den Waschbecken. Martina schaute zu mir auf.

   „Hey. Hier ist die Damenabteilung.“ Verdutzt schloss ich die Tür wieder und hörte dann Gelächter im Bad. Es gab keine getrennten Bäder. Und da die Mädels alle ordnungsgemäß gekleidet waren, stellte ich mich grinsend dazu. Als wir alle unsere Betten bestiegen hatten, und die Kirche zehn Uhr schlug, wurde es ruhig im Raum. Er war mit sechs Stockbetten ausgestattet, also mit zwölf Personen. Darunter Kanadier, Franzosen, Spanier und Deutsche.

   Als einer der Franzosen das Licht gelöscht und sich alle gute Nacht gewünscht hatten, war es still im Raum. Draußen hörte man in einiger Entfernung noch Kinder spielen und wir Erwachsenen lagen hier um kurz nach zehn Uhr brav im Bett.

   „Was für ne Wahnsinnsparty hier, “ sagte ich spontan. Die Deutschen lachten auf, übersetzten den anderen und der ganze Raum lachte.

 

Auszug aus "1000 Kilometer auf dem 1000-jährigen Weg" - Taschenbuch und DVD